„Viel Fleisch, am besten.“ Genießerisch rollte Jidell mit den Augen.
Agatha mischte sich ein: „Bleib mit den beiden Rüpeln sitzen. Ich hole ihnen was.“ Sie erhob sich und ging zum Buffet. Als sie mit zwei Tellern zurückkehrte, lief Jidell der Speichel aus der Schnauze und er seufzte glücklich.
„Danke, Agatha.“ Esther verdrehte die Augen und lächelte ihre Freundin an.
„Bruder, du alter Fresssack“, klagte Quidell und stürzte sich gierig auf ein Stück Fleisch. Fett tropfte von seinen Schnurrbarthaaren, er schüttelte sich und es spritzte nach allen Seiten.
„Bäh, du Ferkel!“, rief Emma empört.
Agatha und Esther waren bekleckert. Schmunzelnd reichte John ihnen eine Serviette zum Säubern.
„Das war voll fett, Bruder“, kommentierte Jidell.
„So, ihr geht jetzt von meinem Schoss herunter und esst auf dem Boden. So wie andere Ratten auch.“ Esther war wütend.
„Eh, sei nicht so aggro“, beschwerte sich Jidell, sprang aber auf den Boden, als er Esthers Blick sah. Quidell folgte ihm und setzte sich neben seinen Bruder. Ihre Nasen streckten sich den Düften entgegen und die Schnurrbarthaare zitterten. Da musste Agatha lachen, nahm die Teller der Ratten und stellte sie zu ihnen. Die Brüder stürzten sich darauf und balgten sich um die besten Stücke.
„Hoffnungslos“, murmelte Esther, ignorierte die Ratten und begann ein Gespräch mit Agatha.
Emma saß zwischen Ben und Esther und gegenüber von John, der mit seinem weißen Leinenhemd und Jeansshorts ungewohnt, aber gut aussah. Immer wieder schaute sie unauffällig zu ihm hinüber, um zu sehen, wie er mit Messer, Gabel und dem edlen Glas zurechtkam und wunderte sich, wie perfekt er sich benahm.
„Toll siehst du aus. Es steht dir gut, wenn du die Haare hoch trägst“, machte John ihr ein Kompliment, das Emma verlegen werden ließ. Mit ihren hochgesteckten Haaren wirkte sie älter und er fand es süß, wie einzelne Strähnen sich lösten und ihr Gesicht umspielten.
„Danke.“
Sein Blick fiel auf die Kette mit dem von ihm geschnitzten Delfinanhänger und er lächelte Emma an. „Das Kleid steht dir super, du solltest öfter so etwas anziehen.“
Mit den Komplimenten konnte Emma schlecht umgehen, und in ihrem Sommerkleid fühlte sie sich unwohl, weil sie Zuhause nur in Jeans herumlief. Sie errötete und wechselte schnell das Thema: „Wie schmeckt es dir?“
Er überspielte ihre Verlegenheit: „Sehr gut. Natürlich schmeckt das alles hier ganz anders als in Fanrea, aber ich lasse mich inspirieren und werde das eine oder andere nachkochen. Kochst du Zuhause auch manchmal?“
Entgeistert starrte Emma ihn an: „Äh, nein.“ Wie peinlich war das denn, dachte sie. Er als Junge konnte kochen und sie nur ein wenig Gemüse schnippeln.
John unterbrach ihre Gedanken: „Kochen macht Spaß, es ist gesellig. Du solltest es mal versuchen.“
„So habe ich das noch nie gesehen, meine Mutter kocht immer.“
„Und dein Vater, kann der kochen?“, fragte John interessiert. Emma presste die Lippen fest aufeinander und ihre Augen verdunkelten sich. Sofort begriff John, dass er eine verbotene Zone betreten hatte und hakte nicht weiter nach, sondern entschuldigte sich: „Tut mir leid, wenn ich die falsche Frage gestellt habe. Ich weiß so wenig von dir und deinem Leben in der Menschenwelt, vielleicht haben wir hier die Zeit dazu, das zu ändern.“
Emmas Wut verflüchtigte sich, John konnte nichts für die Geschichte mit ihrem Vater und dieser Verräter sollte ihr nicht den Abend verderben. Sie verdrängte die Gedanken an ihren Vater und versuchte, John wieder freundlich anzuschauen.
Erleichtert nahm er es zur Kenntnis und begann Emma von seiner Zeit als Kind in der Menschenwelt zu erzählen. Ihr wurde erst jetzt richtig bewusst, wie viele Jahre er in den USA zur Schule gegangen war und die Erde somit nicht nur aus Erzählungen kannte. Im Grunde genommen wusste sie auch recht wenig von ihm und nahm sich ernsthaft vor, alles über ihn zu erfahren.
Verschiedene Krüge, Flaschen mit diversen Weinen und Wasser standen auf dem Tisch und der Mann mit den zwei Köpfen stritt erneut mit sich selbst, welcher Wein der Beste sei. Schmunzelnd schaute Magor zu ihnen hinüber.
Esther beugte sich zu Emma hinüber und sagte leise: „Die zwei sind wie ein altes, zänkisches Ehepaar. Sie waren einst zwei Brüder, die durch Magie und Wissenschaft miteinander verschmolzen wurden und jetzt Zeit ihres Lebens aneinander gekettet sind, denn Magor konnte keinen Umkehrzauber bei ihnen anwenden. Wie im Übrigen bei den anderen ebenfalls nicht. Wie gut, dass sie hier bei Magor ein neues Zuhause gefunden haben.“
Esthers Augen strahlten an diesem Abend, vielleicht war der Wein ein bisschen daran schuld. In ihrem Sommerkleid und mit ihrer neuen Frisur sah Esther entzückend aus. Fips lag zusammengerollt auf ihrem Schoß und schnarchte zufrieden, während die Ratten am Pool herum lungerten und sich ihre vollgefressenen Bäuche hielten.
Der Abend war wunderschön und die Atmosphäre verzauberte die Gäste, alle fühlten sich wohl und sie genossen jede Minute. Spät in der Nacht fiel die gesamte Schar müde, aber glücklich ins Bett und die Freude auf den nächsten Tag nahmen sie mit in den Schlaf.
Mit dem Rücken an einen Stein gelehnt, hockte in Hydraxia ein blonder Mann auf dem staubigen Boden. Sein Atem ging schnell und sein Herz hämmerte. Um Abstand zwischen sich und die Diamantenmine zu bringen, war er gerannt, er hatte nicht vor, sich von diesen Steinsoldaten schnappen zu lassen. Nun stand ihm ein weiter und gefährlicher Weg bis zu dem Weltentor bevor, durch das er auch nach Hydraxia gelangt war. Wahrscheinlich gab es nur dieses eine Tor hier, er wusste es nicht genau. Über Hydraxia gab es kaum Informationen, da Schatzjäger, Gefangene oder Händler diese Welt selten wieder verließen. Entweder wurden sie getötet oder als Sklaven in den Minen eingesetzt.
Zu seinen Füßen lag ein großer Ledersack, in dem seine Hände nun wühlten. Er zog etwas heraus und hielt es hoch in das fahle Licht des Mondes. In seiner schwieligen Hand hielt er einen hühnereigroßen gelblichen Rohdiamanten, der matt das Licht reflektierte. Ein triumphierendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen und er griff nach einem weiteren Stein, dieser war schwarz, pflaumengroß und sah auf den ersten Blick sehr unscheinbar aus. Nur ein Kenner konnte einschätzen, welch großen Wert diese Steine besaßen.
Das war doch endlich mal ein rundum gelungener Coup gewesen. Das Glück war sein Verbündeter, sämtliche Wachen waren damit beschäftigt gewesen, die Sklaven zu bändigen. Die Luft in den Diamantenminen hatte nach Aufstand und Hass geschmeckt, das Leid der anderen war sein Vorteil gewesen.
Hätte er den zerlumpten Gestalten helfen sollen? Ach was, sie würden schon alleine klar kommen. Heldentum war nicht seine Sache und würde es auch nie werden. Musste er jetzt ein schlechtes Gewissen haben? Nein, eigentlich nicht. Seine Mission war der Diamantenraub gewesen und nicht die Befreiung von Sklaven.
Egal, nun war es sowieso zu spät. Sein Atem hatte sich wieder beruhigt und er sollte schleunigst machen, dass er mit seiner Beute von hier wegkam.
Es knirschte hinter ihm, aber bevor er reagieren konnte, zischte blitzschnell eine Bullenpeitsche um seine Ohren und fesselte seine Arme an den Körper. Als er den Kopf wandte, erblickte er eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau.
„Scheiße!“, stieß er hervor.
„Na, wen haben wir denn da?“ Mit einer energischen Geste hob sie die Hände und murmelte: „Paraliza takata cuerpo karata!“
Es fühlte sich an, als wäre er gelähmt, sein Gehirn gab einen Befehl, doch seine Nerven leiteten ihn nicht weiter. Verdammt zur Bewegungslosigkeit.
Die Schöne näherte sich seinem Gesicht und musterte ihn spöttisch: „Du hast wohl geglaubt, du könntest mich bestehlen? Ich glaube, ich habe einen prächtigen Fang gemacht.“
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