Glenn las aus dem Drachenbuch vor: „ ... Der Drache im Ei kann deine Gefühle wahrnehmen, die positiven wie auch die negativen, also hüte dich davor, mit schlechter Laune zu brüten...“
„Nicht auch das noch“, beschwerte sich Orell, „Jetzt soll ich auch noch gute Laune haben und mich freuen, dass ich hier sitze?“
Ilian lachte schallend. „Genau“, sagte er dann.
„Du bist auch bald dran“, gab Orell zu bedenken.
Glenn setzte sich in den Schneidersitz und legte das Drachenbuch auf seine Beine: „Was glaubt ihr? Sind wir das einzige Trio, bestehend aus einem Pegasus, einem geflügelten Hirschen und einem Elfen, das je ein Drachenei ausgebrütet hat?“
„Ich denke: Ja“, grinste Ilian. „Wir sollten es mit Humor tragen. Ein Versprechen ist ein Versprechen, wir können es nicht ändern.“
Die Augen von Glenn bekamen einen verträumten Ausdruck: „Und ich könnte jetzt bei Quiana sein...“
„Lies weiter vor“, knurrte Orell.
„Die Laune dessen, der brütet kann sich auf den kleinen Drachen übertragen und dessen Charakter prägen“, fuhr Glenn fort.
„Au weia, dann wird der Drache ein echter Motzbrocken“, sagte Ilian erschrocken.
„Unterbrich mich doch nicht immer“, beschwerte sich Glenn. „Je besser die Gemütslage des Brütenden, umso ausgeglichener wird der Charakter des Drachen.“
Ilian schlenderte zu Orell: „Ablösedienst, du Miesepampel. Der Drache braucht mal ein bisschen gute Laune, deshalb übernehme ich.“
„Von mir aus. Dann erzähl ihm Witze und lass das Ei bloß nicht blau anlaufen“, frotzelte Orell.
Fast hatten Esther und ihre Begleiter das Ziel erreicht, und in dem alten Volvo vermischten sich Aufregung und Vorfreude miteinander, besonders Emma verspürte ein Kribbeln im Bauch. Mit der Straßenkarte in der Hand vermutete Ben: „Ich glaube, da vorne geht ein kleiner Weg ab und dann müssten wir da sein. Wird auch langsam Zeit, mir knurrt der Magen.“
Tatsächlich zweigte eine schmale, asphaltierte Straße ab und an einem verwitterten Holzstamm hing ein Metallschild: „Chateau d`Aigles“.
„Ja, das ist es“, bestätigte Esther und setzte den Blinker.
„Warte mal!“, rief Emma. Unter dem Schild des Chateaus befand sich ein Plakat, das an einem Holzpfosten befestigt war. Darauf stand: Marché aux puces du livres*. Ein Bücherflohmarkt!
Interessiert las sich Emma den Text durch und merkte sich Ort und Datum, das war ihr Ding, da musste sie unbedingt hin. Ein Energiestrom floss durch ihren Körper und die kleinen Härchen auf ihrer Haut stellten sich hoch. Wie ein Blitz schoss das Bild eines Buches durch ihren Kopf und eine Stimme wisperte: „Finde mich, ich warte auf dich.“
„Können wir weiter?“, fragte Esther.
„Äh, ja.“ Nachdenklich nickte Emma. Ganz deutlich hatte sie das Buch gesehen und gehört. Der Einband des Buches war aus Drachenschuppen gefertigt, deshalb fragte sie sich, ob das Buch überhaupt für sie bestimmt war. Oder für Melvin, den Drachenreiter? War sie jetzt doch schon eine Hüterin der Bücher? Unbedingt musste sie zu diesem Bücherflohmarkt, egal für wen das Buch nun war.
Esther bog ab und folgte dem Weg, der sich nach einer Weile gabelte, aber weiterhin ausgeschildert war. Alte Trockenmauern, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, säumten die Straße, einzelne Olivenbäume spendeten ein wenig Schatten in der flirrenden Mittagssonne. Links und rechts waren Felder mit Weinreben, an denen pralle Trauben hingen.
Schließlich kamen sie an ein geschmiedetes Eisentor, das einladend seine Flügel geöffnet hatte und auf dessen Steinpfeilern zwei aus Sandstein gemeißelte Adler saßen. Hoch aufgerichtet und mit intensivem Blick bewachten die beiden lebensgroßen Figuren das Tor. Als der Wagen das Tor passierte, drehten die beiden Steinadler ihre Köpfe und schauten dem Auto hinterher.
„Habt ihr das gesehen? Die Adler haben sich bewegt!“, rief Emma erstaunt. Aber Esther war mit Schalten beschäftigt, Ben mit der Straßenkarte, deshalb hatten beide es nicht wahrgenommen.
Esther lachte auf: „Hast du etwa geglaubt, auf Magors Schloss gäbe es keine Magie, nur weil wir auf der Erde sind?“
„Du hast recht“, kicherte Emma.
Unvermittelt machte die Straße einen Knick und eine breite Allee tauchte vor ihren Augen auf. Riesige Platanen flankierten links und rechts die Straße und begleiteten sie circa zwei Kilometer bis zu einem Vorplatz, dessen Mittelpunkt ein Brunnen bildete. Der Wagen kam knirschend auf dem Kies zum Stehen. Die drei und ihre tierischen Begleiter stiegen aus und bestaunten das vor ihnen liegende Schloss.
Den Neuankömmlingen verschlug es die Sprache, der Anblick war atemberaubend: Ein riesiges Gebäude aus beigem Sandstein mit vielen Fenstern, Balkonen und Türmen. Eine breit geschwungene Treppe führte zu einer Terrasse, die von rankendem Blauregen überwuchert wurde. Umgeben war das Schloss von einem prachtvollen Garten, der dominiert wurde von Rosen und Lavendel, deren intensiver Duft die Sinne betörte. Immer wieder lockten Sitzplätze unter schattenspendenden Bäumen zum Entspannen ein.
Aus dem Brunnen sprudelten Fontänen, deren Sprühwasser kühlend zu ihnen hinüberwehte. In der glühenden Hitze zirpten unermüdlich die Grillen, ansonsten regte sich nichts.
Auf einmal öffnete sich das große Eingangsportal und jemand schlenderte die Treppe herunter: Magor! Er trug verblichene Espadrilles* , eine zerknitterte Leinenhose, ein lässiges Hemd, und auf dem Kopf einen zerfransten Strohhut. Sein Bart war kürzer als in Fanrea und er strahlte entspannt über das gebräunte Gesicht: „Seid herzlich willkommen, fühlt euch wie Zuhause. Ihr werdet von euren Freunden schon ungeduldig erwartet!“
Als Fips und die Rattenbrüder übereinander purzelten, verpasste Jidell seinem Bruder einen Kinnhaken. Magor schmunzelte. „Wen habt ihr denn da noch im Schlepptau, Esther? Zwei Ratten und unseren Lebensretter Fips.“
Die Ankömmlinge begrüßten ihrerseits Magor, dann platzte es auch schon aus Emma heraus: „Wo sind die anderen?“
„Am Pool, im hinteren Teil des Gartens. Lauft nur hin. Ihr müsst um das Gebäude herum und dann dem Gejohle folgen.“
Emma und Ben rannten los. Die Ratten hoben die Nasen witternd in den Wind und stürmten Richtung Küche. Fips blieb mit Esther bei dem Zauberer, der sich bei ihr unterhakte: „Wie war die Fahrt, meine Liebe? Möchtest du dich mit einem kühlen Getränk zu mir in den Schatten setzen? Agatha kann sich zu uns gesellen, sie kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“
Gemeinsam flanierten sie zu einer Gruppe Walnussbäume, unter denen eine Sitzgruppe aus geschmiedetem Eisen stand. Einladend platzierte lila Kissen und Polster lagen auf den Stühlen und Bänken. Kaum hatten sie sich gesetzt, flogen zwei kleine Elfen heran, die ihnen jeweils ein Glas mit Fruchtsaft überreichten. Esther dankte ihnen und freute sich, so viel Magie auf dem Schloss vorzufinden.
Auf der Suche nach dem Pool waren Ben und Emma um das Schloss herumgelaufen und eilten durch den riesigen Garten. Üppige Blumenflächen, in denen sich Elfen tummelten, säumten den Weg.
„Schau mal, die ganzen Blumenelfen“, staunte Emma.
Stimmen, Lachen und Wasserplatschen schallten zu ihnen hinüber, und sie näherten sich dem Pool. Vor ihnen befand sich als Sichtschutz eine steinerne Mauer, an der ebenfalls Blauregen hochrankte. Dahinter befand sich ein großes Wasserbecken, in dem sich eine wilde Horde tummelte.
Gerade sprang ein dunkelhaariger, braungebrannter Junge mit einem gekonnten Salto vom Sprungbrett, durchbrach mit perfekt angespannten Muskeln die Wasseroberfläche und tauchte anschließend durch den riesigen Pool. Emmas Blick suchte John, aber sie sah ihn nirgendwo und fühlte leise Enttäuschung in sich aufsteigen. Nala, Silly Sidney, Agatha und Komor, kein John.
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