>>Ich war vorhin eine Weile nicht in diesem Wagon, ich
musste telefonieren und ging dazu in den Speisewagen.
Dort hängt ein Telefon, müssen Sie wissen. Ich nahm den
Hörer ab und da. .<< Sie hielt inne und schluckte.
>>Was war dann?<<, hakte der Polizist nach.
>>Dann war da diese Stimme. Eine Männerstimme, am
Hörer. Sie klang tief und kratzig. Und so böse. .<<,
stammelte sie.
Der Schaffner machte große Augen, er drehte sich zu dem
Polizisten um und begann zu sprechen.
>>Sir, Sie müssen wissen, in diesem Zug gibt es nur ein
weiteres Telefon. Nur so kann die junge Dame eine Stimme
gehört haben. Derjenige, der mit ihr sprach, war an
ebendiesem Apparat.<<
>>In welchem Wagon befindet sich das zweite Telefon?<<
Der Schaffner schwitze merklich.
>>In der Fahrerkabine.<<
Der Polizist war sofort losgelaufen, sein Ziel war die
Fahrerkabine. Der Schaffner begleitete ihn.
Katy hatte den beiden gesagt, sie komme mit.
Nach kurzem Zögern hatte der Polizist ihrem Vorschlag
zugestimmt.
In Anbetracht der toten Dame, wäre es unzumutbar
gewesen, Katy allein in einem Zug mit einem Insassen
einer Nervenheilanstalt zu lassen.
Sämtliche Abteile waren leer gewesen, der Zug raste
weiterhin durch die Nacht.
Katy kam es vor, als erreichten sie niemals ihr Ziel und
damit ihren Verlobten.
Der Gang vor ihnen lag in völliger Finsternis.
>>Die Lampe ist durchgebrannt<<, flüsterte der Schaffner.
>>Ich werde vorangehen<<, sagte der Officer und zog seine
Dienstwaffe aus dem Holster.
Der Schaffner lief nun hinter Katy, atmete hastig ein und
aus. Katy roch Pfefferminz und Kaffee in seinem warmen
Atem.
Sie hatten die Fahrerkabine erreicht.
>>Haben Sie heute Kontakt zu dem Führer des Zuges
gehabt?<<, fragte der Officer und wandte sich zu dem alten
Schaffner.
>>Nein, Sir. Wir haben ständig neue Fahrer, ich bekomme
den Namen des Diensthabenden meist kurz vor
Fahrtbeginn. Heute jedoch haben wir bei dem Unwetter
keine Pläne bekommen. Der Einzige der weiß, wann wir
die letzte Station erreichen, bin ich. Wieso fragen Sie?<<,
gab der Schaffner zurück.
Eine Antwort blieb aus, der Officer legte seine Hand um
den Schiebegriff der Abteiltür und öffnete diese langsam,
alle Muskeln gespannt.
Hinter der geöffneten Tür der Fahrerkabine stand ein
Mann.
>>Entschuldigen Sie, Sir... Würden Sie sich bitte langsam
umdrehen?<<, sagte der Polizist und richtete seine Waffe
auf den Rücken des Mannes.
Der massige Nacken des Zugführers arbeitete.
Langsam legte er eine Zeitschrift aus der Hand und drehte
sich um.
Sein gutmütiges Gesicht schaute erschrocken, als er die
Waffe in der Hand des Officers wahrnahm.
>>Herrje, was wird denn hier veranstaltet?<<, fragte er
sichtlich überrascht und mit schriller Stimme.
>>Sir, ich bin Officer Daniels. Ich gehe einer Sache nach, die
sich um einen flüchtigen Kriminellen dreht. Haben Sie
heute Abend etwas ungewöhnliches bemerkt?<<, hakte der
Officer nach. Die Waffe in seiner Hand ließ er sinken.
Der Zugführer dachte nach, zog dabei die Stirn in Falten.
>>Nein. Nein, ich glaube nicht, Officer.<<
>>Ich muss Sie warnen, Sie müssen die Tür ihrer Kabine
verschlossen halten, der entflohene Geisteskranke hält sich
womöglich in diesem Zug auf<<, sprach der Officer mit
ernster Stimme.
>>Ich werde sie so gut es geht verriegeln und für keinen
Menschen heute Nacht öffnen<<, lächelte er.
>>Entschuldigen Sie die Frage, Sir, aber wann erreichen
wir unsere nächste Haltestelle?<<
Katy hatte sich nach vorn gedrängt und sprach den
Zugführer an.
>>Ich sehe gern‘ auf unserem Plan nach, Madam<<, gab der
Zugführer freundlich zurück.
Die Waffe des Polizisten schnellte nach vorn, der Hahn
spannte sich.
>>Der Schaffner sagte uns, dass es heute keine Pläne gäbe.
Das konnte auch nur jemand nicht wissen, der kein
Mitarbeiter des Zuges ist!<<
Mit einem raschen Satz sprang der Zugführer nach vorn
und wich zur Seite aus.
Der Schuss der Waffe war ohrenbetäubend.
Mit einer schnellen Bewegung hatte der Wahnsinnige ein
Messer in den Hals des Polizisten gerammt.
Röchelnd kippte dieser zur Seite und fasste sich noch an
den Hals. Er verlor im Fall die Waffe, die unter einige Sitze
rutschte.
Katy schrie auf, versuchte von den Geschehnissen
wegzukommen. Eine Hand packte ihren Knöchel.
Der Polizist versuchte sich im Todeskampf festzuhalten.
Die nackte Angst stand in seinen Augen.
>> Ich kriege dich!<<, vernahm Katy hinter sich.
Der Angreifer packte sie an den Haaren, zog sie hart nach
hinten.
Das einst so freundliche Gesicht, hatte sich in eine Maske
des Wahnsinns verwandelt.
Der massige Körper kam auf sie zu, drückte sich an sie und
roch an ihren Haaren.
>>Schöne Haare. . Du riechst gut<<, hauchte er.
Sein Atem roch säuerlich und stinkend.
Katy konnte sich nicht rühren. Der Wahnsinnige zog sie in
die Fahrerkabine, über den toten Polizisten und warf sie
gegen einen Metallspind.
Katy krachte schmerzhaft gegen den Schrank, der sich
öffnete und seinen grausigen Inhalt preisgab.
Die Leiche des echten Zugführers polterte heraus und
schlug hart auf den Boden auf.
>>Jetzt bist du dran!<<, brüllte der Geisteskranke.
Katy schloss die Augen, schloss gleichzeitig mit ihrem
Leben ab.
Der Schnee peitschte an die Scheibe des Zuges, die
Scheinwerfer schnitten durch die Nacht, warfen bizarre
Schatten in das furchtbare Gesicht des Wahnsinnigen.
Mit dem Mut der Verzweiflung zog Katy sich an einer Tür
hinauf, erkannte das Schild Notausgang und drückte sich
dicht dagegen. Mit einem Mal flog die Tür auf, der Wind
peitschte kalten Schnee in ihr Gesicht.
Sie verlor den Halt. Die Füße im Zug und den Körper im
Freien und nur an den kalten Griff der Tür geklammert,
versuchte sie, das Gleichgewicht zu halten.
>>Bleib hier!<<, brüllte der Mörder in den Sturm.
Eine Hand zog sie zurück, warf sie hart auf den Boden der
Kabine. Sie lag zwischen den Beinen des Kranken, der ihr
die Hand an die Kehle hielt.
>>Du bist so schön.. <<
Seine Worte gingen beinahe im Sturm unter.
Die geöffnete Tür brachte Schnee und Eisregen mit sich.
Der Schuss war schmerzhaft laut.
Der darauffolgende Schrei ebenfalls.
Der Schaffner stand in der offenen Tür der Fahrerkabine
mit der rauchenden Waffe des Officers.
Mit dem Ausdruck des Unverständnisses kippte der
massige Leib des Wahnsinnigen nach vorn und
verschwand in der Schwärze der Nacht.
Katy fiel in tiefe Ohnmacht.
>>Wachen Sie auf!<<, dröhnte es in Katys Schädel.
Wo war sie? Noch im Zug?
Mit schwankendem Blick richtete sie sich auf. Sie war noch
im Zug. Jedoch hatte der Schneesturm aufgehört. Der Zug
stand, das merkte sie jetzt.
>>Wo sind wir?<<, fragte sie benommen.
Der Schaffner, der vor ihr stand, lächelte.
>>Endstation<<, sprach er.
Katy stand auf und schaute sich um. Der Zug hatte an
einem Bahnhof gehalten, vereinzelte Schneeflocken
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