In diesem Moment entdeckten die Badenden die Neuankömmlinge und begrüßten sie mit großem Hallo, umarmten sie und forderten sie auf, sich schnell umzuziehen. Der dunkelhaarige Junge hatte das Ende des Pools erreicht, kraulte zurück und kletterte aus dem Wasser. Nun stand er direkt vor Emma und sah sie aus seinen dunklen Augen an, das Wasser perlte von seinem durchtrainierten Körper und er grinste frech. Sie erstarrte und erkannte ihn erst jetzt: Das war ja John! Mit kurzen Haaren und einer Badehose. Erstaunt musterte sie ihn und fand, dass er umwerfend aussah.
„Willst du mich nicht begrüßen, auch wenn du mich nicht erkannt hast?“, fragte er schmunzelnd.
Emma wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und eine leichte Röte überzog ihr Gesicht, als er sie einfach packte und an sich drückte. Seine nasse Haut fühlte sich kühl an und er roch nach Sommer. Ihr Herz geriet aus dem Takt, dann wich Vertrautheit der Unsicherheit und Emma lachte ihn glücklich an. Am liebsten wäre sie so stehen geblieben, es war schön, ihm nah zu sein.
Verlegen löste sie sich aus seiner Umarmung. „Du siehst richtig gut aus mit deinen kurzen Haaren, ich hätte nicht gedacht, dass du dich das traust.“
„Na ja, es hat mich schon Überwindung gekostet, aber ich wollte dir eine Freude machen. Erinnerst du dich an deine Worte beim Abschied in Fanrea? Du hast dir gewünscht, dass ich mir die Haare abschneide.“
Emma fühlte sich geschmeichelt, dass John ihre Worte tatsächlich ernst genommen hatte. „Wie gefällt es dir denn?“
„Hm, erstaunlich gut.“ Immer wieder schaffte John es, Emma zu überraschen, sie hätte nicht gedacht, dass er die kurzen Haare mögen würde.
„Wie soll ich dich denn in unserem Urlaub nennen? Maira oder Emma?“
„Ich glaube, hier bin ich Emma, wir befinden uns auf der Erde und im Urlaub. Da möchte ich einfach nur Emma sein. Als Kämpferin in Fanrea bin ich dann wieder Maira. Okay?“
„Na klar!“
Es gefiel Emma, dass John sich die Sache mit dem Namen gemerkt hatte, da sie es in Fanrea nur einmal eher beiläufig erwähnt hatte. Die anderen fünf redeten wild durcheinander und freuten sich unbeschreiblich, dass sie wieder vereint waren.
Agatha drückte Ben und Emma an sich. Ihre Haut hatte durch die Sonne einen schönen Braunton angenommen und ein paar Sommersprossen zierten ihre Nase. Mit einer lässigen Geste strich sie ihre langen, braunen Haare nach hinten. „Ich freue mich, dass ihr hier seid. Wir sehen uns noch, ich begrüße jetzt erst mal Esther.“
Schnell holten Ben und Emma ihr Gepäck aus dem Auto, kramten ihre Schwimmsachen heraus, und zogen sich um. Unauffällig musterte John Emma und fand, dass sie in ihrem Bikini fantastisch aussah. Sie entwickelte langsam weibliche Formen, dazu ihre langen, durchtrainierten Beine und das hübsche Gesicht, umrahmt von den wilden Locken. Alleine Emmas Anblick sorgte dafür, dass John Herzklopfen bekam.
Neugierig fragte Emma ihn, was er bisher in Frankreich unternommen hatte und er berichtete: „Vorrangig habe ich mich mit Dingen beschäftigt, die es in Fanrea nicht gibt. Ich habe mir jede Menge Wissen über das Internet angeeignet, den Umgang mit Laptop und Handy habe ich inzwischen drauf.“
„Du hast was?“ Erstaunt stellte Emma fest, dass John aus Fanrea mit moderner Technik umgehen konnte.
John grinste: „Das hast du mir mal wieder nicht zugetraut.“
„Äh, doch, na ja, schon. Aber, hm, ich weiß auch nicht.“ Erneut wurde sie rot.
John lachte und Emma kicherte schließlich mit. Der Indianer brachte sie ganz durcheinander.
„Es war hochinteressant. Magor hat mehrere Informationszentren auf seinem Schloss, alle mit der neuesten Technik ausgestattet und dazu einen Freak, der nur in virtuellen Welten lebt. Nala und Komor haben auch mitgemacht und vor allem Nala ist jetzt topfit“, schwärmte John.
Emma starrte ihn an. Es war einfach unglaublich: Wahrscheinlich konnte John nun mit dem ganzen Kram besser umgehen als sie selbst.
Mit seinen dunklen Augen musterte John sie intensiv. „Du siehst erholt aus. Die paar Tage ohne Fanrea haben dir gut getan und hier in Frankreich werden wir eine tolle Zeit zusammen haben. Komm mit ins Wasser, es ist herrlich erfrischend.“
Nur zu gern folgte Emma der Aufforderung. Ben kraulte schon mit Nala um die Wette und strahlte: „Das nenne ich Urlaub!“
Auf einmal flogen zwei Fellknäuel durch die Luft, platschten ins Wasser und tauchten prustend wieder auf.
„Jipiehh!“, kreischte Jidell.
Quidell quiekte aufgeregt: „Boah, Alter, das tut gut. Besser als Auto fahren.“
„Wer ist denn das?“, lachte Nala.
Emma stellte die Rattenbrüder vor, die sich gegenseitig mit Kopfsprung und Salto übertrumpften.
„Eh, Jidell, schau mal, wie toll ich das kann.“ Quidell versuchte sich an einer Schraube und klatschte hart auf das Wasser.
„Loser!“, brüllte Jidell.
„Selber“, brummte Quidell. „Mach es doch besser. Kannst ja mal durch einen Reifen springen.“
„Junge, eh, dat kann ich. Die hübsche Dame da übernimmt den Job und besorgt mir einen.“ Jidell wandte sich an Nala und verbeugte sich.
„Nee, lass mal, bringst dich noch um, Bruder. Mit wem soll ich dann streiten?“
Ben grölte: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“
Alle lachten. Die Zeit verflog und die Freunde genossen die unbeschwerten Stunden miteinander. Später zeigte eine resolute, aber freundliche Zwergenfrau den drei Neuankömmlingen ihre Zimmer, die direkt nebeneinander lagen.
Emmas Schlafzimmer hatte zartblau gewischte Wände und ein weißes Stahlbett mit einem Moskitonetz. An der einen Wand befand sich ein weiß gekälkter Schrank im Shabby Chic Look* und ein Schminktisch mit einem ovalen Spiegel, gegenüber stand ein gut bestücktes Bücherregal. Auf einem Metalltisch war ein Strauß Lavendel dekoriert, der das gesamte Zimmer mit seinem intensiven Duft erfüllte. Am geöffneten Fenster, durch das man in den Garten schauen konnte, wehten duftige, zartblaue Gardinen. Eine Tür führte zu ihrem eigenen Badezimmer, das von einer Löwenfußbadewanne dominiert wurde und in hellblau und weiß eingerichtet war.
„Oh, ist das schön“, hauchte sie entzückt.
In Fanrea, in der Nähe der Felsenstadt Angar, hockte ein Mann in einer spärlich erleuchteten, gewaltigen Höhle, vor einem Feuer und stocherte gedankenverloren mit einem Ast in der roten Glut. Seine schwarzen Stiefel, ebenso sein langer Ledermantel, berührten fast die brennenden Scheite, doch der Mann bemerkte die Hitze kaum. Er überließ den Ast den Flammen und zwirbelte zunächst seinen schwarzgrauen Spitzbart, anschließend drehte er die Enden seines Schnurrbartes in die Höhe. Die dunklen Augen sahen sich unruhig in dem steinernen Gewölbe um und sein Blick blieb dann an einer Holzkiste hängen.
Der Mann erhob sich und strich mit einer herrischen Geste seine dunklen Haare nach hinten und band sie mit einem Lederband zu einem Zopf. Seine Stiefel klackten laut auf dem Boden der gewaltigen Höhle und wurden als Echo zurückgeworfen, als er sich der Holzkiste näherte. Er klappte den Deckel auf und zog vorsichtig eine der Phiolen heraus. Mit einem bösartigen Grinsen hielt er sie vor eine Fackel und betrachtete die darin hin und her schwappende goldene Flüssigkeit.
„Nicht schlecht, hombre. Es wird besser“, murmelte er.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken und fast fiel ihm die Phiole mit der kostbaren Flüssigkeit zu Boden. Eine Hand am Dolch, fuhr er herum und entspannte sich wieder. Es war nur die Dornenechse, sein Haustier.
„Tabor, du bist es. Schleich nicht immer so herum.“
Die Dornenechse schaute ihn aus unergründlichen Augen an. „Bist du deinem Ziel näher gekommen, Geronimo?“
„Näher schon, Tabor, doch das reicht mir nicht. Wenn doch nur Richard mehr Fähigkeiten hätte. Er ist so eine Enttäuschung, es müsste viel mehr in ihm stecken. Er kann zwar gut kämpfen, aber keine Magie, kein Feuerzauber, nichts ist so, wie erwartet. Mierda!“
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