Die Sonne geht auf, was mich ein „Verdammt“ ausstoßen lässt.
„Was hast du?“, will Neraim wissen.
„Er wird wissen, dass ich weg bin.“
„Wie kommst du zu dem Schluss?“
„Ich weiß es einfach. Wahrscheinlich sind sie schon unterwegs. Komm. Schnell. Wir haben keine Zeit mehr.“
Von einem unbeaufsichtigten Marktstand ziehe ich einen schwarzen Umhang, den ich mir sogleich um die Schultern schlage. Mein Gesicht versuche ich, so gut es geht mit der Kapuze zu verbergen.
Am Hafen angekommen, reihen wir uns in die Schlange der Wartenden ein.
Hinter uns lässt sich hektisches Treiben ausmachen. Ich erkenne den Hauptmann, der von seinem Ross steigt und seinen Blick über die Menge schweifen lässt.
„Verdammt. Sieh nicht hin, aber er ist hier und sucht uns“, warne ich meinen Begleiter.
„Sollen wir eine spätere Fähre nehmen?“, will er wissen.
„Nein. Sie werden den Hafen abschotten.“ In der Schlange hinter uns ertönt lautes Stöhnen von Frauen. Ich riskiere einen Blick. Fehler. Der Hauptmann zieht ihnen reihenweise die Kapuzen vom Kopf. Verdammt. Ich brauch einen Plan.
Neraim spannt seinen Körper an. Ich nehme seine Hand in meine und schmiege mich an ihn. Die erzürnten Laute der Männer, gepaart mit den Klagelauten der Frauen kommen immer näher und bald hat er uns erreicht.
„Lilu. Wir müssen verschwinden“, haucht Neraim. Das wär ja überhaupt nicht auffällig, wenn wir jetzt abhauen. Wir hätten keine Chance.
Er hat uns fast erreicht. Ich kneife die Augen zusammen und stoße ein „Verzeih mir“ aus. Im nächsten Augenblick ziehe ich ihn am Nacken zu mir runter, stelle mich auf die Zehenspitzen und küsse ihn inbrünstig.
Damit hatte er wohl nicht gerechnet, denn erst nach ein paar Sekunden umschlingt er mich mit seinen Armen, greift nach meinem Nacken und erwidert den Kuss. Seine Zunge stößt in meinen Mund, was mich überrascht aufkeuchen lässt. Sein Kuss ist zärtlich und forsch zugleich. In meinem ganzen Körper breitet sich ein Kribbeln aus.
Ich versuche gerade den Gedanken zu verdrängen, dass er unter seinem Umhang nackt ist, was mir nur schwer gelingt, als sich etwas Hartes an meinen Bauch drückt.
Immer wieder saugt er an meinen Lippen. Nach einer gefühlten Ewigkeit fährt er mit dem Mund meinen Nacken entlang und platziert sanfte Küsse an dieser empfindlichen Stelle.
Wie ich, hat er diese Liebkosung dafür genutzt, um zu sehen, ob die Luft rein ist, was der Fall ist.
Der Hauptmann hat seine Suche in einer anderen Richtung fortgesetzt, daher lösen wir uns voneinander.
Die Situation ist etwas beklemmend und wir blicken beide scheu zur Seite. So viel dazu. Aber es hat funktioniert.
Wir sind schon fast bei der Kontrolle angelangt. „Überlass das Reden mir“, fordere ich von meinem Begleiter, bevor ich mir seinen Arm um meine Schulter schlage. Er versteht sofort und zieht mich näher an sich.
„Ave“, grüße ich den Kontrolleur, der mich mit zusammengekniffenen Augen mustert. Hier weiß niemand, wer ich wirklich bin – zum Glück. Es dient zu meinem Schutz, sagt zumindest mein Onkel. Naja, immerhin hilft es uns jetzt. Ich setze mein breitestes Lächeln auf. Er räuspert sich unbeholfen.
„Grund der Reise“, fordert er monoton.
„Wir sind frisch verheiratet und wollen in die Flitterwochen nach Lysien. Dort gibt es wunderbar weichen Sandstrand und das Meer soll atemberaubend sein um diese Jahreszeit. Wart Ihr schon einmal dort? Ich habe gehört …“ Er winkt uns genervt durch und ich lächle wieder breit. Das funktioniert doch jedes Mal. Ich sehe einfach so unschuldig aus, wenn ich wirres Zeug plappere. Wenn er wüsste …
Wir gehen in den hinteren Bereich des Schiffes und ich lasse mich erschöpft auf eine Treppe fallen.
Der Asgard nimmt neben mir Platz.
„Was hast du jetzt vor?“, will er wissen.
„Frei sein.“ Im selben Moment bereue ich meine Antwort bereits. Sie mag in seinen Ohren als purer Hohn klingen. Ich blicke ihm in die Augen, aber zu meiner Verblüffung sieht er nicht verärgert aus – eher interessiert.
Sein Daumen fährt über mein Handgelenk, das ich blitzschnell wegziehe.
„Und du?“, will ich wissen.
„Nach Hause gehen.“ Ich nicke.
„Darf ich dich etwas fragen?“, will ich wissen.
„Nur zu.“
Ich zögere.
„Lilu?“
„Ich … ach vergiss es einfach. War nicht wichtig.“ Ich winke ab.
Der Schlafentzug fordert bald seinen Tribut und mir fallen die Augen zu. Immer wieder schüttle ich den Kopf, um wach zu bleiben.
„Lilu?“
„Hm.“
„Es ist Zeit.“ Panisch reiße ich die Augen auf. Ich kauere in den Armen des Asgard und reibe mir die Augen.
„Verzeih, ich … muss wohl eingeschlafen sein.“
„Ich steige hier aus“, informiert er mich. Ich nicke. „Wo willst du hin, Lilu?“
„Weiß noch nicht. Ich glaube, ich lasse mich einfach treiben.“ Er lächelt und erhebt sich, als das Schiff angedockt wird.
„Warte. Hier“, halte ich ihn zurück und stehe ebenfalls auf. „Das kannst du tauschen, um schneller nach Hause zu kommen.“ Ich löse eine meiner Ketten von meinem Hals und lege sie in seine Hand. Er blickt ungläubig auf das Metall.
„Nein. Das kann ich nicht annehmen.“ Ich ignoriere ihn.
„Ave, Neraim.“ Ich lege beide Hände zuerst an mein Herz, dann an meine Stirn und breite sie schließlich vor ihm aus.
„Ave, Lilu.“ Er berührt mit der Faust sein Herz und hebt sie dann zum Gruß.
Ich stehe auf, drehe mich um und entferne mich schnell. Dabei laufen mir unentwegt Tränen über die Wangen. Sieht so aus, als wäre ich jetzt auf mich allein gestellt.
Ich kauere mich in eine Ecke des Schiffes und versuche, nicht aufzufallen. Ich weiß, dass sie mich suchen werden und deshalb gehe ich an den Ort, an dem sie mich niemals vermuten würden.
Man sagt, Menotaura sei die Hölle im Paradies. Der Planet ist von solch wilder Schönheit, dass mir der Atem stockt. Ich habe von der Pracht des Menotaurischen Utopia gehört, aber die Gerüchte werden ihm nicht gerecht.
Hierher gehen nur die Ausgestoßenen und die, die eine Haftstrafe verbüßen. Sie arbeiten im Steinfluss und ziehen Gesteine per Hand aus den Fluten, die dann von mächtigen Maschinen zermalmt werden. Aus ihnen wird ein seltenes Metall – das „Zylnathat“ – gewonnen. Die Marktpreise für ein Gramm sind gigantisch hoch.
Ich will mir hier Arbeit suchen und ein neues Leben anfangen. Mein Onkel wird mich hier nicht finden. Man muss verrückt sein, um hierher zu gehen – sagen zumindest die Leute in der Stadt. Ich muss wohl verrückt sein.
Zwei Monate später
„Lilu, du warten auf Porgi.“ Porgi ist ein Thasianer. Das sind lange, schlaksige Kreaturen, die ziemlich ungeschickt sind. Am Anfang habe ich nichts verstanden, was er gesagt hat, denn er spricht meine Sprache nicht sehr gut, aber mit der Zeit habe ich gelernt, es zu verstehen.
„Begleitest du mich heim?“, will ich von ihm wissen.
„Ich machen glatt.“
„Also gut.“
Nachdem er mir am ersten Tag schon vor die Füße gefallen ist – man muss wissen, Thasianer sind ziemlich ungeschickt – konnte ich gar nicht anders, als ihn ins Herz zu schließen.
Er war so überrascht, dass ich ihm auf die Beine geholfen habe, dass er mir gleich alles gezeigt hat. Ich hatte Glück, denn er hat mir Arbeit im Steinfluss besorgt und für mich gebürgt. Ohne einen Bürgen bekommt man hier gar nichts – naja, außer Ärger.
Mein Quartier ist eine winzige Hütte, etwa eine Stunde vom Fluss entfernt.
Porgi bewohnt die Hütte neben mir, worüber ich ziemlich froh bin, denn so weit draußen wohnt kaum jemand und es kann ganz schön gruslig sein – besonders nachts, wenn die Tiere aus dem angrenzenden Wald Geräusche machen.
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