Mit ernster Miene musterte er Ben und Agatha und versuchte, zu ergründen, ob sie ihm tatsächlich zuhörten. Dann fuhr Karbo fort: „Die europäischen Sorten sind sehr anfällig für die Reblaus und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte dieses Vieh fast den gesamten Weinbau in Europa zugrunde gerichtet. Erst als europäische Reben auf den Wurzelstock amerikanischer Reben gepfropft wurden, hat sich die Situation verbessert.“
„Was heißt gepfropft?“, fragte Ben.
Über die Frage freute sich Karbo, sie bedeutete, dass Ben sich wirklich für das Thema Wein interessierte.
Karbo lächelte freundlich und erklärte: „Einfach ausgedrückt: Eine Edelrebe wird auf eine reblausanfällige Rebe gesetzt und die beiden wachsen dann zusammen. Schaut, hier ist so ein Stelle.“ Mit dem Zeigefinger deutete er auf ein Stück am Stamm, das etwas unregelmäßig aussah.
„Also sind die Reben in Europa alle gepfropft?“, wollte Agatha wissen.
„Ja, man trifft kaum nicht veredelte Sorten an.“
„Was macht denn nun einen guten Wein aus?“, wollte Ben wissen.
Mori mischte sich ein: „Karbo schweift wieder zu sehr ab und fängt bei Adam und Eva an. Außerdem redet er wie ein Lehrer. Also die Rebsorte hat natürlich einen starken Einfluss auf den Geschmack, denn jede Rebsorte hat einen anderen Charakter. Einige Sorten entwickeln zum Beispiel während des Wachstums mehr Zucker als andere. Aber auch Boden, Klima, die Landschaft und die Anbaumethoden entscheiden mit, wie der Wein schmeckt.“
„Agatha, ich glaube, das wird ein lehrreicher Vormittag“, kommentierte Ben. „Die Jungs kommen jetzt langsam in Schwung. Lasst es euch gesagt sein: Wer Wein gut trinkt, schläft gut. Wer gut schläft, sündigt nicht.*“
Mitten auf der Schlosstreppe saß Emma und biss in eine saftige, kühle Wassermelone. Emma hoffte darauf, John zu sehen. Jedes Mal, wenn Emma ihn sah, brachte er sie durcheinander, war sie glücklich und unsicher zugleich. Etwas in ihrem Inneren drängte sie danach, ihm nah zu sein und wenn er nicht bei ihr war, wurde sie seltsam unruhig. Endlich gestand sie es sich selbst ein: Sie war verliebt! Verliebt in einen Indianer aus einer anderen Welt, auch wenn das der reinste Irrsinn war. Was konnte daraus werden? Sie wusste es nicht, es gab keine Antwort darauf. Gegen ihr Gefühl war sie jedenfalls machtlos und sie wollte die Tage in Frankreich nur genießen und nicht mit Grübeln verschwenden.
Als sie Hufgetrappel hörte, vermutete sie, dass Ben und Agatha schon zurückkamen, aber sie irrte sich. Es war John auf einem von Magors Pferden, mit einem geflochtenen Korb auf dem Rücken. Er trug nur Jeans und Emma bewunderte das Spiel seiner Muskeln unter seiner glatten, braunen Haut.
Er strahlte sie an: „Emma, was tust du hier?“
„Melone essen?“
John lachte. „Ich bringe das Pferd in den Stall, dann habe ich Zeit für dich. Ich war früh wach und bin mit dem Pferd zum See geritten, um für das Mittagessen Fische zu fangen.“
Aufgeregt sah sie ihm hinterher und freute sich, dass er da war. „Ich gehe zum Pool!“
„Okay, ich komme nach.“
Gut gelaunt schlenderte Emma zum Pool, an dem Nala und Sidney im Schatten von Olivenbäumen lagen, um eine Partie Rummy zu spielen.
„Hi, ihr beiden“, begrüßte Emma Nala und Sid.
„Hallo Emma“, murmelte Sid und konzentrierte sich auf das Spiel. Der schlaksige Sid wirkte ausnahmsweise entspannt und hatte seine Schultern nicht hochgezogen. Seine blonden Haare standen, wie immer, wild vom Kopf ab, nachdenklich rieb er sich die Stirn und überlegte, welche Steine er ablegen sollte. Wenn er nicht durch Magor eingeschüchtert wurde, sah sein Gesicht hübsch aus.
Genussvoll trank Nala einen Schluck von ihrem Smoothie und nickte Emma zu.
Scheu näherte sich Migune mit einem Tablett weiterer Smoothies. Wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens schämte sie sich vor den Neuankömmlingen, seit ihrer Verwandlung fand sie sich hässlich und fühlte sich nur noch auf Magors Schloss wohl. Dem Zauberer war sie unendlich dankbar für ihre Rettung und seither war sie ständig bemüht, ihm zu helfen und ihn zu unterstützen. Unauffällig managte sie alles, was Magors Leben und das seiner Gäste betraf.
„Mögt ihr noch etwas zur Erfrischung?“, fragte die Elfe.
Alle drei griffen durstig zu, bedankten sich und widmeten sich wieder dem Spiel.
Endlich kam John frisch geduscht und mit Badehose an den Pool und strahlte Emma an: „Ich habe der Köchin noch schnell beim Ausnehmen der Fische geholfen, es waren so viele.“
„Es gefällt dir hier“, wunderte sich Emma.
„Klar ist es schön auf dem Schloss und ich genieße den Urlaub. Vor allem, weil ich mit dir zusammen sein kann“, gestand er ihr.
Emmas Herz schlug schneller und sie überspielte seine offenen Worte, indem sie nicht darauf einging: „Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass die Erde toll ist und vor allem der Komfort sehr angenehm ist.“
John widersprach ihr: „Aber das hier ist doch nicht das normale Leben, sondern der pure Luxus in einem kleinen Paradies. Herkömmliche Menschen führen ein ganz anderes Leben, sie arbeiten hart und vielleicht in einem Job, der ihnen keinen Spaß macht. Viele wohnen in einer Industriestadt, in der es stinkt, deren Fabriken die Umgebung verpesten und die umliegenden Flüsse verseuchen. Für euer modernes Leben zahlt ihr einen hohen Preis und ich ziehe Fanrea eurer Welt vor.“
Irgendwie machte John sie immer wütend mit seinen Gedanken, aber in ihrem Inneren wusste Emma, dass er Recht hatte. Trotzdem schmollte sie. Vorsichtig strich er ihr eine Locke aus der Stirn und sagte versöhnlich: „Du brauchst das nicht persönlich zu nehmen. Du kannst doch nichts dafür, dass es auf der Erde so ist, wie es ist und ich finde es nicht schlimm, dass du deinen gewohnten Lebensstandard in Fanrea vermisst hast.“
Die beiden unterhielten sich intensiv den ganzen Vormittag, bis Migune auf dem langen Esstisch einen kleinen Snack bereitstellte, der aus einem bunt gemischten Salat, gegrilltem Fisch und einer kalten Gemüsesuppe, Gazpacho* genannt, bestand. Dazu gab es frisches Baguette und als Nachtisch eisgekühlte Wassermelone.
Nach dem Essen hatte John eine Überraschung für Emma und er bat sie, ihm zu folgen. Schnell zog Emma ihr Kleid über und ließ sich von John durch das riesige Schloss führen. Schließlich öffnete John eine Holztür, hinter der sich ein großer Saal verbarg.
„Erinnerst du dich an unser Gespräch in Fanrea über das Tanzen?“, fragte John.
„Ja.“
„Jetzt werde ich es dir beibringen.“
„Oh nein.“ Verunsichert sah Emma ihn an.
„He, du hast doch wohl keine Angst vor dem Tanzen? Du machst Ballett und tötest, ohne mit der Wimper zu zucken, dutzende von Achillikrussen und traust dich nicht, mit mir zu tanzen?“
Emma zögerte, aber diese Herausforderung musste sie natürlich annehmen: „Na, dann los!“
Lässig schlenderte John zu einem in der Ecke stehenden CD-Player: „Wir beginnen mit dem langsamen Walzer, der ist für den Einstieg leicht zu erlernen und nicht so schnell.“
Zielgerichtet legte er zunächst eine CD mit klassischer Walzermusik ein, stellte sich neben Emma und machte ihr den Damenschritt vor. Sie ahmte die Bewegung nach und so übten sie eine Weile. Dann verbeugte er sich galant vor Emma und nahm ihre rechte Hand in seine Linke.
„Leg die andere Hand auf meinen Oberarm.“ Ein freches Lächeln umspielte seine Mundwinkel und Emma spürte, dass es ihm einen Heidenspaß bereitete, ihr das Tanzen beizubringen. Sie versuchte, sich zu entspannen und nicht wie eine verkrampfte Henne dort zu stehen.
„Hörst du den Takt der Musik? Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei. Du beginnst mit dem linken Fuß, ich mit dem Rechten. Lass dich einfach führen, das bedeutet, ich habe hier das Sagen! Okay? Kann es losgehen?“
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