1 ...6 7 8 10 11 12 ...25 Wie hypnotisiert starrte Emma die Ratten an und fing fast an zu kreischen, doch sie beherrschte sich.
Ben dagegen staunte: „Sprechende Ratten. Esther, echt krass, deine Begleiter! Ich habe dir ja eine Menge zugetraut, aber so was nicht. Wo hast du die denn aufgegabelt?“
„Tja, die beiden Rattenbrüder sind Mitbringsel aus Fanrea von damals. Sie wohnen schon ewig bei mir im Haus und streiten den ganzen Tag.“
Wie zur Bestätigung ging es direkt los. Jidell blaffte: „Aber ich bekomme zuerst etwas zu essen, ich bin der Ältere!“
„Auf was du dir etwas einbildest. Drei Minuten bist du vielleicht älter, das ist ja wohl gar nichts. Außerdem bin ich der Schlauere, wie du vielleicht weißt und deshalb bin ich zuerst dran!“
„Pah, wie kommst du denn darauf, du und schlau. Da lachen ja die Hühner.“
Esther unterbrach die Zankhähne: „Schluss jetzt! Wollt ihr euch nicht mal vorstellen? Was ist das für ein schlechtes Benehmen.“
Sofort wandten die Ratten sich den Freunden zu und Jidell äffte Esther nach: „Oh, entschuldigt das schlechte Benehmen von meinem Bruder, er denkt immer nur ans Essen. Also ich bin Jidell. Ich bin der Äl….“
„Und ich bin Quidell. Ich heiße euch willkommen. Übrigens bin ich der Schlauere.“
„Nein, der bist du nicht …“
„Stopp!“, stöhnte Esther. Sie reichte zwei Äpfel nach hinten, auf die sich die Rattenbrüder gierig stürzten und Ruhe gaben. Laut schmatzend wurden die Äpfel vertilgt, Jidell grunzte zufrieden und Quidell flüsterte: „Lecker.“
Für Fips hatte Esther einen Kauknochen eingesteckt, den sie ihm zuwarf. Schwanzwedelnd machte sich Fips an ihm zu schaffen.
Schließlich wagte Emma die Frage, über die sie seit Fanrea nachdachte: „Was war eigentlich genau mit Leni und deinem Mann in Fanrea?“
Esther schluckte und antwortete dann mit belegter Stimme: „Mit dieser Frage habe ich gerechnet und ich werde euch nun endlich die Wahrheit erzählen. Ich bin es satt, immer mit diesen Lügen zu leben und wenigstens ihr sollt wissen, wie es wirklich war.
Mein Mann Jamie kam aus sehr reichem Hause, in dem er sich nie wohl fühlte. Erzogen wurde er in Texas für das Big Business des Öls, interessierte sich aber kein bisschen dafür. Er war das schwarze Schaf der Familie und auf der spirituellen Suche nach einem Sinn für sein Leben. Zwei Jahre lang reiste er durch die ganze Welt, bis wir uns in Amerika begegneten.“
Ein tiefer Seufzer ließ Esther innehalten und sie räusperte sich umständlich. „Ich hatte einen Schamanen, namens Telling Bear aufgetan, von dem ich lernen wollte, zu heilen. Ich wartete auf ihn in dessen Hütte. Irgendwann ging plötzlich die Tür auf und statt des Schamanen trat Jamie ein. So standen wir uns in der Einöde von South Dakota gegenüber und es war um uns geschehen.
Zunächst erschrak ich, als dieser braungebrannte Kerl mich mit seinen stahlblauen Augen musterte, aber er strahlte nichts Gewalttätiges aus. Wir stellten uns einander vor und entdeckten, dass wir beide den Schamanen treffen wollten. Die Situation war schon äußerst merkwürdig: Zwei Menschen mit demselben Ziel aus unterschiedlichen Kulturkreisen begegnen sich an einem der einsamsten Plätze der USA und finden sich gegenseitig, statt den gewünschten Schamanen.“
Versonnen griff Esther nach einer Wasserflasche, um ein paar durstige Schlucke zu nehmen. Währenddessen grübelte Emma über den Namen Telling Bear nach, der ihr irgendwie bekannt vorkam. Ziemlich sicher hatte sie ihn schon einmal gehört.
„ Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen* “, sinnierte Ben.
„Pst! Wie romantisch.“ Emma knuffte Ben in die Seite und forderte ungeduldig: „Esther, erzähl weiter!“
Diese ließ sich nicht lange bitten: „Als der Schamane schließlich eintraf, tauchten wir aus unserer Zweisamkeit auf und waren ganz verwirrt. Telling Bear wunderte sich gar nicht, sondern stellte fest: „Da haben sich zwei Seelen gefunden, die sich immer schon gesucht hatten.“
Eine Weile blieben Jamie und ich bei Telling Bear, wir erlebten eine lehrreiche Zeit, die uns einander noch näher brachte. Als wir schließlich den Schamanen verließen, beschlossen wir, zu heiraten, es gab für uns nicht den geringsten Zweifel daran, dass wir zusammen gehörten.
Für die Hochzeit hatte sich Jamie eine romantische Zeremonie am Strand von Key West gewünscht. Barfuß standen wir im Sand, warmes Wasser umspülte unsere Füße und die Sonne ging langsam orangerot unter. Wie in einem kitschigen Hollywoodfilm.“
Esther machte eine Pause, erneut wurde sie von ihren Gefühlen überwältigt. Sie seufzte und verdrängte die Tränen. Ben und Emma schwiegen und sogar die Rattenzwillinge hörten gerührt zu. Jidell seufzte zusammen mit Esther und kuschelte sich Trost suchend an Quidell.
Gerührt legte Emma ihre Hand auf die Schulter ihrer Tante: „Wie schön. So eine Liebe wünsche ich mir auch für mein Leben.“
Esther nickte: „Ja, wenn man die große Liebe gefunden hat, ist es unbeschreiblich schön, aber wenn man sie dann verliert, reißt es einem das Herz aus der Brust und man wird nie wieder richtig glücklich. Mein gesamtes Sein, Körper, Geist und Seele sehnen sich nach dem, was ich verloren habe.“
Mitfühlend fragte Emma: „Möchtest du überhaupt noch weiter erzählen? Ich kann verstehen, wenn dir das zu schwer fällt.“
Esther straffte die Schultern und antwortete resolut: „Ich werde fortfahren, wenigstens ihr sollt meine wahre Geschichte kennen.“
Aus dem Kofferraum kam eine flehende Stimme: „Oh ja, erzähl weiter.“
Da schmunzelte Esther und tat Quidell den Gefallen: „Unsere Flitterwochen verbrachten wir in Mexiko in einer kleinen Hütte am Strand, einer Cabana. Wir schnorchelten, grillten Fisch und sahen uns die Gegend an. Wir waren unglaublich verliebt ineinander. Nach zwei Monaten beschlossen wir, eine Weltreise zu machen, weil Jamie mir seine Lieblingsplätze zeigen wollte. Geld hatte er genug und so reisten wir umher: Hawaii, Asien, Südsee, Australien, Neuseeland und so weiter.
Immer wieder besuchten wir Schamanen, Mönche und Heiler, diese Menschen faszinierten uns. Schließlich bat Jamie mich, mit ihm nach Fanrea zu gehen, da er diese fantastische Welt kennen lernen wollte. Er war der Einzige, dem ich davon erzählt habe und er hat mir sofort geglaubt. Die Neugierde auf diese unbekannte Welt wuchs immer mehr in ihm. Da ich gerade mit Leni schwanger war, verschoben wir die Reise nach Fanrea auf später. Leni kam zur Welt und wir ließen uns für eine Weile in Italien nieder und waren eine sehr glückliche Familie.“
Esther holte tief Luft, putzte sich umständlich die Nase und flüsterte: „Dann, als wir tatsächlich zu dritt nach Fanrea gereist sind, wurden wir in einen Kampf mit Xaria verwickelt. Sie stieß Jamie und Leni steile Klippen am Meer hinunter. Jamies zerschmetterte Leiche fand man, Lenis Körper hat das Meer mit sich genommen.“
Schweigen breitete sich im Auto aus, Details wollte keiner mehr wissen. Alles war gesagt.
Nach einer Weile murmelte Esther: „Aber das sind doch alles alte Geschichten und ich habe eure Aktuelle noch gar nicht gehört. Ich möchte jetzt endlich von euch wissen, was ihr in Fanrea erlebt habt und zwar von Anfang an.“
Zunächst kamen Emma und Ben nur zögerlich ihrer Aufforderung nach. Esthers Geschichte schlug ihnen aufs Gemüt, doch schließlich erzählten sie abwechselnd alles bis ins Detail. Die Stimmung im Auto hellte sich langsam wieder auf und die Zeit verflog im Nu.
Brennende Steine in Fanrea
Im Trainingslager von Fanrea lungerten Quarx, der Zwerg, und Kontax, der Minotaurus, am Ausgang herum. Sie warteten auf die beiden Heiler Djalal und Osane, die zum Schloss wollten, um dort nach dem kleinen Elfenprinzen, König Elotiel und Königin Faina zu sehen. Außerdem war die Schwester der Königin schwanger und Djalal als Geburtshelfer musste sie untersuchen.
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