Die Landschaft wechselte ihr Gesicht, die Berge wurden flacher und die Gegend wirkte leblos. Dann erreichten sie die ersten Ausläufer der Sierra und Richard staunte über die Struktur der erkalteten Lava. Songragan leitete einen kurzen Sinkflug ein und flog auf einer geringeren Höhe weiter. Erstarrte Lavafelder erstreckten sich endlos vor ihnen, schwarz und kahl. Im gleichmäßigen Rhythmus hoben und senkten sich die Flügel von Songragan, er zeigte nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen.
„Wie lange sollen wir noch weiterfliegen? Ich habe Hunger, ich muss jagen. Sonst werde ich ungemütlich“, knurrte Songragan.
„Hier gibt es nichts Lebendiges.“
„Meine Augen sehen am Horizont grün, die Lava führt zu fruchtbarem Boden und dort hinten werden wir Wild finden. Ich kenne das Gebiet.“
„Okay, dann vorwärts. Weißt du was, wir können doch einfach immer weiterfliegen, solange wir wollen und nicht mehr zurückkehren. “
„Und dein Vater? Was ist mit ihm?“
„Ach, ich weiß nicht...“ In Richard wuchs der Unwille gegenüber seinem Vater immer mehr, er nervte ihn und Richard waren die ständigen Ohrfeigen zuwider. Was sollte er Zuhause? Sich Geronimos Schmucksammlung ansehen? Den hoffnungslosen Versuchen zuschauen, wie Geronimo Gold herstellte? Zu seinem Vater hatte er keinen richtigen Bezug, sie lebten nebeneinander her. Rebellisch forderte er seinen Drachen auf: „Lass uns abhauen.“
Songragan widersprach: „Ich will zurück, die Drachinnen gehören mir, die gönne ich keinem anderen. Wir werden wieder nach Angar fliegen, wenn ich gejagt und gefressen habe.“
Aus Erfahrung wusste Richard, dass Songragan sich nicht umstimmen ließ und schwieg. Links und rechts von ihnen sah Richard am Horizont dampfende Vulkane. „Schau mal Songragan, die Vulkane seitlich von uns sind noch aktiv!“
„Ich weiß, ich war schon dort.“
Stundenlang flogen sie weiter bis sich die ersten Pflanzen zaghaft vorwagten, schließlich mehr wurden und am Ende die schwarze Wüste eroberten. Der Lavaboden war zu fruchtbarer Erde verwittert und der üppige Bewuchs bot vielen Tieren Zuflucht. Plötzlich schoss Songragan ohne Vorankündigung Richtung Erdboden, doch solche Manöver war Richard gewohnt und zudem war er angeschnallt. Im Sturzflug packte der Drache einen Monolan, brach ihm das Genick und setzte dann zur Landung an. Das geschah so schnell, dass das Tier nicht einmal zur Flucht angesetzt hatte.
Mit einem Ruck trennte der Drache eine Keule ab und warf sie Richard vor die Füße. „Hier für dich!“
Dankbar tätschelte Richard dem Drachen den Hals. „Hau rein, Junge, lass es dir schmecken. Ich suche Brennholz.“ Nachdem das Holz aufgeschichtet bereit lag, entzündete der Drache es mit einem Feuerstoß.
„Während du dein Fleisch grillst, fang ich mir noch etwas. Der kleine Appetithappen hat mir nicht gereicht.“
Nach ihrem Essen flogen Richard und Songragan weiter, bis sie schließlich über einem mächtigen Vulkankrater kreisten, der auffallend glatt geschliffene Wände hatte. Im Inneren des Kraters wuchsen Palmen, Obstbäume, Blumen und es schien so, als befänden sich dort von Menschenhand angelegte Felder.
„Was ist denn das für ein eigenartiger Krater?“, fragte Richard.
„Der ist tatsächlich seltsam, er ist durch Magie geschützt. Ich kann dort nicht landen, komme auch nicht näher heran. Da war ich schon mehrmals.“
„Du kannst die Magie nicht brechen? Du? Das macht mich neugierig, lass es uns ergründen.“
„Wie denn? Ich komme nicht hinein und kann auf dem Rand des Kraters nicht landen.“
Richard grinste: „Was wäre denn, wenn dort unten ein Schatz verborgen liegt?“
„Junge, auch damit kannst du mich nicht ködern. Ich habe alles versucht, der Zauber ist unüberwindbar.“
„Dann brauchen wir den entsprechenden Gegenzauber. Ich schnüffle mal in Geronimos Büchern herum, ob ich einen entsprechenden Spruch finde. Wir kommen wieder, okay?“ Richard ließ nicht locker.
„Wenn du einen Zauberspruch findest, der den Bann bricht, sofort. Ich bin selbst neugierig, wer oder was sich dort unten verbirgt. Manchmal sehe ich dort unten zwei Menschen, doch sie halten sich immer im Verborgenen.“
„Wie sehen sie denn aus?“
„Kann ich doch nicht erkennen, wenn sie in Deckung gehen.“
„Komm, dreh noch ne Runde über den Krater“, bat Richard.
Songragan tat ihm den Gefallen, doch sie sahen niemanden. Aus unerklärlichen Gründen fühlte sich Richard zu dem Tal hingezogen. Nach einer Weile gaben sie es auf und Songragan entfernte sich vom Krater.
Auf dem Talboden des Kraters, verborgen unter Obstbäumen, beschattete ein braunhaariger Mann seine Augen und schaute in den Himmel. Während er den Drachen beobachtete, rief er seine Frau zu sich, die im Schatten einer Palme saß und in einem Buch las.
„Lillith, wir haben Besuch. Doch unsere Gäste können, wie immer, nicht landen.“
Die schlanke Frau trat zu ihrem Mann, legte den Arm um seine Taille und folgte seinem Blick. Seufzend legte sie ihren Kopf an seine Schulter. „Es scheint ein gewaltiger Drache zu sein. Der könnte dir gefallen, stimmt´s?“
„Ja, ich denke schon. Wie lange ist es jetzt her…“ Abrupt brach er ab und ein schmerzhafter Zug huschte über sein Gesicht. Mich interessiert aber auch, wer sein Reiter ist.“ Der Mann wandte sich seiner Frau zu und strich ihr mit einer liebevollen Geste die langen, blonden Haare aus dem Gesicht. Dann legte er zärtlich seine Hände auf ihren runden Bauch. „Wie geht es unserem kleinen Schatz? Alles gut?“
Urlaubsstimmung und Training
Einen weiteren kostbaren Ferienmorgen verbrachten die Gäste vom Chateau d`Aigle mit Schwimmen, Boule * spielen und Essen. Im Laufe des Vormittags verzogen Ben und John sich in eine Ecke des Parks, um die Elementemagie zu trainieren.
Inzwischen beherrschte Ben das Feuer, es bereitete ihm Spaß, es mit seinen Händen zu locken und er genoss dessen Hitze. Immer wieder faszinierte es ihn, dass die Flammen ihn nicht verbrannten, sondern ihm ein wohliges Gefühl schenkten.
Ben bewarf John mit Feuerbällen und der versuchte, sie mit seinen Armen zu blocken, versengte sich jedoch die Haut. Daraufhin sammelte John mehrere dicke Steine und legte sie vor sich hin. „Komm, schmeiß noch mal ein paar Feuerbälle rüber, dieses Mal werde ich sie mit den Steinen aus der Bahn werfen“, schlug er vor.
„Okay.“ Ben donnerte John die Feuerbälle um die Ohren, der jetzt die Steine benutzte, um das Feuer aus seiner Flugbahn zu katapultieren. Nun gelang die Abwehr besser. Nachdem sie noch verschiedene Manöver durchprobiert hatten, gesellten sie sich wieder zu den anderen und vertrödelten den restlichen Vormittag.
Bei einem seiner Rundgänge durch das Schloss hatte Ben eine Gitarre entdeckt und Magor hatte nichts dagegen, dass er sie benutzte. Ben setzte sich mit Nala in den Schatten einer Palme, und sie sang zu seinem Gitarrenspiel. Ihre Stimme war voller Volumen, mit einer enormen Bandbreite und viel Gefühl.
Nachdem sie ihr gesamtes Repertoire zum Besten gegeben hatten, interessierte Ben sich für Nalas Kindheit und ihre Zeit in Afrika. Ihr Gesicht verschloss sich und Ben fühlte sich an Emma erinnert, die bei manchen Themen auch dicht machte.
Zunächst schwieg Ben, dann tastete er sich vorsichtig heran: „Ich frage dich nicht aus purer Neugier, aber wenn wir für die vier Elemente der Prophezeiung stehen, dann sollten wir uns vertrauen und möglichst viel voneinander wissen. Wir dürfen keine Geheimnisse voreinander haben.“
Mit einem abschätzenden Blick sah Nala ihn an, schließlich stimmte sie zu: „Du hast Recht. Wenn wir tatsächlich die vier Elemente sind und gemeinsam den Kampf gegen die Mächte der Finsternis aufnehmen, müssen wir uns besser kennen. Manchmal ist es wichtig, zu wissen, wie der andere denkt und warum er so ist, wie er ist. Deshalb erzähle ich dir ein wenig von mir.
Читать дальше