Die Chinesin hätte später bei der Polizei ausgesagt, dass sie den Täter nicht kannte und nie zuvor gesehen hätte, geschweige denn seine Freundin wäre. Und der Deutsche wäre zwar ihr Kollege, aber sie hätten erst seit kurzem im selben Team gearbeitet und sich nie privat gesehen. Sie wüsste von ihm nicht viel mehr als seinen Namen. Der Deutsche hätte auch den verrückten Vorschlag gemacht, die Mittagspausen draußen in der Hitze zu verbringen. Alle in der Firma hätten darüber gelacht.
Der Deutsche hätte seit einem Jahr bei der Firma in Pudong gearbeitet, hieß es in dem Bericht weiter, zuvor drei Jahre in Peking für eine andere Firma. Er hinterließe seine chinesische Frau und das gemeinsame Kind. Die Polizei würde seine Leiche so bald wie möglich zur Überführung nach Deutschland freigeben. Der Leichnam wäre kein schöner Anblick, wurde ein Polizeisprecher zitiert, der Schädel des Opfers wäre nicht mehr zu rekonstruieren und sein Gesicht zusätzlich vom heißen Asphalt völlig verbrannt. Es wäre alles sehr bedauerlich.
Keiner der Zeugen wäre so geistesgegenwärtig gewesen, den Täter zu filmen oder zu fotografieren. Der Mann wäre unerkannt entkommen.
Die Zeugen stimmten in ihren Beschreibungen nur darin überein, dass er Chinese und glatzköpfig war. Ansonsten? Palmer lächelte, als er weiterlas. Zwischen dreißig und fünfzig Jahren alt, zwischen einem Meter sechzig und einem Meter fünfundsiebzig groß, zwischen schlank und dick. Nach ihm würde gefahndet, schrieb die Zeitung, wer den Mann auf dem Phantombild kannte, sollte die Polizei kontaktieren.
Palmer schaute sich das Phantombild an. Es war wertlos. Ein männliches, chinesisches Gesicht, wie jeder, der in China lebte, es unzählige Male gesehen und sofort wieder vergessen hatte. Ohne besondere Merkmale. Durchschnittlich in jeder Hinsicht.
Kaffee und Rechnung kamen und Palmer bezahlte und blätterte zurück und ließ die Zeitung sinken. Die beiden Kerle hatten der Blonden diese Seite gezeigt und ins Gesicht geschlagen. Was hatten sie mit dem toten Deutschen zu tun? Und was die Blonde?
Palmer sah zu ihr hin.
Sie hatte ihn beobachtet und lächelte schon wieder. Nahm jetzt Handtasche, Zigaretten, Glas und kam, Blicke auf ihre Beine ignorierend, an seinen Tisch und sagte, „Darf ich?“, auf Deutsch.
Palmer sah sie sich setzen.
Er sagte, „Sie haben Ihre Flasche vergessen.“
„Die ist leer“, sagte sie, „Und Sie ... Guinness und Kaffee?“ Als konnte sie nicht glauben, dass er sie siezte.
„Nur Kaffee.“
„Das Glas ist voll.“
„Das Bier ist schal“, sagte er. Was nicht stimmte, aber er trank nie aus einem Glas, das einmal unbeaufsichtigt stand.
Er nickte auf die Zeitung. „Kannten Sie den Mann?“
Sie schüttelte den Kopf. „Schlimme Sache, das.“
„Und diese beiden Rüpel? Kennen Sie die?“
Sie lachte, „Rüpel“, zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch an ihm vorbei in Richtung der beiden Chinesinnen, die immer noch aßen und rauchten zugleich und jetzt auch in ihre Telefone tippten. Ihre Hand zitterte nicht mehr.
„Sie kennen die beiden“, sagte Palmer.
Ein weiterer Zug, sie drückte den Stängel aus, ihre Fingernägel im selben Rot wie ihr Kleid und sagte, „Ja, ich kenne die beiden. Flüchtig. Sie hingegen ...“, legte ein Bein über das andere, nahm die nächste Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an, „würde ich gerne näher kennenlernen.“
Palmer nahm einen Schluck, der Kaffee war schwarz und stark, warf einen flüchtigen Blick auf ihre Beine und sagte, „Gut. Sie drei Fragen, dann ich drei Fragen. Was wollen Sie wissen?“
Sie lehnte sich zurück – ihre Brust spannte hart gegen den Stoff, was wohl ihre Absicht war – und benutzte ihre freie Hand wie einen Kamm in ihren Haaren. „Wie heißen Sie?“
„Palmer“, sagte er, sein Blick fest in ihre Augen.
„Palmer. Okay. Und seit wann sind Sie in Shanghai, Palmer?“
„Seit etwas mehr als drei Stunden. Letzte Frage.“
„Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?“
„Lust schon, aber keine Zeit. Jetzt ich. Woher kennen Sie die beiden Männer von vorhin?“
Sie lachte, „Wow“, schüttelte den Kopf, legte die Hände auf den Tisch, „Ich habe mit denen ... beruflich Kontakt“, sagte sie dann und trank ihr Glas leer.
„Was hat der tote Deutsche mit Ihnen zu tun?“
„Nichts.“
„Wovor haben Sie Angst?“
„Vor Chinesen mit langen Fingernägeln.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Haben Sie das schon gesehen? Meist am kleinen Finger, der Nagel ein, zwei Zentimeter lang? Die benutzen die langen Fingernägel, um ihre Öffnungen am Kopf zu reinigen. Alle Öffnungen.“
„Wenn der tote Deutsche aus der Zeitung nichts mit Ihnen zu tun hat ... warum haben die beiden Ihnen dann sein Bild gezeigt?“
„Das ist bereits die vierte Frage“, sagte sie.
„Stimmt“, sagte er, „aber bei der zweiten Frage haben Sie gelogen.“
„Wir haben nicht ausgemacht, dass wir ehrlich antworten müssen“, sagte sie, nahm sein Guinness, trank, guckte ihn an.
„Dieser tote Deutsche hat etwas mit Ihnen zu tun“, sagte Palmer.
„Und Ihr Guinness ist nicht schal. Was sind Sie, Palmer? Polizist? Biertester, der immer nur einen Schluck trinkt? Boxer, mit Ihrer Schramme über dem Auge und wie Sie mich da draußen beschützt haben? Oder ist Ihnen einfach nur langweilig und Sie stellen deswegen so viele Fragen? Mmh, nein, dann hätten Sie ja Zeit mit zu mir zu kommen.“ Jetzt lächelte sie wieder.
Palmer trank vom Kaffee und hielt den Mund. Sie hatte recht. Es ging ihn nichts an.
„Sind Sie jetzt beleidigt?“
„Nein.“
„Die beiden ... Rüpel“, sagte sie, zog an der Zigarette und blies den Rauch wieder an ihm vorbei, „haben mir gesagt, dass mein Name auf derselben Liste steht, auf der auch sein Name“ – sie nickte auf die Zeitung – „steht. Stand. Mein Name wäre shortlisted , haben sie gesagt. Dass ich also als nächstes dran bin.“
Als nächstes dran ? Wollten die beiden damit sagen, dass sie für den Tod des Deutschen verantwortlich waren? Der Lange, der mit der Hüfte wackelte, um cool zu wirken? Der kleine Dicke mit den weichen Armen?
Palmer sah, wie sie ihn beim Nachdenken beobachtete. „Wenn Sie als nächstes dran wären“, sagte er, „dann hätten die zwei Sie nicht gewarnt. Die beiden wollen etwas von Ihnen. Frage ist, was sie von Ihnen wollen.“
„Mmh. Sind Sie Polizist?“
„Nein, aber vielleicht sollten Sie zur Polizei gehen. Sie scheinen da in einer sehr ernsten Sache zu stecken.“
„Zur Polizei gehen, in China ... Sie sind ein Spaßvogel, Palmer.“ Sie winkte, bestellte ein Glas Rotwein und einen Kaffee. „Ich weiß, was ich tue. Die beiden können mir nichts.“
„Das hat er vermutlich auch gedacht.“
Sie war still und starrte auf das Foto, blätterte dann um und las den Bericht. Palmer wartete.
„Totgeschlagen“, sagte sie. „Auf offener Straße. Ich dachte nicht, dass sie so weit gehen würden. Sie verdienen so viel, jeder von uns verdient so viel.“
Die Getränke kamen. Sie bezahlte und schob ihm die Tasse mit Kaffee hin, trank einen großen Schluck vom Wein, drückte die Zigarette aus, trank noch einen Schluck und noch einen, das Glas war leer. Sie stand auf, „Und ich darf Ihnen nichts darüber erzählen. Herr Palmer “, und ging. Ohne zu schwanken.
Blicke folgten ihr hinaus.
Palmer guckte auf den Bildschirm und trank den Kaffee und dachte darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte. Ein deutscher Expat wird totgeschlagen, zwei Deutsche drohen der Blonden und sagen, sie würde auf derselben Liste stehen und wäre als nächstes dran. Er fragte sich, in was die Blonde da verwickelt war.
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