Und wie die zwei Männer, Europäer vielleicht oder Amerikaner, die gerade auf ihren Tisch zugingen.
Die beiden waren erst seit einigen Minuten hier, Palmer hatte sie hereinkommen sehen. Der eine lang, dünn, glatzköpfig, eine Zeitung in der Hand; der andere kleiner, dicker und in einem sehr bunten Hemd. Sie hatten sich gesetzt, aber nichts bestellt und immer wieder zu der Blonden geschaut, während die Blonde zu Palmer geguckt hatte. Offensichtlich fanden sie die Frau attraktiv, was Palmer nachvollziehen konnte. Und gingen jetzt zum nächsten Schritt über. Was er nicht nachvollziehen konnte, so, wie die beiden aussahen. Jemand sollte ihnen sagen, wie ihre Chancen standen.
Aber er irrte sich. Nicht mit den Chancen, sondern mit der Absicht dieser Gestalten.
Die Blonde bemerkte die beiden, zupfte an ihrem Kleid, das dadurch aber nicht länger wurde; nickte, wie zur Begrüßung, verschränkte jedoch zugleich ihre Arme. Abwehrhaltung. Sie war angespannt.
Palmer schaute vom Bildschirm weg und zu ihnen hin.
Die beiden blieben vor ihrem Tisch stehen, ihre Gesichter ausdruckslos, wo doch Lächeln sein sollte. Sie setzten sich nicht, und die Blonde lud sie auch nicht dazu ein mit einer Handbewegung, einem Kopfnicken auf die leeren Stühle; stattdessen, die Arme immer noch verschränkt, lehnte sie sich zurück. Und dann legte der Größere die Zeitung auf den Tisch, beugte sich zu der Blonden hinunter, deutete auf die Zeitung, sagte etwas, packte ihren Arm, wollte sie nach vorne ziehen, sagte wieder etwas.
Mit einem Ruck befreite sie sich aus dem Griff.
Sie stand auf.
Der Kleinere ging los. Die Blonde nahm ihre Zigaretten und folgte, Wein und Handtasche zurücklassend. Der Größere, Zeitung wieder in der Hand, folgte ebenfalls, sein Gang schwankend, als hätte er ein Hüftproblem oder wäre gerade vom Pferd gestiegen. Nacheinander gingen sie hinaus, wie bei einer Polonaise, bei der sonst niemand mitmachen wollte.
Als der Lange durch die Tür verschwunden war, stand Palmer ebenfalls auf und ging hinterher. Im Vorbeigehen nahm er von der Ablage an der Tür eine der Zeitschriften und rollte sie fest zusammen. Links, in seiner stärkeren Hand.
Draußen war es wie auf einem Straßenfest. Es war immer noch heiß, und Leute saßen und standen in dem offenen Teil der Bar, eine Art Biergarten, von der Straße durch einen Zaun und Büsche getrennt. Männer hatten Frauen im Arm, Frauen hatten Frauen im Arm, überall wurde gelacht und getrunken. Licht kam aus elektrischen Laternen auf den Tischen. Hinter dem Zaun und den Büschen standen weitere Gäste, auch sie mit Drinks in den Händen. Hinter ihnen rauschte der Verkehr vorbei. Von drinnen hörte er Zappa. Bobby Brown.
Palmer sah die drei nicht und ging weiter, vor den Zaun, vor die Büsche. Sie standen unter einem Baum an der Straße. Eng nebeneinander, wie Freunde. Zehn Meter vor ihm.
Der Größere schlug der Blonden gerade die Zeitung ins Gesicht.
Sie hob ihre Arme, viel zu spät, und rief, „Hey.“
Ein paar junge Leute schauten hin.
Palmer ging weiter und sagte, „This is not polite.“
Der Größere drehte sich um. „What you say? Asshole?“
Ein harter, unverkennbarer Akzent.
„Ich habe gesagt, Das ist nicht nett“, sagte Palmer auf Deutsch und blieb stehen. Drei Meter vor ihnen.
„Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß“, sagte der Kleinere, ebenfalls auf Deutsch. Und kam auf ihn zu. Einen kurzen Schritt.
Weiches Gesicht, weiche Unterarme, die Hände leer. Ein dicker Bauch unter dem geblümten Hemd ohne Platz für ein Messer.
Palmer lockerte den Griff um die Zeitschrift.
„Ihr müsst die Frau jetzt gehen lassen“, sagte Palmer.
„Oder was?“, sagte der Größere.
Sie hatten Zuschauer. Die jungen Leute. Sechs oder sieben. Jeder mit einem Mobiltelefon in der Tasche, keine Frage, erpicht zu filmen, was da passierte und ins Internet zu stellen. Oder die Polizei zu rufen. Oder beides. Erst der Film, dann die Polizei.
Wenn er Shen finden wollte, hatte er keine Zeit für so etwas. Ein Film im Internet war kein Problem, es war dunkel, sein Gesicht würde kaum zu erkennen sein, und seinen Namen kannte hier sowieso niemand. Ein kurzes Filmchen, in dem ein Unbekannter zwei andere Unbekannte vor einer Bar in Shanghai verhaute. Ein paar Hundert Klicks vielleicht. Kein Problem.
Aber Polizei war ein Problem. Polizei war schnell zur Stelle in Vierteln mit Bars und Kneipen, das war in den meisten Städten der Welt so. Erst recht in Shanghai. Und dann? Er müsste in einem kahlen Raum ohne Fenster Fragen der Polizisten beantworten. Und auf chinesischen Polizeirevieren konnten dabei schnell Stunden vergehen oder ein ganzer Tag oder mehrere Tage. Chinesische Polizisten durften das, Leute tagelang festhalten.
Palmer verzichtete daher darauf, diesen Rüpeln zu erklären, dass man Frauen nicht schlägt und sagte, „Nichts Oder was . Lasst sie einfach gehen.“
Der Größere hielt Palmers Blick. „Wir lassen sie gehen, dieses Mal“, sagte er. Und zu der Blonden, „Du weißt jetzt Bescheid“, und warf ihr die Zeitung ins Gesicht.
Die Blonde ließ ihre Arme sinken und fingerte nach einer Zigarette. Palmer sah ihre Hände zittern.
„Und was machen wir mit dem?“ Der Kleinere nickte in seine Richtung.
„Sollten wir dich hier nochmal sehen, dann bist du dran“, sagte der Größere aus der Entfernung.
„Genau“, sagte der Kleinere und machte einen Schritt zurück, „Arschloch.“
Die Blonde kam zu ihm.
„Danke.“ Sie hielt die Zigarette zwischen den Fingern, wollte sie anzünden, aber ihre Hände zitterten immer noch.
Palmer nahm das Feuerzeug aus ihrer Hand und hielt ihr die Flamme hin. Dabei sah er den beiden Deutschen hinterher. Der Größere hatte sein Telefon herausgenommen und sprach hinein, der Kleinere winkte einem Taxi. Das Taxi hielt, sie stiegen ein und fuhren davon. Der Größere telefonierte weiter, Palmer sah seine Silhouette.
Die Blonde zog an der Zigarette, ihre Augen auf Palmer, „Danke“. Sie nahm das Feuerzeug aus seiner Hand, ihre Finger berührten seine, und ging hinein.
Er hob die Zeitung auf. Shanghai Daily, die Ausgabe von heute. Seite vier.
Dann ging er ebenfalls wieder hinein. Er hatte noch nicht bezahlt.
Die Blonde saß bereits wieder an ihrem Tisch, Beine übereinander geschlagen, Zigarette in der einen, Glas in der anderen Hand. Während Palmer vorbeiging, lächelte sie ihm zu. Er lächelte nicht zurück.
Sein Glas stand unberührt. Er schob es weg, winkte, drückte der jungen Chinesin im schwarzen Shirt die zusammengerollte Zeitschrift in die Hand, bestellte Kaffee und die Rechnung. Dann nahm er die Shanghai Daily.
Seite vier, Metro. Nur eine Zeile Text, der Rest Foto.
Hochhäuser im Hintergrund, Asphalt vorne und in der Mitte eine Gruppe Menschen vor einer Polizeiabsperrung. Chinesinnen und Chinesen, westliche Männer und Frauen. Businesstypen. Anzug, Hemd, Krawatte die Männer, ausnahmslos die Jacketts ausgezogen und in der Hand oder auf dem Arm. Bluse und Rock die Frauen. Ihre Blicke auf die Absperrung.
Hinter der Absperrung Polizisten und ein Krankenwagen.
Die eine Zeile Text: Deutscher Expat totgeprügelt.
Auf der nächsten Seite der Bericht. Palmer überflog ihn. Demzufolge war der deutsche Expat Robert B. am Tag zuvor während der Mittagspause, die er zusammen mit Arbeitskollegen draußen vor dem Gebäude verbrachte, von einem Mann mit mindestens zehn – manche Zeugen sagten fünfzehn, einer sagte über zwanzig – Schlägen mit einem Bambusstock getötet worden. Der Täter, ein Chinese, wäre auf die Gruppe zugekommen, hätte sofort zugeschlagen, dann geschrien, der Deutsche hätte eine Affäre mit seiner Freundin und weiter zugeschlagen, obwohl sich Robert B. nicht mehr bewegte. Der Täter hätte dabei auf eine der Chinesinnen aus der Gruppe gezeigt.
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