Palmer starrte den Tätowierten an. „Ich habe kein Wort verstanden“, sagte er auf Mandarin. „Welche Sprache soll das gewesen sein?“
Das vertrieb das Grinsen aus dem Gesicht.
Der Kerl neben dem Tätowierten nutzte die Gelegenheit und machte seine Ambitionen deutlich, indem er laut lachte. Wegen der Hitze hatte er sein Shirt bis unter die Achseln hochgezogen, was er nicht tun sollte, denn sein Bauch hing weit über den Bund seiner Jeans und schaukelte beim Lachen hin und her. Wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon, dachte Palmer, mit dem Kinder auf der Straße spielen und zum Platzen bringen.
Der Tätowierte verschränkte die Arme vor der Brust und zog zweimal hintereinander an der Zigarette und biss dann darauf, weil sie sonst heruntergefallen wäre. Gar nicht mehr so lässig. Und sagte zu Palmer, „Ich habe etwas mit dir zu klären.“ Auf Mandarin.
„Und du hast da etwas falsch verstanden“, sagte Palmer. „Mit deinen Haaren, meine ich. Du sollst nur im ersten Monat des neuen Jahres nicht zum Friseur. Hat deine Mama dir das nicht erklärt? Das heißt ab dem zweiten Tag des zweiten Monats darfst du dir wieder die Haare schneiden. Und jetzt haben wir, was, den fünften Monat? So schwierig ist das doch nicht. Der zweite Tag des zweiten Monats. “ Palmer grinste. „Keine Angst, deinem Onkel passiert nichts.“
Der Tätowierte nahm den Zigarettenstummel aus dem Mund, warf ihn auf den Boden und trat ihn aus. Palmer sah ihm an, dass er sich zusammenriss und fragte sich warum. Natürlich kannte der Tätowierte die Legende – im ersten Monat des neuen Jahres nicht die Haare schneiden, weil sonst der Onkel stirbt. Jeder Chinese kannte sie. Und natürlich glaubte er nicht daran, ein cooler Cowboy wie er. Warum aber riss er sich zusammen, anstatt endlich anzufangen?
Palmer sagte, „Und waschen darfst du dir die Haare ohnehin. Sogar jeden Tag, wenn du willst. Die meisten tun das.“ Und wartete, ob das reichte.
Wieder lachte die Nummer Zwei. Und dieses Mal guckte der Tätowierte und sagte etwas in seine Richtung, was Palmer nicht verstand. Shanghaier Dialekt vielleicht. Der andere hörte auf zu lachen, grinste aber weiter und guckte sich sogar um, ob er Anhänger hatte. Hatte er nicht.
„Was ist jetzt“, sagte Palmer, „willst du das mit ihm klären“ – er nickte zu dem Ballonbauch – „oder das mit mir? Was immer du glaubst, mit mir klären zu müssen.“
Der Tätowierte starrte zurück auf Palmer, wie er es vorher getan hatte, ohne zu blinzeln. Nahm jetzt ein Feuerzeug aus der Hosentasche, klappte mit einer Bewegung aus dem Handgelenk den Deckel auf, steckte eine neue Zigarette in den Mundwinkel und zündete sie an.
Wieder ganz der Cowboy, der Revolverheld.
„Was ich mit dir zu klären habe, mmh. Halte dich raus. Denn sonst muss ich dich töten. So einfach ist das.“ Und zog an der Zigarette, wieder zweimal hintereinander, klappte den Deckel zu und steckte das Feuerzeug ein.
Jetzt war Palmer verdutzt. Der Überfall entwickelte sich in eine Richtung, die er nicht verstand. Aus was sollte er sich heraushalten? Und warum sollte er getötet werden, wenn er sich nicht heraushielt?
„Aha“, machte Palmer. „Sonst musst du mich töten. Warum?“
Der Tätowierte kniff die Augen zusammen. Die Frage schien ihm noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.
„Denke darüber nach“, sagte Palmer. „Und während du darüber nachdenkst, überlege dir auch, ob du das wirklich willst. Denn es könnte anders ausgehen, als du glaubst. Und dann würde der Kerl neben dir dich beerben und die neue Nummer Eins sein.“
„Du musst dich raushalten, oder ich werde dich töten“, sagte der Tätowierte.
„Das sagtest du bereits. Verrätst du mir denn auch, aus was ich mich heraushalten soll?“
„Das weißt du genau. Du hast dich gerade erst eingemischt. Vor einer halben Stunde, im JD. Das war nicht klug von dir.“
„JD?“
„Jacks Daniel, Mann.“
Jacks Daniel?
Palmer sah ein, dass er falsch vermutet hatte. Er hatte geglaubt, die Chinesen wären eine gewöhnliche Straßengang und all das wäre ein gewöhnlicher Überfall und er ein zufälliges Opfer. Aber das stimmte nicht. Die Chinesen arbeiteten für die beiden Deutschen. Oder die Deutschen für die Chinesen, das könnte auch sein. Der Größere hatte mit seinem Telefon hantiert, als er ins Taxi gestiegen war. Er hatte den Tätowierten angerufen. Oder jemanden angerufen, der den Tätowierten angerufen hatte. Die Chinesen waren Palmer dann gefolgt und ihm hier zuvorgekommen.
Die Blonde steckte wirklich in Schwierigkeiten. Und er jetzt auch. Ein bisschen zumindest.
Palmer war still und starrte den Tätowierten weiter an. Er konnte die Motive in dessen Gesicht nicht erkennen, die Bemalungen waren jämmerlich, flossen konturenlos ineinander. Gefängnistattoos vielleicht. Er fragte sich, ob das alles war oder ob der Tätowierte seine mündliche Warnung mit einer physischen Aktion unterstreichen wollte.
Palmer musste nicht lange auf eine Antwort warten.
Der Tätowierte zog ein Messer aus der Hosentasche, das er ebenso schnell aufklappte wie zuvor das Feuerzeug. Die Klinge doppelt geschliffen und sehr spitz, Palmer sah es im hellen Licht der Laterne. Handarbeit. Er fuchtelte damit in der Luft, ein Meter von Palmer entfernt.
„Also, halte dich raus, Laowai. Du wirst nicht mehr ins JD gehen und nicht mehr mit der blonden Frau sprechen. Sonst werde ich dich“, sagte er, das Grinsen zurück im Gesicht, „töten.“
Dazu durfte Palmer nicht schweigen, also sagte er, „Glaubst du wirklich, dass du das fertig bringst?“, längst bereit, das Handgelenk mit dem Messer zu packen und dem Tätowierten die eigene Klinge in den Oberkörper zu stoßen. Es reichte langsam.
Doch dazu kam es nicht.
Blitzschnell drehte sich der Tätowierte und nutzte perfekt den Schwung und rammte dem Ballonbauch die Spitze seines Stiefels mitsamt Totenkopf zwischen die Beine.
Ein sattes Geräusch. Ein Volltreffer.
Der Chinese sackte lautlos auf die Knie und stützte sich mit beiden Händen auf der Straße ab, um nicht gänzlich vornüber zu fallen. Sein Ballon hing nach unten und wabbelte hin und her. Es dauerte einige Sekunden, dann konnte er wieder atmen. Er hustete und fluchte und stöhnte zugleich vor Schmerz und Wut und drohte dann auch noch dem Tätowierten, ihn umzubringen.
Wovon Palmer ihm abgeraten hätte, solange der Tätowierte noch das Messer in der Hand hielt und er selbst auf dem Boden kniete. Aber der Kerl fragte ihn ja nicht.
Und es geschah, was geschehen musste.
Der Tätowierte griff das Messer mit beiden Händen und stieß seinem Rivalen die Klinge bis zum Griff von hinten in den Hals. Die Arme gaben nach und der Chinese klatschte vollends auf die Straße. Sein Körper zuckte, der Bauch wackelte, dunkles Blut floss seinen Nacken hinab. Die Finger krallten in den Asphalt.
Dann lag er regungslos. Kein Fluchen mehr, kein Drohen, kein Stöhnen. Nur noch Stille.
Der Tätowierte richtete sich auf und schaute zu den anderen. Wie sie reagierten. Ob sie auf seiner Seite waren oder ob sie sich auf die Seite seines Rivalen stellten. Niemand rührte sich. Kein Protest, aber auch kein Beifall.
Das Ergebnis schien ihm nicht zu gefallen, denn er holte aus und trat dem leblosen Chinesen mit der Spitze seines Stiefels ins Gesicht. Mit dem Totenkopf. Ein klares Statement an seine Leute.
Der Tätowierte drehte sich zu Palmer, grinsend, die Zigarette wie zuvor im Mundwinkel. „What was your kwestion?“
Elf Uhr in der Nacht, und Palmer war zurück am Bund. Elf Uhr. Die perfekte Zeit. Jetzt würden die Bars bevölkert sein, jeder Trinker bereits auf halbem Weg zu dem vertrauten Kater am nächsten Morgen.
Er sah sich um. Gegen die Lichter Pudongs zeichneten sich die Silhouetten Hunderter Menschen ab, die auf der Promenade standen oder gingen oder auf den Bänken saßen und sich unterhielten. Unaufhörlich flackerten Blitzlichter. Jeder schien zu fotografieren: die Skyline von Pudong, den Bund, sich selbst.
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