Er wollte ihr ins hübsche Gesicht spucken, aber selbst das gelang ihm nicht, seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr und sogar das Fluchen blieb ihm verwehrt.
,Scheiße!´, dachte er noch einmal und starrte die Frau aus wütenden Augen an. Lässig grinsend schnippte sie mit den Fingern und die Welt um ihn herum versank in Schwärze.
Richard war mit seinem Drachen Songragan auf Erkundungsflug über die Bergwelt im Hinterland von Angar. Wenn sie über die schneebedeckten Gipfel dahinglitten, die Luftströme nutzten und der Wind um sie rauschte, fühlten sie sich wie die Herrscher der Welt.
Vor nicht allzu langer Zeit lebte in dieser Gegend ein Rudel halbwüchsiger Drachen, doch als sich einige Drachinnen ebenfalls hier niederließen, beanspruchte Songragan die Drachendamen für sich allein. Erbarmungslos verteidigte er sein Revier gegen die männlichen Rivalen und schaltete einen nach dem anderen aus. Die jungen Drachenmänner hatten keine Chance gehabt gegen den gewaltigen und kampferprobten Songragan.
Nun war diese Bergwelt das alleinige Revier von Songragan und Richard, deshalb gehörten die täglichen Erkundungsflüge zu ihrer Routine. Richard genoss diese Flüge und fühlte das pure Glück in sich, weit fort von seinem Vater. Die Unterdrückung durch Geronimo schnürte ihm die Luft ab und es gelang ihm kaum noch, die Schläge seines Vaters ohne Gegenwehr einzustecken. In Stärke und Kampfkunst war Richard seinem Vater fast ebenbürtig. Wenn Geronimos Magie nicht wäre, hätte Richard es längst auf eine Schlägerei ankommen lassen.
Während ihrer Flüge neigte Richard manchmal zu Übermut und sprang aus großer Höhe von Songragans Rücken ab, legte die Arme eng an den Körper und schoss pfeilschnell Richtung Boden. Der Rausch der Geschwindigkeit und die Gefahr, dass Songragan ihn nicht rechtzeitig auffing, versetzten ihm einen Adrenalinkick.
Die mächtigen, schwarzen Schwingen des Drachen bewegten sich gleichmäßig auf und ab. Der annähernd dreieckige Kopf war mit zwei gedrehten Hörnern besetzt, am Hals funkelten dicke, nachtschwarze Schuppen im Sonnenlicht. Diese sich überlappenden Schuppen panzerten seinen gesamten Körper, sein muskulöser Schwanz war mit Dornen bewehrt.
Abrupt veränderte Songragan seine Richtung. „Da vorne ist ein Drache. Endlich hat sich mal wieder einer in unser Revier verirrt. Schnall dich an!“
Richard klickte sich in den Gurt ein und sein Herzschlag erhöhte sich. „Den machen wir fertig!“
Mühelos steigerte Songragan seine Geschwindigkeit und näherte sich dem Eindringling. Als sie dicht hinter ihm waren, brüllte Songragan ihn an: „Was machst du in meinem Revier?“
Überrascht wandte der fremde Drache sich um und musterte Songragan. Der Eindringling war noch nicht ausgewachsen, doch sein Blick blieb furchtlos. „Das geht dich wohl gar nichts an.“
„Ich glaube schon, das ist mein Gebiet hier!“ Ohne weitere Erklärung stürzte sich Songragan auf den Drachen. Songragan packte ihn mit seinen messerscharfen Klauen, wirbelte ihn in der Luft herum und bohrte ihm seine Krallen in die weichere Bauchhaut. Blut spritzte aus dem fremden Drachen und verzweifelt versuchte dieser, sich mit Feuerstößen zu wehren. Schnell veränderte Songragan seine Position und riss ihm mit den spitzen Krallen die fledermausähnlichen Flügel in Fetzen, brach die langen Knochen, die die Flügel stützten. Hilflos versuchte der fremde Drache die Kontrolle über seinen Körper zu behalten, trudelte, konnte seine Flügel kaum noch bewegen und brüllte schmerzerfüllt.
Richard schrie vor Begeisterung: „Gib ihm den Rest, Songragan!“
Erneut veränderte Songragan seine Lage, presste seine Hinterbeine um den Hals des Eindringlings, drückte ihn nach unten und schlug gleichzeitig mit dem Schwanz gegen dessen Bauch. Dann ließ er plötzlich los und gab dem fremden Drachen einen kräftigen Tritt gegen die Wirbelsäule. Der verlor völlig die Kontrolle und fiel Salto schlagend dem Boden entgegen. Triumphierend verfolgten Richard und Songragan mit ihren Blicken, wie der Drache durch die Luft fiel, schließlich auf dem Boden aufschlug und leblos liegen blieb.
Die Hand zu Faust geballt, rief Richard: „Dein Sieg, Songragan, du bist einfach der Beste! Heute gibt es Drachensteak mit Honig für mich.“
Das Frühstück verlief zwanglos. Jeder trudelte irgendwann in der Küche ein und machte sich mit Unterstützung der Köchin ein Frühstück zurecht, um es anschließend draußen zu genießen. Die Hitze ließ schon morgens Butter oder Käse im Freien schmelzen. Magor erschien heute sehr spät, aber gut gelaunt, da er gestern etwas zu viel Wein verkostet hatte.
Heute trug er schwarze Motorradkleidung und einen Helm in der Hand. Als er die fragenden Gesichter sah, erklärte er: „Ich mach eine kleine Spritztour.“ Vergnügt nahm er sich ein Croissant auf die Hand und aß es schnell im Stehen, kippte einen frisch gepressten Orangensaft hinterher und naschte noch ein paar Stücke Melone.
Für den Nachmittag hatte der Zauberer geplant, mit Emma und Ben in seine Alchemistenkammer zu gehen, um dort mit ihnen das Zaubern zu üben. Es war ihm sehr wichtig, dass sie sich weiterentwickelten und mehr Magie beherrschten.
Bevor er sich verabschiedete, schlug Magor den beiden vor, auszureiten, um sich sein Anwesen anzusehen. Wenig später hörten sie das laute Röhren einer schweren Maschine.
„Ich habe große Lust auf einen Reitausflug. Kommst du mit?“, fragte Ben Emma.
„Nee, ich möchte einfach nur abhängen. Der Luxus von Magors Anwesen ist im Moment genau das Richtige für meine Nerven.“
Verwundert runzelte Ben die Stirn, so träge kannte er seine Freundin nicht. Fürsorglich legte er den Arm um sie: „Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“
„Doch, alles ist in Ordnung. Ich brauche einfach ein bisschen Erholung von unserem Fanreatrip.“ Das stimmte zwar, aber es war nicht die ganze Wahrheit. Mit schlechtem Gewissen verschwieg sie Ben, dass sie nach John Ausschau hielt.
Ben zuckte mit den Schultern. „ Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen*. Na, dann chill mal ´ne Runde.“
Unternehmungslustig schloss sich Ben Agatha an und ritt gemeinsam mit ihr über das riesige Anwesen, auf dem es einen See, ein großes Waldgebiet, Koppeln mit Pferden und Kühen gab. Obstplantagen, Weinfelder und ein kleines Dorf, in dem die Angestellten von Magor lebten. Es war ein sehr gepflegtes Dorf mit Natursteinhäusern, vor denen bunte Blumenkübel standen und in dem es nach frischem Brot duftete, weil die Backstube gerade auf Hochtouren lief.
Bei den Weinstöcken hielten sie an und begrüßten diejenigen, die dort arbeiteten. Ben und Agatha stiegen von ihren Pferden, um sich die Trauben aus der Nähe anzusehen, als das gewaltige, trollähnliche Wesen freundlich lächelnd auf sie zukam: „Kann ich euch helfen?“
Agatha war erfreut: „Wir würden so gern etwas mehr über den Weinanbau erfahren. Kannst du uns ein bisschen dazu erklären?“ Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und ihre blauen Augen strahlten.
Der Trollartige hieß Karbo und war beglückt, über seinen geliebten Wein sprechen zu dürfen: „Gerne. Kommt mit!“
Der Mann mit den zwei Köpfen gesellte sich dazu. Der eine hieß Mori und der andere nannte sich Muri. Mori schaltete sich ein: „Von mir könnt ihr auch jede Menge lernen.“
Karbo nahm sie mit sich zu einer Rebe und zeigte darauf: „Es existieren weltweit ungefähr zehntausend Rebsorten, jedoch nur etwa einhundert sind von größerer Bedeutung. Seit mindestens dreitausend Jahren gibt es den Weinbau, doch erst die Römer haben vor circa dreihundert Jahren vor Christus die Reben kultiviert. Später übernahmen dann Klöster diese Aufgabe. Ihr seht, Wein hat eine lange Geschichte.“
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