Kopf ohne Augen.
>>Siehst du? Was machen wir jetzt mit dir?<<, fragt der
Fremde.
Zachary schluckt, weiß, dass seine Tarnung aufgeflogen ist.
Schutzlos ausgeliefert, steht er auf einem alten
Schrottplatz, wo niemand einen Schuss hören, jemals seine
Leiche finden würde.
>>Wie wär es, wenn ein jeder von uns seines Weges gehen
würde, ich habe dich nie gesehen und du mich nicht?<<,
schlägt Zachary vor. Der Fremde scheint darüber
nachzudenken, kippt den Kopf leicht zur Seite.
>>Nee. Sorry, Kumpel! Ich denke, ich werd‘ dich hier und
jetzt kaltmachen!<<, lacht der Fremde.
>>Bin übrigens Harry.<<
Wieso verrät der Scheißkerl mir seinen Namen?
Weil er nichts zu verlieren hat, der Idiot, er wird dich
kaltmachen. Und außerdem ist er geisteskrank.
>>Wie ist dein Name?<<, fragt Harry.
>>Leck mich.<<
Der Schlag mit der Waffe kam schnell und
unvorhergesehen. Hart trifft der Griff der Pistole Zachary
auf der Nase.
>>Blöder Name. Also noch mal…Wie heißt du?<<, fordert
Harry.
>>Fuck! Ich bin Zachary. .<<, gibt dieser gequält von sich.
>>Geht doch, Zach. Und nun lass uns in Ruhe eine andere
Lösung finden. Ich mag dich nämlich, ehrlich. Man trifft
nicht oft einen Gleichgesinnten in dieser Welt. .<<, lächelt
Harry Zachary an.
>>Was willst du, Arschloch?<<
>>Erst mal...dass du deine Waffe wegwirfst!<<, lacht Harry.
Zachary überlegt, wägt seine Chancen ab. Dann wirft er die
Waffe in hohem Bogen außer Sichtweite. Mit einem nassen
Geräusch landet die Waffe in einer Pfütze. Seine letzte
Hoffnung aus dieser Situation lebend zu entkommen, ist
nun bei Null.
>>Find gut, was du mit der Kleinen gemacht hast. .<<
Zachary überlegt. Welche Kleine? Dann fällt ihm die tote
Frau in der Schrottpresse ein.
>>Hast du Spaß mit ihr gehabt?<<, grinst Harry ihn an.
>>Hab meine seit fünf Wochen, langsam fängt sie an zu
stinken. .Kühltruhe kaputt<<, lacht Harry, die weißen
Zähne strahlen im Mondlicht. Er hat zu viel Zahnfleisch,
sein Grinsen wirkt falsch und unnatürlich.
>>Man kann nicht alles gebrauchen, die ungenießbaren
Teile werf‘ ich meistens weg!<<
Zachary ekelt der Fremde an. Er würde Frauen niemals
essen. Foltern, vergewaltigen und ermorden war ok, aber
essen? Niemals.
>>Warum erzählst du mir das alles?<<, fordert er Harry
auf.
>>Weil ich mit niemandem sonst darüber reden kann. Sag
an, wie viele hast du umgebracht?<<
Zachary lacht nun auch.
>>Scheiße, wieso soll ich dir das erzählen?<<, fragt er.
>>Weil die Chance groß ist, dass du heute Nacht noch
deinem Schöpfer gegenübertrittst. Sieh es als eine Art
Beichte an, ich erteile dir dann die Absolution<<, grinst
Harry.
>>Hab aufgehört zu zählen<<, lügt Zachary.
>>Blödsinn! Damit hört man nie auf, es sei denn, man ist
schlecht in Mathe. Bist du schlecht in Mathe, Zach?<<
>>Neunzehn.<<
>>Wie?<<
>>Es waren neunzehn. Die hier ist die Neunzehnte.<<
In Zacharys Kopf dreht es sich. Was macht er hier? Wieso
erzählt er einem Wildfremden seine Lebensgeschichte,
offenbart ihm seine Morde. Weil er ihn auf eine kranke Art
irgendwie sympathisch findet.
>>Geht doch! Find ich gut, Ehrlich währt am längsten. Die
Kleine hier im Sack war meine dreißigste!<< Er grinste
wieder.
Sichtlich stolz über sein Werk, prahlte er, wie er sie
gefunden hatte.
>>Ich geh‘ immer in diese Kneipen. Striplokale, wenn du
sie so nennen willst. Ich lern‘ die Arbeitsschichten der
Schlampen auswendig, fahr‘ ihnen hinterher und hol‘ sie
mir, vereinfacht gesagt. Da gehört natürlich noch eine
ganze Menge mehr dazu. Aber im Grunde ist es recht
simpel, Frauen zu entführen die kein Schwein vermisst. Ist
wie etwas klauen, das keiner haben will.<<
Der knochige Leib Harrys zuckt. Er scheint es zu genießen,
mit Zachary reden zu können.
>>Wie machst du es? Wie erlöst du deine Beute?<<
Zachary lächelt ihn an.
>>Schneid‘ ihnen die Kehlen durch. Oder erdrossle sie.
Schon mal einen Kabelbinder benutzt?<<, fragt er Harry.
Was war los mit ihm? Wieso spricht er über seine
intimsten Geheimnisse mit diesem Soziopaten, wie andere
Männer über die Ergebnisse des letzten Fußballspiels?
Harry grinst breit.
>>Ist die beste Art<<, beginnt er begeistert. Find ich
angenehmer, als sie nur zu erschießen. Immerhin
bekommt man dann noch ’ne ordentliche Show zu sehen.
Dauert teilweise vier Minuten, bis die Schlampen ihren
Atem ausgehaucht haben. Aber Kabelbinder? Nö, ist mir zu
langweilig, will selbst entscheiden, wann’s vorbei sein soll.
Das mach ich lieber mit meinen eigenen Händen.<<
Zachary wartet ab, lässt eine kurze Pause entstehen.
>>Also, willst du mich immer noch umbringen?<<
Harry grinst.
>>Ich denke, da fällt mir was Interessanteres ein. .<<
Sie schließen den Deckel der Presse und betätigen den
Schalter der Maschine. Brummend beginnt der Koloss
seinen Inhalt zu zermahlen.
Die breiigen Überreste vergraben sie, waschen das Gerät
mit einem Wasserschlauch aus, streuen Kalk darüber und
schließen den Deckel.
>>Also dann.. <<, beginnt Zachary und streckt Harry die
Hand entgegen.
>>War interessant dich kennen zu lernen.<<
>>Ganz deiner Meinung, Kumpel<<, sagt Harry und
erwidert den Handschlag.
>>Ich melde mich in zwei Tagen bei dir. Bis dahin, viel
Erfolg.<<
>>Dir auch, Harry. .<<
Wieder im Wagen angekommen, lässt Zachary die letzten
Minuten Revue passieren.
Sie hatten über ihre Opfer gesprochen, über die
vergangenen und über die kommenden.
Sie haben übertrieben, geprahlt und gelogen, was ihre
Techniken, ihre Tricks und ihre Methoden angeht.
Jeder wollte den anderen übertrumpfen.
Dann hatte Harry etwas vorgeschlagen, was Zachary nicht
für möglich gehalten hatte, ja nicht einmal daran gedacht
hatte.
Sie hatten sich von ihren potentiellen neuen Opfern
erzählt.
>>Lass uns doch tauschen<<, hatte Harry gesagt.
Was hatte Zachary getan? Er hatte zugestimmt. In der
seltsamen Situation hatte er zugestimmt, hatte keine
Schwäche zeigen wollen, hatte ihm wirklich zugestimmt.
Sein Herz klopft ihm bis zum Hals.
Morgen Nacht sollte er es tun, Harrys Idee in die Tat
umsetzen.
Es war Wahnsinn, bisher hatte er noch immer selbst
entschieden, wen er töten wollte.
Jetzt aber hatte er den Namen der Familie.
Die Portsmiths. Jack, Elise und deren Tochter Becky.
Bisher hatte er nur junge Frauen ausgewählt,
Studentinnen. Höchstens eine Nutte.
Nun aber eine ganze Familie. War es der Ehrgeiz? Wem
wollte er etwas beweisen?
Noch völlig im Rausch der Eindrücke erreicht er seine
Einfahrt. Er drückt auf den Knopf für das elektrische
Garagentor und fährt in die Garage.
Diese Nacht wird er kein Auge zubekommen.
Als der nächste Morgen anbricht, hat Zachary gerade eine
Stunde geschlafen. Er hat geträumt: Von Harry, von den
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