Aufgeregt nickte Emma und hoffte, dass sie sich nicht blamierte. Außerdem, was bedeutete: Ich habe hier das Sagen´?
John bewegte sich vorwärts und führte Emma durch die Schritte, wobei sie ihm natürlich mehrmals auf die Füße trat. Er lachte jedoch und beruhigte sie: „Das ist normal am Anfang, mach dir nichts draus. Ist mir auch passiert.“
Je mehr Emma sich entspannte, auf den Takt der Musik achtete und John die Führung überließ, umso besser klappte es. Auf einmal begann es sogar, ihr Spaß zu machen. Emma bemerkte nicht, dass sie vergaß, auf ihre einzelnen Schritte zu achten und den Takt mitzuzählen, sondern dass die Bewegungen fließender wurden und ihre Haltung sich stabilisierte. John freute sich, als er spürte, wie Emma sich auf ihn einließ.
Eben war Emma vor lauter Aufregung nicht bewusst gewesen, wie nah John ihr war. Aber nun wich die Anspannung und sie fühlte die zarte und dennoch dominante Berührung seiner Hände. Er trug immer noch kein T-Shirt und seine nackte Haut verwirrte sie.
Als die CD zu Ende ging, bedauerte Emma das und John legte eine etwas modernere CD ein, Simply Red, If you don´t know me by now . Die Tanzschritte wurden immer flüssiger und Emma ließ sich nun ganz und gar auf die Musik und John ein. Sie strahlte über das ganze Gesicht und auch John war glücklich, dass seine Überraschung gelungen war. Nachdem der Song durchgelaufen war, fragte er: „Hast du Lust, noch einen anderen Tanz zu lernen?“
Emma erwachte wie aus einem Traum und landete sanft auf der Erde: „Ja! Super gerne. Es macht mir riesigen Spaß.“
John schlug vor: „Okay, wir probieren den Discofox. Der ist auch nicht so schwer und hat coole Drehungen. Ich erkläre dir, wie es geht. Oder Samba.“
Sie zögerte: „Weiß Magor eigentlich, dass wir hier tanzen?“
„Aber natürlich, er hat mir netterweise diesen Saal zum Üben vorgeschlagen und jede Menge CD`s zur Verfügung gestellt. Er ist wie zwei Wesen, einmal der großartige, unnahbare Zauberer, der schon unzählige Welten gerettet hat und dann wiederum der Genießer, der als reicher Weinbauer hier in Frankreich residiert. Ich glaube, er braucht diesen Ausgleich auf seinem Chateau, um sich von den immensen Strapazen und Herausforderungen zu erholen und neue Kraft zu schöpfen.“
„Ich bin immer ein wenig verlegen in seiner Gegenwart, obwohl ich ihn mag“, gab Emma unerwartet zu.
Verständnisvoll nickte John. „Das sind die meisten Menschen und das macht ihn bestimmt ein wenig einsam. Vielleicht will er hier einfach nur ein großartiger Gastgeber sein und nicht auf einem Sockel stehen, an den sich niemand herantraut. Was meinst du?“
Nachdenklich erwiderte Emma: „Ich glaube fast, du hast Recht. Hm, meinst du, ich kann mit ihm über etwas Wichtiges sprechen, was ihm vielleicht nicht gefallen wird?“
„Ich tippe mal, ja.“
Es war wieder typisch für John, dass er nicht nachfragte, um welche Sache es ging, sondern dass er es auf sich beruhen ließ, wenn sie hätte mehr erzählen wollen, hätte sie es ja getan. Emma dachte an Sidney und seine Liebe zur Malerei und überlegte, Magor in diesem Urlaub darauf anzusprechen. Irgendwie musste sie es hinkriegen, Magor davon zu überzeugen, dass Sid seine Leidenschaft ausleben und malen durfte. Aber nun wollte sie weitertanzen.
„Los, dann zeig mir erst den Discofox und danach noch Samba“, drängte sie mit leuchtenden Augen.
Nach dem Tanzen gesellten sich John und Emma zu den anderen, die im Park des herrschaftlichen Anwesens Boule* spielten: Esther mit Fips und den Rattenbrüdern, Komor, Agatha, Sidney, Nala und Ben. Unbeschwert lachten sie miteinander und genossen die Zeit.
Erstaunt fragte Nala: „Wo kommt ihr beiden her? Wir haben euch schon vermisst. Möchtet ihr mitspielen?“
Wahrheitsgemäß antwortete John: „Emma und ich haben getanzt. Walzer, Discofox und Samba.“
Emma wäre es lieber gewesen, er hätte das mit dem Tanzen für sich behalten, es war ihr unangenehm. Unsicher schaute sie zu Ben, der nachdenklich ihren Blick erwiderte und die Stirn runzelte. Tanzen? Emma mit John? Was war denn das für eine Nummer? Seltsam.
Besitzergreifend legte Ben den Arm um Emmas Taille, zog sie mit sich und schlug vor: „Wir bilden zwei Teams, Emma ist bei mir in der Mannschaft. Wer noch?“
Esther beobachtete Bens Geste, dann fiel ihr Blick auf John, der die Hände in seine Hosentaschen schob und die Lippen aufeinander presste. Schnell entschied sie: „Sidney und ich, dann spielen wir Team Erde gegen Team Fanrea.“ Eilig warf sie das „Schweinchen“ und Fips rannte los, um es sich zu schnappen.
Nala fing den Hund und drehte sich fröhlich mit ihm im Kreis. „Du Lümmel, du bekommst den Ball nicht!“
Die Rattenbrüder rannten balgend um die Ecke. „Eh, wir wollen auch mitspielen“, maulte Jidell.
„Nix da.“ Esther kramte in ihrer Tasche und warf den beiden einen Apfel zu. Sie zwinkerte Agatha zu. „Jetzt sind sie mit Streiten beschäftigt und stören uns nicht.“ Tatsächlich stürzten sich die Brüder auf den Apfel und prügelten sich um ihn.
Mehrere Runden Boule wurden gespielt, mal gewann das Team Erde, mal Fanrea. Schließlich schlenderte Magor durch den Park auf sie zu und blieb vor ihnen stehen. Als Magor Sidney musterte, verlor dieser seine Gesichtsfarbe, schaute unsicher auf den Rasen und kaute hektisch auf seinen Fingernägeln. Traurige Verlegenheit zeigte sich auf seinem blassen Gesicht.
Magor wandte sich zu Emma und Ben: „Ich möchte, dass ihr jetzt mit mir in meine Alchemistenkammer kommt. Ich werde euch in der Zauberkunst schulen, eure Kenntnisse aus dem Trainingslager von Fanrea reichen nicht aus. Wir müssen die Magie in euch wecken.“
Interessiert hörten Nala und John zu. Das dunkelhäutige Mädchen brannte geradezu darauf, mit in die Alchemistenkammer zu kommen und zu lernen. Die Magie faszinierte sie und bisher war sie damit immer nur am Rande in Berührung gekommen. Vielleicht ergab sich hier gerade eine Wendung für ihr Leben?
Für John bedeutete die Zauberei, seine Chancen in einem Kampf zu erhöhen. Bei einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Waffen war er in der Lage, sich zu wehren, der Magie konnte er nicht so viel entgegensetzen.
Nala trat zu dem Zauberer. „Magor, ich möchte gerne mitkommen und ebenfalls bei Ihnen lernen.“
Magor fixierte Nala und bemerkte ihre funkelnden Augen.
„Ich würde mich gerne anschließen“, bat auch John.
Der Zauberer dachte daran, wie er in Fanrea gesehen hatte, dass sich die Aura eines jeden einzelnen der Vierergruppe Nala, Emma, Ben und John miteinander verbunden hatte. Wenn Magor die Augen zusammenkniff und sich auf das Aura sehen konzentrierte, sah er feine, kaum sichtbare Verbindungslinien zwischen den Vieren hin und her schwingen. Das hatte er in diesem Urlaub ergründen wollen und nun ergab sich die passende Gelegenheit.
Deshalb stellte Magor folgende Überlegung an: Silly war total unbegabt zum Zaubern, er taugte nichts als Lehrling und Magor behielt ihn nur, weil er seinem alten Freund versprochen hatte, sich um seinen Sohn zu kümmern und ihn zu einem großen Zauberer zu machen. Doch Magor benötigte unbedingt einen Lehrling. Was, wenn einer der Vier sein neuer Zauberlehrling werden würde?
Ben und Emma schieden aus, weil sie Erdenkinder waren, deshalb den menschlichen Gesetzen und Zwängen unterlagen und auch eine Familie hatten, die Fragen stellte. Das alles wäre kompliziert und würde es erschweren, sie aus ihrem normalen Leben zu holen und auszubilden. Bei John und Nala sah das Ganze schon anders aus. Warum eigentlich sollte er sie nicht mit in seine Alchemistenkammer nehmen? Gelegenheiten musste man ergreifen und Flexibilität war wichtig.
Zuvor wollte Magor jedoch noch einen kleinen Test machen. Welche Verbindung bestand zwischen der Vierergruppe? Wer waren die vier wirklich? Magor schaltete seinen Verstand einen Gang zurück und verließ sich nun ganz auf sein Gefühl und tastete die Bestimmung der Einzelnen ab.
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