Grinsend hockte Emma sich hin: „Ganz wie immer, meine zornige, kleine Amapola. Du bist ein echter Schimpfbold.“
„Du hast gut reden …“
„Ich habe nicht so viel Zeit, wir fahren gleich los nach Frankreich.“
„Ist es schon soweit?“ Eindringlich musterte Amapola Emma: „Du strahlst so. Freust du dich sehr?“
„Ja, sehr.“
„Gibt es einen besonderen Grund?“
„Hm, äh, ja.“
„Wenn Menschen so herumdrucksen, ist meistens Liebe im Spiel.“
„Na ja.“
„Wer ist es denn? Lass mich raten.“ Die Elfe dachte angestrengt nach und auf einmal überzog ein Lächeln Amapolas Gesicht: „Etwa dieser Indianer?“
Aufgeregt nickte Emma: „Aber niemandem verraten, das ist unser Geheimnis.“
„Ich werde schweigen. Außer Lara, der darf ich es erzählen, oder?“
„Nein! Der auf gar keinen Fall.“ Energisch stupste Emma die Elfe an und diese fiel zeternd um.
„Das war ein Witz, du dummes Menschenkind.“
Lachend half Emma Amapola auf.
„Bist du echt verknallt?“, fragte Amapola spitzbübisch.
Emma wurde rot und stand verlegen auf.
„Au weia“, stöhnte Amapola. „Dich hat es ja schwer erwischt.“
Ein durchdringendes Hupen erklang und erleichtert verabschiedete sich Emma: „Also dann, pass gut auf alle hier auf. Mitkommen möchtest du nicht?“
„Nein, auf keinen Fall! Ich kann doch nicht meine Blumen hier alleine lassen.“
„Schon gut. War nur eine rhetorische Frage. Bis bald.“
„Viel Spaß.“ Verschwörerisch zwinkerte Amapola Emma zu.
Bosrak, der Gestaltwandler, hatte viel Zeit in Fanrea mit der Suche nach Yarkona verbracht, doch noch immer hatte er die Hexe nicht aufgespürt. Ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit durchdrang ihn, zudem musste er immer wieder an das Mädchen denken, diese Emma, die Gedanken an sie quälten ihn geradezu. Oft war ein schmerzhaftes Ziehen in seinem Herzen, das er verfluchte.
Deshalb war er zur Erde zurückgekehrt und saß zum wiederholten Male auf dem Komposthaufen in Emmas Garten. In seiner Lieblingsgestalt als Ratte beobachtete er das Gespräch zwischen Amapola und Emma. Dabei hörte er einige interessante Neuigkeiten über Emma.
Am liebsten hätte er sie angesprochen, als sie sich von Amapola verabschiedete, unterließ es jedoch aus Angst, sie zu erschrecken. Was hätte er sagen sollen? Was erwartete er von Emma? Ein Leuchten in ihren Augen, weil er sie verfolgte? Eher würde sie hysterisch kreischen und ihn wegjagen.
Immer wieder erinnerte sich Bosrak an die Begegnung mit ihr, unten im Verlies der Achillikrusse. Er sehnte sich nach der sanften Berührung ihrer Hände, vor denen er sich trotzdem ekelte. Seinen Namen hatte sie genannt. Bitte gesagt. Gemeinsam hatten sie das Schloss geöffnet.
Der Zwiespalt in ihm fraß sich in Bosraks Kopf hinein und machte ihn zornig. Besser war es, Wut und Hass zu empfinden, diese Gefühle waren ihm vertraut. Sehnsucht und andere Regungen des Herzens taten ihm weh, bohrten in ihm und hinterließen blutende Wunden, die er mit Zorn und weiterem Hass verschließen musste.
Wie dumm er war, an ihre Berührungen auch nur zu denken? Verzweifelt verließ er den Komposthaufen und rannte zurück zum Weltentor, auf der Flucht vor sich selbst und seinen Sehnsüchten. Die Suche nach Yarkona musste fortgesetzt werden, sie war seine Herrin und zu ihr gehörte er. Zunächst würde er in das Hexenhaus zurückkehren und dort eine Weile auf sie warten. Danach könnte er den Radius erweitern und bis in die Bergwelt Fanreas vordringen. Für ihn als Gestaltwandler war das kein Problem und als Sarkan läge ihm die Welt zu Füßen und er war in der Lage, riesige Entfernungen zurückzulegen.
Gerade umarmte Esther ihre Schwester Marlene zur Begrüßung und steckte ihr heimlich eine größere Summe Geld in ihre Jackentasche. Esther wusste, wie knapp die Familie bei Kasse war und ihr selbst ging es durch Jamies Erbe ziemlich gut. Wenn Marlene die Scheine bemerkte, wäre diese peinlich berührt und würde das Geld ablehnen, doch das war Esther egal. Hauptsache, sie konnte ihrer Schwester helfen.
Die Umarmung ihrer drei Geschwister zum Abschied ließ Emma geduldig über sich ergehen. Vor ihrem Abenteuer in Fanrea wäre das undenkbar gewesen, aber nun war Emma viel netter zu ihnen. Letztens hatte sie sogar mit Lara „UNO“ gespielt ohne zu streiten und das war echt sensationell.
Jakob quäkte: „Du sollst nicht gehen, bleib hier.“
Max dagegen stellte Emma ein Beinchen, sodass sie stolperte. Rüpelig boxte sie Max in den Bauch, aber bevor eine richtige Prügelei in Gang kam, trat Lara dazwischen: „Mann, seid ihr doof! Gleich ist Emma weg und dann vermissen wir sie. Vertragt euch.“
„Nee“, brummte Max.
„Bis dann, Blödi“, erwiderte Emma.
Zuletzt verabschiedete Emma sich von ihrer Mutter und brachte sogar ein „Ich hab dich lieb.“ zustande, während sie sich drücken ließ. Vor Rührung bekam Marlene feuchte Augen und wollte Emma noch etwas Urlaubsgeld zustecken, aber Esther verhinderte das, indem sie sagte: „Nee, nee, Schwesterherz. Das ist mein Patenkind und ich übernehme das mit dem Geld, sonst bin ich beleidigt. Endlich kann ich mal etwas Zeit mit meinem Schätzchen verbringen und nicht nur vor mich hin schrullen.“
Zu Emmas Geschwistern gewandt, versprach Esther: „Das nächste Mal seid ihr Kleinen dran mit Urlaub.“
„Bringt mir Lego mit oder Playmobil Piraten“, quengelte Jakob.
Endlich startete Esther den Motor und rollte mit Emma die paar Meter zu Ben hinüber, während Jakob unerlaubterweise neben dem Auto herrannte. Dort gab es eine erneute Abschiedsszene. Mattes weinte sogar und wollte seinen großen Bruder Ben überhaupt nicht gehen lassen. Die Eltern betrachteten ihren Sohn mit gemischten Gefühlen und fanden es befremdlich, dass er jetzt das erste Mal ohne sie in Urlaub fuhr.
Liebevoll umarmte Ben seine Mutter und flüsterte ihr noch schnell ins Ohr: „Mama, mach das mit deiner eigenen Praxis, du schaffst das. Erzähl Papa davon und hör auf, in dieser blöden Klapse zu arbeiten.“
Seine Mutter drohte kurz mit dem Finger: „Du sollst doch nicht Klapse sagen.“
Statt einer Antwort zog Ben eine Grimasse. Jetzt zog Tim seinen Sohn in die Arme, drückte ihn ganz fest und versicherte ihm: „Am liebsten würde ich mitkommen. In der Nähe von diesem Schloss kann man Rafting machen und angeln, da hätte ich auch Spaß dran. Vielleicht können wir im Herbst zusammen hinfahren?“
„Klar, mit dir immer gerne, Papa. Pass mir gut auf meinen Lieblingsbruder auf.“
Mattes stutzte: „So ein Quatsch! Du hast doch nur mich als Bruder.“
Ben prustete los und stieg zu Emma nach hinten ins Auto. Esther gab Gas und würgte erst einmal den Motor ab. „Oha, bin wohl etwas aus der Übung. Na ja, bis Frankreich hab ich mich warm gefahren.“
Ben schmetterte direkt los: „ Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer!*“
„Also ich finde, Xavier singt deutlich besser als du“, konterte Esther und fuhr endlich los.
Ben grinste: „He, Esther, jetzt bin ich aber baff, du kennst Xavier? Wo ist eigentlich dein Navi?“
„Ich habe keins“, lachte Esther. „Ihr wisst doch, ich bin total altmodisch.“
„Also ich würde es eher voll verpeilt nennen. Du bist ja so was von out, Esther“, frotzelte Ben.
Kaum waren sie um die Ecke gekurvt, da hörten sie aus dem Kofferraum schimpfende Stimmen. Verwirrt schauten Ben und Emma sich an, als Esther fröhlich rief: „Jidell und Quidell, die Luft ist rein. Ihr könnt rauskommen.“
„Wer sind denn Jidell und Quidell?“, erkundigte sich Emma irritiert.
Esther schmunzelte: „Wartet es ab, aber erschreckt euch nicht.“
Die beiden Freunde drehten ihre Köpfe neugierig in Richtung Kofferraum. Plötzlich öffnete sich der Deckel einer beigen Korbtasche und heraus schauten zwei ziemlich große Rattenköpfe. Die kleinen Knopfnasen schnüffelten hungrig hin und her und einer der zwei maulte: „Esther, ich habe Hunger. Mein Bauch grummelt erdbebenmäßig.“
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