„Ich glaube, sie sind wieder weg", sagte Darec schließlich.
Auch Nadira hatte schon seit einer Weile keine Bewegungen mehr gesehen. Waren sie wirklich verschwunden? Wenn ja, würden die Dorfbewohner es sicherlich wissen. Sie hatten Erfahrung damit.
Aber es dauerte noch endlose Minuten bis schließlich die Entwarnung kam. Sie wurden aufgefordert die Fackeln in den Boden zu stecken und dann wieder ins Dorf zurück zu gehen.
***
Als sie wieder auf dem Dorfplatz angekommen waren, wartete der Älteste schon mit finsterer Miene. Nadira hatte sofort das Gefühl, dass Ärger bevorstand. Er stand schweigend da, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete. Nadira bemerkte, dass die Dorfbewohner, die aus dem Ring des Lichtes zurückkamen, sofort in den Hütten verschwanden. Jedenfalls die meisten. Einige nahmen auch Aufstellung hinter dem Ältesten und im Kreis um Nadira und die anderen herum.
„Ihr habt die Guul in unser Dorf geführt", sagte der Älteste. „Ihr habt Unheil über uns gebracht."
„Das stimmt nicht", rief Nadira. Sie sah Hilfe suchend zu Callanor, aber dieser wich ihrem Blick aus. „Callanor?"
„Doch, es stimmt", sagte Callanor zögernd.
„Es stimmt?" Nadira konnte nicht fassen, was sie da hörte. Er hatte wissentlich ein ganzes Dorf in Gefahr gebracht?
„Ihr werdet das Dorf verlassen, sofort!", sagte der Älteste scharf.
„Diese Dinger sind noch da draußen", rief Nadira. „Ihr könnt uns nicht da raus schicken."
„Ohne euch wären sie nicht hier. Ihr müsst gehen."
„Wir hatten keine andere Wahl", rief Callanor. „Sie waren uns auf den Fersen. Wir brauchten Schutz. Und ich wusste, dass wir hier Schutz finden würden."
„Ihr habt uns angelogen", sagte der Älteste. „Du wusstest, dass du die Guul zu uns führen würdest. Du hast uns alle in Gefahr gebracht."
„Ich wusste nichts davon", sagte Nadira.
„Wirklich nicht?" Der Älteste starrte Nadira an.
„Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber keine Ahnung was. Und ich wusste nicht, dass wir euch in Gefahr bringen würden."
Der Älteste musterte Nadira lange. Schließlich sagte er: „Ich glaube, du sagst die Wahrheit. Aber es ändert nichts. Ihr müsst gehen. Und zwar sofort." Er gab den Dorfbewohnern, die um Nadiras Gruppe herumstanden, einen Wink und plötzlich zogen diese Waffen.
„Was soll das?", rief Nadira. „Wir sind nicht eure Feinde."
„Nein. Ihr seid Verbannte. Geht jetzt."
„Wo ist Aurel?", rief Nadira. „Ich habe sie hier zurückgelassen."
„Sie gehört jetzt uns", sagte der Älteste. Nadira wollte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte.
„Was soll das heißen?", fragte sie lauernd.
„Sie wird eine von uns. Sie bleibt hier. Ihr geht. Sofort."
„Gebt mir sofort Aurel zurück." Nadiras Stimme war eiskalt geworden. Als sie auf den Ältesten zutrat, strahlte sie plötzlich eine gefährliche Autorität aus. „Sofort", fügte sie hinzu.
Der Älteste zögerte, aber nur einen Moment. „Nein. Sie gehört uns. Sie ist unsere Entschädigung."
„Ihr hattet gar keinen Schaden", sagte Nadira. „Niemandem ist etwas passiert."
„Das ist nicht euer Verdienst", sagte der Älteste. „Wir haben sie abgewehrt."
„Ihr könnt keine Entschädigung verlangen, wenn nichts passiert ist. Gebt mir sofort Aurel zurück."
Der Älteste trat zurück und winkte zwei Dorfbewohnern zu. Sie traten vor und wollten Nadira greifen. Aber bevor sie sie erreichen konnten, hatte Nadira nach ihrem Ashara gegriffen. Mit einer fast lässigen Bewegung der Arme schleuderte sie die beiden Krieger weit von sich. Mit einem dumpfen Schlag krachten sie in die Hütte des Ältesten und rissen sie halb ein.
Nadira wandte sich wieder dem Ältesten zu. Trotz des fahlen Lichts konnte sie erkennen, dass dieser bleich geworden war. „Ich will Aurel zurück", sagte sie.
Der Älteste war über diese neue Entwicklung so überrascht, dass er nicht wusste, was er sagten sollte. Er stotterte nur unzusammenhängende Worte dahin.
In dem eingestürzten Teil der Hütte bewegte sich etwas. Nadira machte sich bereit, ihr Ashara wieder einzusetzen, falls einer der Krieger noch nicht genug hatte. Aber es war nur Aurel, die versuchte durch die Felle zu klettern, die den Eingang verhingen.
„Aurel, komm her", rief Nadira.
Obwohl mehrere Dorfbewohner in Aurels Nähe standen, wagte niemand es, sie aufzuhalten. „Sie wollten mich behalten", sagte Aurel. „Sie hatten mich in die Hütte geschleift und gesagt, ich müsste hier bleiben und eine von ihnen werden."
„Keine Sorge, du bleibst nicht hier", sagte Nadira. Sie wandte den Blick zu ihren Gefährten. Die Krieger hatten Waffen gezogen und hielten die Dorfbewohner in Schach. Nadira hatte davon gar nichts bemerkt. Allerdings versuchten die Dorfbewohner auch nicht, sie anzugreifen.
„Wir gehen. Und werden Aurel mitnehmen", sagte Nadira. „Wenn ihr versucht, uns daran zu hindern, wird Blut fließen." Nadira erkannte sich selbst nicht wieder. Wer war dieser Person, die kühl darüber redete, andere Menschen zu töten? Hatte diese Reise sie verändert?
Der Älteste stand nur da und versuchte Nadira mit Blicken zu töten. Langsam zogen Nadira und die anderen sich zurück.
„Wir sollten so schnell wie möglich unser Lager abbrechen und von hier verschwinden", sagte Nadira.
„Wir können nicht weg", sagte Callanor. „Sie sind da draußen. Sie werden uns bei lebendigem Leib fressen."
„Was sind das überhaupt für Dinger?", rief Brancus. „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Sie sind … keine Lebewesen."
„Niemand weiß, was sie sind", sagte Callanor. „Man weiß nur, dass sie gefährlich sind. Tödlich."
„Ich glaube, wir haben gerade Wichtigeres zu tun, als diese Kreaturen einer Art zuzuordnen", sagte Nadira.
Sie kamen ohne Zwischenfälle in ihrem Lager an. Allerdings fanden sie Dorfbewohner vor, die ihre Sachen durchwühlten.
„Nehmt sofort die Hände von unseren Sachen weg", rief Brancus ihnen zu. Die Dorfbewohner zuckten zusammen, hörten aber nicht damit auf, die Sachen zu durchwühlen.
„Wir sind im Namen des Ältesten hier", sagte einer. „Wir nehmen alles, was wir brauchen können, als Entschädigung, weil ihr die Guul zu uns gelockt habt."
„Mir reicht es jetzt", sagte Brancus. Plötzlich schoss Feuer aus seinen Händen und traf den Dorfbewohner.
Nadira griff sofort nach ihrem Ashara und löschte die Flammen wieder. „Lass das. Sie sollen verschwinden, aber wir werden sie nicht töten, wenn wir eine andere Wahl haben."
„Sie rauben uns aus", rief Brancus.
„Und daran werden wir sie hindern, aber nicht auf diese Art", sagte Nadira. Zu dem Dorfbewohner sagte sie: „Du hast gesehen, was passiert, wenn ihr nicht aufhört. Ich habe dir dein Leben gerettet. Nimm es und geh. Und wage es nicht, unser Eigentum mitzunehmen."
Die meisten der Dorfbewohner hatten die Warnung verstanden, aber nicht alle. Sie versuchten mit einem Bündel Felle zu entkommen. Lledar und Tinju hinderten sie daran.
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