Erleichterung breitete sich auf Sidneys Gesicht aus und er hörte auf, an den Fingernägel zu kauen. „Ja gern. Klar mache ich das.“
Zufrieden ging Magor voraus: „Folgt mir! Wir haben jede Menge Arbeit.“
Die Vierergruppe schloss sich dem Zauberer an und sie waren erleichtert, dass diese unvorhergesehene Innenschau vorüber war. Keiner traute sich, den Magier auf sein Abtasten anzusprechen, aber neugierig auf dessen Ergebnis waren sie schon. Die größte Gelassenheit legte John an den Tag, er ließ sich nicht so leicht verunsichern und durch seinen Onkel, den Schamanen, war er es gewöhnt, nach innen zu sehen.
Sie betraten das Schloss und eine angenehme Kühle empfing sie. Die dicken Mauern hielten die Hitze des Sommers fern und durch die geöffneten Fenster wehte eine Brise. Zunächst steuerte Magor das Kontrollzentrum an, um kurz etwas mit Ronaldo zu besprechen. Der hing natürlich vor einem der vielen Bildschirme und ließ seine pfotenähnliche Hand über die Tastatur fliegen. Als die vielen Menschen sein heiliges Reich betraten, schaute er verwirrt auf.
„Hallo Ronaldo. Ich brauche die Daten von Projekt Phönix und die Auswertungen der Testreihe der CSX-Waffe. Schaffst du das bis morgen?“
Der Fuchsmann nickte den vier Freunden kurz zu und lächelte verschmitzt. „Chef, schon erledigt. Da liegen die Unterlagen.“ Mit einer knappen Bewegung deutete er auf einen Stapel Papiere.
„Du bist einfach der Beste! Und? Wie sind die Ergebnisse?“
„Sehr zufriedenstellend.“ Ronaldo stand auf und griff nach zwei Handys. „Nala? John? Hab ich für euch beide besorgt und schon jede Menge Songs draufgeladen. Ihr könnt doch nicht in der Menschenwelt ohne Handy rumlaufen.“ Er warf den beiden die Handys zu, die sie geschickt in der Luft auffingen.
Nala strahlte und zeigte Ben das Handy. Bewundert hob der die Augenbrauen. „Wow, das neueste Modell. Ich fasse es nicht, habt ihr ein Glück.“
Magor verabschiedete sich: „Wir sind in der Alchemistenkammer. Bis später, Ronaldo.“ Zunächst gingen sie eine steinerne Kellertreppe hinunter, dann landeten sie in einem grob behauenen Gewölbegang. An einer Eichentür mit schmiedeeisernen Verzierungen stoppten sie. Magor murmelte einen Zauberspruch: „Desembartaca y Abieaca.“
Die Tür schwang knarzend auf. Zunächst blieb alles dunkel. „ Fuer daco !“, rief Magor.
Schlagartig entzündeten sich unzählige Kerzen und neugierig sahen sich die vier Freunde um. Das Gewölbe bestand aus uralten Steinen und der Hauptraum war geräumig, mehrere hölzerne Türen führten zu weiteren Räumen. An den Wänden befanden sich Regale mit unzähligen Büchern, von denen die meisten sehr alt zu sein schienen. An einigen Wänden hingen antike Ölgemälde mit Portraits. Auf einem Eichentisch lagen aufgeschlagene Bücher und daneben standen seltsame Apparaturen aus Messing und anderen Metallen.
John musterte die Gegenstände und versuchte, ihre Funktion zu ergründen. Das hier wäre jetzt wahrscheinlich nach Nijanos Geschmack. Der Gedanke an seinen verstorbenen Freund huschte als kurzer Schmerz durch sein Herz und John bemühte sich, ihn zu verdrängen. Für Trauer war gerade keine Zeit.
Auch Ben fand die Geräte interessant. Eines sah aus wie das Sonnensystem der Erde und die Kugeln bewegten sich langsam umeinander. Andere schienen weitere, unbekannte Planetenkonstellationen darzustellen. Am liebsten hätte er die Maschinen genauer untersucht.
Nala spürte ein Flattern in der Magengegend, sie war nervös. Die Innenschau des Zauberers hatte sie aufgeregt und aus dem Gleichgewicht gebracht. In ihr schwelte schon seit längerem der Wunsch mehr zu tun, als mit Komor „Babys einzusammeln“ und in Fanrea Schwertkampf zu üben. Das Leben war facettenreich, doch sie hatte ihren Weg noch nicht gefunden.
Emma war überzeugt, dass Magie wohl nie einen hohen Stellenwert in ihrem Leben einnehmen würde. Außerdem fühlte sie sich gehemmt in Magors Gegenwart und es fiel ihr schwer von dieser „machtvollen Übergestalt“ etwas anzunehmen. Sie schaute zu John und sein warmer Blick fing den ihren auf. John spürte Emmas Unwohlsein und stellte sich neben sie, so dass ihre Arme sich berührten. Gut, dass Ben und John an ihrer Seite waren, ihre Anwesenheit vermittelte ihr ein beruhigendes Gefühl. Ben zwinkerte ihr begeistert zu und Emma wusste, dass das hier alles sein Ding war.
Der Zauberer unterbrach die Gedanken der vier Freunde: „Setzt euch an den Tisch, ich möchte mit euch ein paar Tests machen. Einverstanden?“
Es war eine rhetorische Frage, er rechnete nicht ernsthaft mit Einwendungen. Magor musterte die vier nacheinander und sein Blick blieb an Ben haften. „Wir beginnen mit Ben.“
Der Angesprochene fühlte sich ein wenig mulmig, er wusste nicht, was ihn erwartete. Was verstand ein Magier unter „Tests“?
Amüsiert lächelte Magor und sagte beruhigend: „Keine Angst, es wird dir nichts geschehen.“
Nach einer bedeutungsvollen Pause murmelte der Zauberer: „ Exhibi verdad aspectolum. “
Dann nahm er eine von den vielen herumstehenden Kerzen in die Hand und forderte Ben auf, seine Handinnenfläche dicht über die Flamme zu halten. Dieser kam der Aufforderung nur zögernd nach. Mit angehaltenem Atem hielt er seine Hand dicht über die Flamme und es geschah: Nichts! Seine Haut verbrannte nicht und statt des erwarteten Schmerzes spürte er nur eine angenehm prickelnde Wärme. Das erinnerte ihn an die Begegnung mit den kleinen Feuerelfen im Wald von Fanrea. Königin Anijala! Durch die sich überschlagenden Ereignisse hatte er sie völlig vergessen. All die anderen unerklärlichen Situationen mit Feuer fielen ihm ein und er hatte das Gefühl, das sich die Puzzleteile seines Lebens langsam zusammenfügten.
Ein erfreuter Ausdruck huschte über Magors Gesicht und er lehnte sich zurück. „Wusste ich es doch.“
Obwohl sich in Ben gerade jede Menge Fragen türmten, die nach Antworten schrien, wagte er nicht, Magor zu fragen, was er mit seiner Äußerung meinte.
„Nun zu dir, Nala. Steh kurz auf und stell dich mir gegenüber“, forderte Magor sie auf.
Nala tat, wie geheißen und Magor erklärte ihr: „Ich werde dir nun Wind schicken und du versuchst, ihn mit deinen Händen umzulenken. Schick ihn zu mir zurück.“
Irritiert schaute Nala den Magier an, unterließ es aber, ihn um Erklärungen zu bitten. Als Magor seine Hände hob, entstand ein leichter Wind, der sich auf Nala zubewegte. Sie hielt die Hände vor ihren Körper und fing den Wind tatsächlich ab und er veränderte seine Richtung. Erstaunen spiegelte sich in ihrem Gesicht und Nala begann, mit der Luft zu spielen, sie schickte sie nach links, oben und rechts. Es begann ihr Spaß zu machen und Magor verstärkte den Wind. Es bereitete ihr kein Problem, die stärkere Böe ebenfalls zu bändigen.
Magors Laune wurde immer besser, seine Augen funkelten vor Begeisterung. Er stellte eine große Schale mit Wasser auf den Tisch und setzte sich. „Emma, nimm Platz. Halte deine Hände über das Wasser und versuche, es hin und her zu leiten.“
Während Emma der Aufforderung nachkam, dachte sie an die Szene mit Glenn am Fluss - das Wasser hatte ihr gehorcht. Oder nach der Geburt des Prinzen, als sie den Kleinen baden durfte und das Wasser ein Eigenleben entwickelt hatte. Ob das Wasser ihr noch einmal gehorchen würde?
Sie konzentrierte sich und spürte, dass alle Augen auf sie gerichtet waren und das lenkte sie ab. Verdammt, sie wollte nicht versagen! Emma erinnerte sich an die Übungen mit Osane und beruhigte sich selbst durch einige tiefe Atemzüge. Ein zartes Prickeln huschte über ihre Handinnenflächen und sie hob die Hände ein wenig hoch. Das Wasser bündelte sich und folgte ihr nach oben.
Emma freute sich und ließ dadurch in ihrer Konzentration wieder nach. Die Wassersäule brach in sich zusammen. Bestürzt sah Emma zu Magor, doch der sah nicht verärgert aus, sondern rief zufrieden: „Wunderbar!“ Dann wandte er sich an John: „Und nun du.“
Читать дальше