den Höhlen. Etwas in seinem Blick verunsicherte Cass.
Dann sah sie die Heckenschere in seiner Hand, die Sonne
spiegelte sich auf der grünlich schimmernden Schneide.
Der Gärtner sprang nach vorn, hob die Schere um sie Cass
in den Hals zu rammen.
Sie schrie, fiel zurück und stolperte über ihre eigenen
Füße. Der knochige Gärtner setzte nach, versuchte Cass zu
erreichen und wurde zurückgerissen. Die Kette um seinen
Fuß hatte ihn zu Fall gebracht.
Schnell rannte Cass die Stufen hinauf, hinein in die stickige
Luft der Schule.
Geschichte, ich Lieblingsfach. Cass öffnete das schwere
Buch und suchte Seite Dreihundertfünf.
Mrs. Carpenter, eine dickliche Frau mit toupierten
schwarzen Haaren, räusperte sich und wandte sich an die
Klasse.
>>Heute nehmen wir das Thema Sklaverei in den
Vereinigten Staaten dran<<, raunzte sie mit ihrer kratzigen
Stimme.
Cass lächelte. Ihr Lieblingsthema. Die Stunden würden
verfliegen. Sie schaute in ihr Geschichtsbuch.
Lincoln, der Unabhängigkeitskrieg, das Ende der Sklaverei.
Sie schmunzelte.
Obama, der erste schwarze Präsident.
Alle im Klassenzimmer teilten ihre Begeisterung.
Die vielen lächelnden schwarzen Gesichter verrieten, dass
Mrs. Carpenter das Thema richtig gewählt hatte.
>>Und nun kommen wir zu dem Teil der Geschichte an
dem wir mit den Weißen die Rolle getauscht haben.. <<
Das schwere Eisentor quietscht im Wind.
Langsam schält sich ein Schatten durch die Schwärze der
Nacht. Eine Gestalt erscheint auf dem Schrottplatz,
Konturen werden sichtbar, dann ein Mann.
Auf seinem Rücken zeichnet sich undeutlich etwas ab, der
Mond lässt es langsam sichtbar werden.
Der Mann atmet schnell, die Last auf seinem Rücken ist
schwer. Er weiß, wohin er will.
Die Schrottpresse.
Der schlammige Boden schluckt seine Schritte, wie ein
Geist schleicht er durch die Nacht.
Es ist Totenstill, abgesehen vom Quietschen des Tores.
Der Mann schaut sich um, er braucht hier niemanden zu
fürchten, der Schrottplatz steht seit Jahren leer.
Die schweren Maschinen und Abfälle sind Wind und
Wetter ausgesetzt, der Zahn der Zeit hat sie rosten lassen.
Wie Mahnmale ragen die alten Geräte in die Nacht, werfen
gespenstische Schatten auf den Hof.
Jedem wäre es in dieser Situation unbehaglich gewesen,
doch nicht Zachary.
Er liebt diesen Ort, hat ihn für sich beansprucht, kennt hier
jeden Winkel und schätzt die Ruhe ungemein.
Ein letzter schwerer Schritt an eine riesige Maschine, dann
hat er die Schrottpresse erreicht.
Mit einem Ruck wirft er die Last von seinem Rücken.
Ein Griff in die Jacke fördert ein Taschentuch zutage.
Er tupft seine schweißnasse Stirn ab und hält inne.
War da etwas? Er schaut sich um.
Nichts.
Mit vielfach geübten Handgriffen öffnet er den Sack zu
seinen Füßen, löst die kompliziert anmutenden Knoten des
dicken Hanfseils. Der Stoff teilt sich, gibt seinen Inhalt
preis.
Eine Frau, sehr jung und höchstens zwanzig Jahre alt.
Zachary schaut auf den toten Körper. Das rosige Fleisch
glänzt im Mondschein. Der Geruch ist intensiv, stört ihn
jedoch nicht im Geringsten.
Er ist für Zachary eine Art Vertrauter geworden, begleitet
ihn seit Jahren.
Mit spielerischer Leichtigkeit öffnet er die Verschlüsse der
Schrottpresse, der Deckel klappt auf. Vor ihm liegt der
Stahlkoloss wie das Maul einer Bestie.
Schwarz klafft die Öffnung der Presse auf und giert nach
Inhalt.
Der Griff um die Frauenleiche ist für Zachary wie eine
Abschiedszeremonie. Nun muss er sie gehen lassen, nun ist
sie nicht länger sein Eigentum.
Mit einer Welle der Enttäuschung hebt er sie über den
Rand der Maschine.
Mit einem widerhallenden Geräusch verschwindet der
Körper in der dunklen Öffnung.
Zachary zuckt zusammen, er hatte nun eindeutig etwas
gehört. War es am Tor?
Er lauschte in die Nacht, versuchte Geräusche zu filtern, zu
katalogisieren.
Er hatte sich nicht getäuscht, da war jemand. Leise und so
behutsam wie möglich schließt er den Deckel der
Schrottpresse, duckt sich und verschmilzt mit dem
Schatten eines alten Geländewagens in der Ecke.
Nun heißt es warten. Die Sekunden des Lauschens
scheinen endlos, wollen nicht vorübergehen.
Dann jedoch sieht er etwas, der Mond wirft den Schatten
einer weiteren Person über den Platz. Er hört gedämpfte,
matschige Schritte, vernimmt hektisches Atmen in der
Stille der Nacht.
Dann tritt der Mann in sein Sichtfeld.
Er ist hager, beinahe dürr. Die schwarzen langen Haare
umspielen ein knochiges Gesicht. Die tief in den Höhlen
liegenden Augen, suchen forschend den Platz ab.
Er sucht etwas, Zachary ist sich sicher.
Er zieht sich tiefer in den Schatten des Wagens zurück und
wartet.
Der Fremde trägt ebenfalls etwas auf dem Rücken, einen
Sack. Jedoch ist er kleiner und scheint leichter zu sein.
Was zur Hölle macht der Kerl hier draußen um diese Zeit?
Der Fremde scheint gefunden haben, was er zu suchen
schien.
Mit zielsicheren Schritten kommt er auf Zachary zu.
Nein, nicht auf ihn. Auf die Schrottpresse.
Zacharys Muskeln spannen sich. Mit einem schnellen Griff
in die Jackentasche, fördert er eine kleine, silbrig glänzende
Pistole zu Tage, spannt den Hahn und zielt auf den
Fremden.
Dieser bleibt vor der Presse stehen, schaut sich um und
wirft seine Last von der Schulter.
Mit einem dumpfen Geräusch schlägt der Sack auf.
Will der Kerl Abfall entsorgen?
Zachary starrt zu dem Fremden, seine Züge verhärten sich.
Mit unglaublicher Anspannung beobachtet er, wie der
Fremden die Verschlüsse der Schrottpresse öffnet, den
Deckel aufklappt und hineinschaut.
Nun muss er handeln, muss den Fremden erschießen.
Mit einem Sprung aus dem Schatten des Wagens, landet
Zachary auf dem Hof, die Waffe vor sich ausgestreckt und
schussbereit.
Doch der Fremde ist fort.
Wo ist er? Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.
>>Keine Bewegung, Arschloch!<<, nimmt Zachary hinter
sich wahr, spürt den kalten Lauf einer Waffe an seinem
Hinterkopf.
>>Ganz langsam umdrehen.. <<, herrscht die Stimme ihn
an. Er gehorcht, dreht langsam den Kopf und dann den
Körper.
Das Gesicht des Fremden ist eine Maske der
Entschlossenheit. Das knochige Antlitz lächelt.
>>Sieh mal einer an, wenn das kein Zufall ist<<, lächelt der
Fremde ihn boshaft an.
>>Wolltest wohl auch was loswerden, wie?<<
Zachary überlegt, ob er seine eigene Waffe hochreißen und
den Kerl erschießen soll, entscheidet sich aber schließlich
dagegen.
>>Was willst du?<<, fragt er ernsthaft überrascht.
Der Fremde verliert das Lächeln.
>>Was fragst du so dumm? Du bist anscheinend nicht der
Einzige hier, der etwas entsorgen will. Pech für dich, dass
ich diesen Platz für mich beansprucht habe!<<
Zachary starrt auf den Sack neben dem Fremden.
>>Was ist da drin?<<, fragt er.
Mit einem Fußtritt gegen den Sack öffnet sich dieser.
Im diffusen Licht erkennt Zachary, dass es sich bei dem
Inhalt um menschliche Körperteile handelt.
Rosig glänzende, am Schulterblatt abgeschnittene Arme,
ein am Kniegelenk durchtrenntes Bein und ein weiblicher
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