Das rote Telefon hing in der Nähe der Tür, spiegelte das
diffuse Licht der Deckenbeleuchtung wieder.
Katy nahm den Hörer ab und hielt ihn sich ans Ohr.
Mit einem Mal erschrak sie, aus dem Hörer drang eine
Stimme.
>>Ich kriege dich!<<
Katys Herz übersprang einen Schlag.
Die tiefe Männerstimme klang boshaft. Sie unterdrückte
einen leisen Aufschrei und starrte auf das Telefon.
>>Wer ist da?<<, flüsterte sie.
Ein Klicken war zu vernehmen und die Leitung war tot.
Langsam schüttelte sie den Kopf.
War sie überhaupt richtig wach? Spielte ihre Müdigkeit
eine Rolle bei der Geschichte? Hatte sie sich die Stimme
vielleicht nur eingebildet?
Langsam schob sie ihren Finger in die Aussparung der
Wählscheibe und drehte sie, nachdem sie die richtigen
Ziffern gefunden hatte.
Ein Freizeichen ertönte.
Komm schon, geh ran , dachte sie.
Endlich ein Geräusch, der Hörer auf der anderen Seite
wurde abgenommen.
>>Hallo?<<, meldete sich die vertraute Stimme ihres
Verlobten.
>>Gottseidank! Ich bin’s, Katy<<, gab sie erleichtert von
sich.
>>Hab‘ meine Station verpasst. Ich sitze noch im Zug, mein
Schatz.<<
Seine angenehm vertraute Stimme schenke ihr die nötige
Ausdauer, die Fahrt zu überstehen.
>>Ich fahre zur nächsten Haltestelle und hol‘ dich ab. .<<,
gab er von sich.
Katy seufzte erleichtert.
>>Das musst du nicht, Darling<<, antwortete sie, obwohl
sie genau wusste, dass ihr Verlobter sich die Mühe machen
würde. Für sie würde er alles tun.
>>Gib mir die Station durch und ich fahre gleich los.<< Sie
vernahm ein Lachen auf der anderen Seite der Leitung.
Nachdem Katy ihm die Station und ihre voraussichtliche
Ankunft genannt hatte, legte sie auf.
Der Schnee peitschte weiterhin an die Zugfenster, hatte die
Sicht nach draußen komplett verhüllt.
Als sie wieder auf ihrem Sitz saß, nahm Katy die alte Frau
hinter ihr wahr.
Sie war wieder auf ihren Platz zurückgekehrt und schien
eingeschlafen zu sein, müde hing der Kopf auf ihrer
Schulter. Ein feiner Speichelfaden war aus ihrem
Mundwinkel gelaufen.
Katy lächelte, es war sehr spät und eine alte Frau war
sicher schneller erschöpft als sie. Dabei bin ich selbst
eingeschlafen, ich dumme Gans. Wäre das nicht passiert,
säße ich nicht immer noch im Zug und versaue meinem
Schatz den Abend.
Sie schüttelte langsam den Kopf, angesichts ihrer eigenen
Dummheit.
Müde rieb sie sich die Schläfen, schaute aus dem Fenster
und bemerkte die kleine Station, die hinter einem Fels in
ihr Sichtfeld trat. Hätte die Station nicht sämtliche Lichter
eingeschaltet, wäre sie im Schneesturm völlig
untergegangen.
Die Tür öffnete sich. Der alte Schaffner betrat das Abteil.
>>Meine Damen und Herren, wir halten an dieser
Wartungsstation unvorhergesehen. Bitte bleiben Sie auf
ihren Sitzen und steigen Sie nicht aus!<<, vernahm Katy die
raue Stimme des Alten.
Sie reckte den Kopf. Der Schaffner ging durch ihr Abteil
und vorbei an der alten Frau. Diese hatte anscheinend
nichts von der Ankündigung des Schaffners bemerkt und
schlief weiterhin seelenruhig.
Der Zug wurde langsamer, die Bremsen setzten ein und das
Gefährt kam quietschend zum Stehen.
Die Station war nun direkt vor Katys Fenster, müde
erkannte sie den Umriss eines, im Schnee stehenden,
Mannes in Uniform. Ein Polizist, dachte sie.
Der Fremde trat an ihr Fenster, wischte mit dem Ärmel
seiner Uniform den Schnee beiseite und schaute sie an.
Buschige Augenbrauen waren zusammengezogen und die
braunen Augen des Mannes musterten sie ausgiebig.
Dann setzte er sich wieder in Bewegung und ging auf die
Wagontür des Zuges zu.
Der Schaffner musste irgendetwas rufen, denn der Fremde
legte den Kopf schief und hörte anscheinend sehr
angestrengt zu. Der Sturm musste laut und stark sein.
Dann verschwand der Mann aus ihrem Sichtfeld.
Katy drehte sich um, behielt die Abteiltür fest im Blick und
konzentrierte sich angestrengt darauf, was nun passierte.
Die Tür öffnete sich quietschend. Sie erkannte den alten
Schaffner. Dieser betrat zuerst das Abteil und gab die Sicht
auf einen hünenhaften Mann frei, der hinter ihm eintrat.
>>Guten Abend, Herrschaften, mein Name ist Officer
Daniels.<< Dabei schaute er Katy an und tippte sich an die
Kappe auf seinem Kopf.
Katy nickte leicht und schaute ihm in die Augen, versuchte
den Grund für sein Erscheinen zu erkennen, sie bemerkte
nichts.
>>Sie fragen sich sicher, wieso ich hier bin, wieso um alles
in der Welt inmitten der Pampa, inmitten des
Schneesturms.<<
Er schaute den Schaffner an, räusperte sich.
Katy schien es, als hätte selbst der Schaffner nicht die
geringste Ahnung, warum der Officer in seinem Zug sei.
>>Ich bin hier wegen eines Mannes. Wir haben die
Informationen, man habe ihn zuletzt gesehen, wie er in
diesen Zug stieg. Ich wurde damit beauftragt, da diese
Gegend in meinen Zuständigkeitsbereich fällt.<<
>>Was für ein Mann?<<, fragte Katy, selbst erschrocken
über ihre Aufmüpfigkeit.
Der Officer schaute sie intensiv an, musterte sie von Kopf
bis Fuß und begann dann erneut zu sprechen.
>>Es handelt sich um einen, aus einer Einrichtung für
geisteskranke Kriminelle, entflohenen Insassen. .<<
Katy schwindelte. Ein Verrückter? In diesem Zug,
womöglich in ihrem Abteil?
Unsinn! In diesem Abteil sind nur ich, der Schaffner, die alte
Frau und der Officer , dachte sie und verfluchte sich und
ihre Panik.
>>Ich bitte Sie, bleiben Sie ruhig, Madam. Aus diesem
Grund bin ich hier, ich werde den Insassen in Gewahrsam
nehmen und Sie sehen mich nie wieder<<, lächelte der
Officer.
Katy unterdrückte ein angsterfülltes Lachen.
Der Schaffner wandte sich zu dem Polizisten und wies ihn
Richtung Abteiltür.
>>Folgen Sie mir Sir, wir gehen nun in das nächste Abteil.
Sofern Sie sich hier genauestens umgesehen haben
natürlich.<<
Der Schaffner drehte sich zu der alten Frau, die noch
immer schlief.
>>Ma‘am, haben Sie mitbekommen, weshalb dieser Mann
hier ist?<<, fragte er sie und stieß sie leicht an der Schulter
an.
Mit einem Mal ruckte der Körper der alten Frau nach vorn,
mit dem Kopf zuerst kippte der gebrechliche Körper vom
Sitz und schlug mit einem dumpfen Knall auf den Gang des
Zuges.
Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang der Schaffner
zurück und stieß mit seiner Schulter gegen den Polizisten.
Dieser beugte sich zu der alten Frau, spreizte zwei Finger
der rechten Hand ab und hielt sie an ihren Hals.
>>Sie ist tot<<, wandte er sich an den Schaffner.
Mit kreidebleichem Gesicht schüttelte der alte Mann den
Kopf.
>>Wie konnte das passieren? Es war doch die ganze Zeit
jemand in diesem Abteil. .<<, stammelte er fassungslos.
Katy rutschte nervös auf ihrem Sitz hin und her, der
Polizist schien es im Blickwinkel bemerkt zu haben.
Er wandte sich zu ihr.
>>Haben Sie etwas bemerkt?<<, fragte er sie und nahm
seine Mütze langsam ab.
Katy schaute ihm tief in die Augen und nickte.
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