„Es wäre nicht schön, wenn unser jüngster Offizier etwas gegen mich hätte. Auch so kommt mir, um ehrlich zu sein, an Euch nicht alles geheuer vor.“
„Wollt Ihr nicht deutlicher werden?“
„Mich verwundert, wie rasch Ihr vom einfachen Soldaten zum Hauptmann aufgestiegen seid.“
„Glaubt Ihr, es ist nicht gerechtfertigt?“
„Keineswegs. Ich frage mich nur, wie Euch zumute sein mag, wenn Ihr an die Zukunft denkt. Den Sprung in den Sattel zu schaffen, ist nämlich das Leichtere. Die Erwartungen zu erfüllen, die der Generalkapitän in Euch setzt, dürfte weit schwieriger werden.“
Obwohl mir noch immer unklar blieb, was er beabsichtigte, spürte ich eine wachsende Abneigung.
„Lasst das getrost meine Sorge sein“, entgegnete ich.
„Ich möchte sie Euch nicht abnehmen, und es liegt mir auch fern, Euch zu bedrängen. Erlaubt Ihr mir trotzdem noch eine Frage?“
„Stellt sie!“
„Wie kommt Ihr eigentlich mit dem Rappen zurecht?“
„Vortrefflich.“
„Für den Beobachter wirkt es nicht so“, meinte er lächelnd. „Ich vermisse die Eleganz des Hidalgos. Aber Ihr seid ja wohl auch keiner. Oder irre ich mich?“
Darauf also wollte er hinaus! Ihn störte nicht bloß mein Aufstieg, mehr missfiel ihm anscheinend, dass ich keine adligen Vorfahren besaß. Mein Zorn, der in mir aufstieg, wurde so heftig, dass ich ihn kaum bezähmen konnte.
„Ihr irrt Euch nicht“, erwiderte ich. „Trotzdem bin ich stolz auf meine Herkunft, und ich fühle mich Euch durchaus ebenbürtig.“
„In jeder Beziehung?“
„Jeder!“
Ich sah, dass seine Hand wie spielerisch zum Degengriff glitt. Die Ruhe, die ringsum eintrat, bewies mir, dass wir beobachtet wurden.
„Soll das eine Beleidigung sein?“, fragte er mit immer noch heiterem Gesicht.
„Betrachtet es, wie’s Euch beliebt!“
Ich sprang erst auf, als er schon stand und seinen Degen zog. Doch wir kamen nicht dazu, unsre Klingen zu kreuzen.
„Haltet ein!“, rief Cortés, der unsre Auseinandersetzung vom Nebentisch verfolgt haben musste. „Ich will keine Händel unter meinen Leuten. Und ich dulde nicht, dass angefochten wird, was ich entschieden habe!“
„Es war doch nur ein Scherz“, versuchte sich Alvarado herauszureden, „um zu prüfen, wie gut unser junger Freund gewappnet ist.“
„Solche Späße gefallen mir nicht!“, herrschte ihn Cortés an. „Wartet, bis Ihr Euer Mütchen nutzbringender kühlen könnt. Vielleicht ergibt sich die nächste Gelegenheit schneller, als uns recht ist.“
Es dauerte lange, bis ich auf meinem Lager, wohin ich mich alsbald zurückzog, Ruhe fand. Aufgewühlt von dem Erlebten, blieben meine Empfindungen zwiespältig. Einerseits freute es mich, von Cortés verteidigt worden zu sein. Andrerseits ahnte ich, dass die Gefahr nicht endgültig gebannt war.
Am Morgen gerieten wir in einen Schneesturm, der mir Sicht und Atem nahm. Die dicken Flocken wirbelten über Menschen und Tiere, bedeckten Helme, Schultern und Arme, hefteten sich an Nase, Lippen und Kinn, verkleisterten die Augen. Der Frost, der mich noch grimmiger dünkte als am Vortag, vereiste die ungeschützten Gesichter, ließ sämtliche Glieder erstarren und versteifte unsre Finger an den bloßen Händen, so dass ich kaum noch die Zügel halten konnte.
Doch auch jetzt dachte Cortés nicht daran, wieder umzukehren. Woher wusste er, wie viel wir aushalten konnten? Oder überschaute er, dass wir das Schlimmste bereits hinter uns hatten?
Tatsächlich ließ das Unwetter so plötzlich nach, wie es begonnen hatte, und wir kamen trotz der halsbrecherischen Strecke recht gut voran. Gegen Mittag erreichten wir den Kamm der Sierra von Ahualco. Danach ging es abwärts, und die Luft erwärmte sich. Vereinzelt wuchsen schon Eichen, Zedern und Akazien, die sich später zu kleinen Wäldern gruppierten.
Als der Pfad nach links führte, erblickte ich das Hochtal von Anáhuac. In der dünnen Höhenluft, wo man entfernte Gegenstände erstaunlich farbig und scharf umrissen wahrnimmt, konnte ich alles deutlich erkennen. Umgeben von Wasser, an das Felder und Dörfer, kleinere und größere Städte grenzten, lag Tenochtitlán. Um bis hierher zu gelangen, hatten wir uns in zahllosen Schlachten und Scharmützeln geschlagen, hatten die Mayas an der Küste bezwungen, die Totonaken in Cempoala unterworfen, die tapferen Tlaxcalteken besiegt und zu Verbündeten gewonnen. War nicht selbst das Blutbad in Cholula bloß angerichtet worden, um unser Ziel zu erreichen?
Nun schien es zum Greifen nah.
Wir sahen die gewaltige, sonnenüberflutete Fläche der Bauten, das dunkle Grün der Parks und Wälder, den türkisschimmernden Seenspiegel, die schnurgeraden Dammstraßen, das Geflecht aus Kanälen. Ich hatte erwartet, eine große Stadt vorzufinden, aber nicht damit gerechnet, dass sie Sevilla in der Ausdehnung und – wie sich bald herausstellen sollte – selbst an Schönheit übertreffen könnte. Überwältigt von dem unverhofften, fast märchenhaften Anblick, mussten viele Kameraden, die ich als gefühlsarme Draufgänger kannte, mit Gewalt die Tränen zurückhalten.
Was sich unsren Augen darbot, weckte frische Kräfte und neue Hoffnungen. Zügig setzten wir den Abstieg fort und erreichten gegen Abend Ayotzinco, eine Ortschaft, die halb im Wasser, halb auf dem Land lag, das nach einigen hundert Metern in sanfte Anhöhen überging. Wir wurden reichlich bewirtet und durften vorsorglich hergerichtete Schlafräume beziehen.
Cortés ließ sich durch den freundlichen Empfang nicht in Sicherheit wiegen. Wie gewohnt, wurden Nachtwachen eingeteilt, ehe wir uns mit griffbereiten Waffen niederlegten.
Etwa um diese Zeit trafen wahrscheinlich Montezumas Gesandte im Palast ein und übermittelten die Nachricht des Generalkapitäns. Der Herrscher nahm sie angeblich gelassen auf. Doch als er seine Ratgeber um sich versammelte und sie nach ihrer Meinung befragte, wirkte er wiederum unschlüssig.
Am nächsten Morgen beobachtete unser Vorposten, wie sich waffenlose Azteken näherten. Zuerst erschienen vier hohe Beamte und meldeten, dass Cacama, der Fürst von Texcoco, ein Neffe Montezumas, uns begrüßen wolle.
Der Angekündigte saß in einer mit Quetzalfedern und goldenem Laubwerk geschmückten Sänfte, die von acht Häuptlingen getragen wurde. Nur noch ein Stück von uns entfernt, stieg er aus und bewältigte den Rest zu Fuß. Er begrüßte Cortés, indem er mit der rechten Hand den Boden berührte und sie dann zum Kopf hob.
„Wir sind gekommen, um euch zu empfangen“, sagte er. „Unsre Aufgabe ist es, für alles zu sorgen, was ihr benötigt. Sobald ihr wollt, werden wir euch in unsre Stadt und die für euch hergerichteten Quartiere führen. Wir handeln auf Befehl unsres Gebieters, des großen Montezuma.“
Ich sah, wie der junge Fürst dem Generalkapitän drei funkelnde Perlen überreichte. Betört vom Glanz, den die Abordnung verbreitete, vermutete ich in der Stadt noch viel größere Kostbarkeiten, und ich malte mir aus, wie ich Isabel mit meinem Beuteanteil, den ich schon zu besitzen glaubte, eines Tages in Erstaunen versetzen würde.
Als wir weiterzogen, wurde ich noch in meiner Annahme bestärkt, da alles, was ich staunend wahrnahm, auf unermesslichen Reichtum hinwies. Mitten im See standen Städte und Dörfer, aus dem glitzernden Wasser ragten helle, fest gemauerte Häuser, Türme und Tempel. Ihr Anblick ließ mich die bewältigten Anstrengungen, überstandenen Gefahren und empfundenen Ängste fast vergessen. Selbst die eisigen Stürme, die uns auf den rauen Höhen so übel mitgespielt hatten, begannen in der wohligen Wärme, die uns am Tag umgab, mehr und mehr zu verblassen.
In Iztapalapan bezogen wir zwei Paläste. Die geräumigen Gemächer hatten Decken aus wohlriechendem Zedernholz, und die Wände zierten Baumwolltapeten. Hinter den aus behauenen Quadersteinen errichteten Gebäuden dehnten sich Gärten mit vielerlei blühenden Bäumen, Rosenhecken und Blumenbeeten.
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