Als sie ihren Wachzauber sprach, kam sofort Bewegung in die Figuren, sie versuchten, zu fliehen und schrien wild durcheinander. Das machte der Hexe schon mehr Spaß und sie lachte ihr bösartiges Lachen, besonders dieses kleine, niedliche Mädchen bereitete ihr Freude.
Plötzlich verspürte die Hexe ein starkes Ziehen in ihrem Hinterkopf, das kurz danach in einen starken Schmerz überging. Eine Eingebung kündigte sich damit an, sie wartete ungeduldig und schloss die Augen. Jählings hatte sie tatsächlich einen Einfall.
Schnell stülpte sie eine Glasglocke über die tobende Meute kleiner Figuren und erhob sich: „Da gibt es ein Geheimnis, das ich lüften werde.“
Voller Vorfreude rannte sie in ihr Schlafzimmer zu einem hölzernen Kasten und öffnete ihn, um ein Haar daraus zu entnehmen. Mit ihrer filigranen Beute lief sie zurück zur Glocke, hob sie erneut an, schnappte sich das kleine Mädchen und riss ihr ein Haar aus. Die Kleine schrie auf und schimpfte wütend, Xaria stülpte die Glasglocke zurück über die Figuren.
„Gleich werde ich es wissen“, flüsterte Xaria. Sie nahm die beiden Haare und beschwörte sie: „Revelana misterio sumatra kasas.“ Gleichzeitig entzündete sie ein magisches Feuer. Danach schüttete sie eine bernsteinfarbene Flüssigkeit aus einer Ampulle gleichmäßig über die beiden Haare sowie in das Feuer und wartete. Das Feuer veränderte seine Farbe: Es wurde lila.
„Ah, lila! Das scheint interessant zu werden.“ Fasziniert beobachtete Xaria das Feuer und die beiden einzelnen Haare. Auf ihrer Stirn bildeten sich oberhalb des Nasenrückens zwei tiefe Falten, die bei ihr äußerste Konzentration verrieten.
Nach schier endlos erscheinenden Minuten kam langsam Bewegung in die Haare. Zunächst ringelten sie sich hin und her, dann schlängelten sie sich wie zwei Schlangen zögernd aufeinander zu. Sie umwanden sich wie Aale, um sich schließlich miteinander zu verknoten. Eng verstrickt blieben sie nach ein paar Sekunden leblos liegen.
„Ja!“, zischte die Hexe aufgewühlt. „Ich habe es geahnt, sie sind miteinander verwandt.“
Die Falten auf ihrer Stirn verschwanden und ihr Gesicht nahm einen aufgeregten Ausdruck an. „Das gefällt mir, das wird spannend.“
Xaria griff nach den miteinander verbundenen Haaren und warf sie ins Feuer. Es zischte und eine Stichflamme entstand. Gebannt starrte die Hexe hinein und wartete. Buchstaben bildeten sich in der Flamme und Xaria notierte sie. Das entstandene Wort war in einer uralten, mystischen Sprache geschrieben und sie musste es erst mühsam übersetzen.
„ Dargansala“ , flüsterte Xaria und rief dann nach ihrem gefügigen Diener: „Mazrar! Bring mir das Buch der alten Sprachen!“
Der Gerufene erschien nach einer Weile und reichte ihr ein altes, abgegriffenes, in Leder gebundenes Buch. Ergeben schaute er seine Herrin an und wartete auf weitere Befehle.
„Du kannst gehen. Ach, nein, warte. Bring mir einen Becher frisches Blut von unserem Neuzugang, dem gutaussehenden Handwerker. Das hilft mir beim Denken.“
Mazrar nickte und schlurfte kopfschüttelnd davon.
Xaria sprach zu sich selbst, was sie gerne tat, wenn sie blendender Laune war. „Gut, dass ein paar Haare an dem Buch hängen geblieben sind. Haare sind etwas wunderbares, sie offenbaren so viele Geheimnisse.“ Sie lächelte tiefgründig. „Ich glaube, ich sehe einmal in meinen eigenen Aufzeichnungen unter dem Kapitel Haare nach. Als ich noch jung war, habe ich mich eine Zeitlang intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Mazrar, wo bleibt mein Blut?“
In der Höhle von Bernsteinauge starrten Ilian, Orell und Glenn auf das Drachenei. Zum wiederholten Male behauptete der Pegasus: „Ich bin mir sicher, dass das Ei seine Farbe verändert hat. Nicht viel, aber dennoch.“
Glenn verneinte: „Wir würden Melvin zu früh hierhin bestellen. Es ist noch nicht so weit. Orell, sag du doch einmal deine Meinung.“
Der Angesprochene tippelte unschlüssig von einem Huf auf den anderen. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher.“
Ungeduldig wieherte Ilian: „Wir müssen uns entscheiden! Wenn das Ei tatsächlich seine Farbe verändert haben sollte, muss Melvin kommen, er darf auf gar keinen Fall das Schlüpfen verpassen. Es ist besser, er kommt zu früh, als zu spät.“
Die drei schauten erst sich und dann das Ei unschlüssig an. Orell entschied: „Ilian hat Recht. Besser zu früh, als zu spät.“
Nervös wühlte Glenn in seinem Rucksack, zog ein altes, vergilbtes Buch hervor und blätterte darin herum. „Ich lese euch noch mal vor, was im Drachenbuch zur Veränderung der Farbe steht.“
Endlich hatte er die entsprechende Stelle gefunden: „Die erste Farbveränderung ist kaum wahrnehmbar und nur ein Kenner der Drachen kann mit Bestimmtheit sagen, dass das Schlüpfen demnächst bevor steht. Erst unmittelbar vor dem Schlüpfen ist die Veränderung deutlich zu sehen.“
Vielsagend sahen die drei sich an.
„Ich denke, es ist besser, ich fliege zu Osane und gebe ihr Bescheid, dass sie Magor informieren soll“, schlug Ilian vor.
Den drei Freunden war mulmig zumute. Machten sie alles richtig? Blieb ihnen noch genug Zeit bis zum Schlüpfen? Was, wenn Melvin zu spät käme?
Ilian schüttelte die quälenden Gedanken ab. „Mit Grübeln kommen wir hier nicht weiter, wir müssen handeln.“ Er versuchte selbstsicher zu wirken und meinte in gelassenem Tonfall: „Ich mache mich direkt auf den Weg. Ihr beiden haltet in der Zwischenzeit das Ei weiter warm und erzählt ihm Geschichten und Weisheiten, ganz so, wie es in dem Drachenbuch steht. Es soll ja schließlich kein doofer Drache schlüpfen. Bis bald, meine Freunde.“ Mit diesen Worten verließ er die Höhle.
Hilflos schauten Glenn und Orell sich an. Ergeben in sein Schicksal zuckte der Elf mit den Schultern und begann erneut, in dem zerfledderten Drachenbuch zu blättern: „Ich lese dir jetzt die Stelle mit dem Lernen im Ei vor.“
„Oh nein, nicht schon wieder! Du hast sie schon mindestens zehnmal zum Besten gegeben.“
„Egal! Es kann nichts schaden. Also hör zu: „Während der gesamten Brutzeit ist es unumgänglich, dem Drachenembryo Wissen zu vermitteln. Dies geschieht durch Geschichten, alte Weisheiten, Sagen, Gesänge und allgemeine Grundkenntnisse. Kein Gebiet sollte ausgelassen werden. Der Drache hat in seinem Urgedächtnis zwar Wissen gespeichert, ist jedoch voller Lerneifer und möchte sich während der Brutzeit nicht langweilen.“
Glenn machte eine dramatische Pause und Orell verdrehte genervt die Augen. Der Elf fuhr fort: „Besonders lieben Drachen Drachengeschichten...“
„Klar, dass diese eitlen und selbstverliebten Geschöpfe am liebsten heldenhafte Geschichten von sich selbst hören...“, schimpfte Orell.
„Ach, Orell, sei nicht so streng. Wir haben die Verantwortung für dieses ungeborene Wesen. Lass uns lieber überlegen, welche Geschichte wir ihm heute erzählen sollen. Oder sollen wir ein Lied singen?“
„Oh nein, nicht singen.“
„Okay. Was hältst du von dieser alten Erzählung, in welcher der Drache Mulatin die Elfenprinzessin rettet?“
Der geflügelte Hirsch gab sich geschlagen: „Also los, erzähl sie ihm.“
Grinsend tauchte Glenn ein in die alte Geschichte des Drachen Mulatin und seines grausamen Gegenspielers Krok, dem Höllenhund.
Richard und Songragan flogen seit zwei Tagen über die Berge in ein Gebiet, in das Richard bisher noch nie vorgedrungen war. Hinter ihrer Heimat waren die Berge zunächst schroffer und höher geworden und die Gipfel waren mit Eis bedeckt. Zum Glück lagerte in Songragans Satteltaschen immer eine dicke Felljacke.
Jetzt näherten sie sich ihrem Zielgebiet, der Sierra del fuego, in der immer wieder aktive Vulkane ausbrachen oder neue entstanden. Die giftigen Dämpfe waren tödlich und die Feuerglut wurde kilometerhoch in die Luft geschleudert, deshalb hatte Richard das Gebiet bisher gemieden. Für Songragan war das Feuer nicht bedrohlich, für Richard dagegen schon. In seiner jetzigen trotzigen Stimmung stand ihm der Sinn jedoch nach etwas Unvernünftigem.
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