„Du hast mich warten lassen“, tadelt mich mein Onkel. Ich ignoriere ihn, während mir mein Sklave Wein eingießt. Ich kann ihn nicht ansehen – ich schäme mich so.
„Wie gefällt dir dein neuer Sklave?“, will mein Onkel wissen. Ja. Prima. Spotte nur über mich.
„Wieso tust du das, Onkel? Macht es dir eigentlich Spaß, mich zu quälen?“
„Ja.“ Ich presse hörbar die Luft aus meiner Lunge.
„Morgen ist das Lichterfest“, fährt er fort. „Hast du einen speziellen Wunsch?“
„Du weißt, dass es nur eins gibt, wonach mein Herz sich sehnt. Und es wird dich wütend machen.“
Er knallt seine Faust auf den Tisch.
„Fang jetzt nicht wieder damit an“, stößt er zwischen zusammengebissenen Zähnen aus.
„Sag ich doch, es wird dich wütend machen. Und ich habe es noch nicht einmal ausgesprochen.“
„Die Antwort lautet nein“, knallt er mir hin.
„Nein“, wiederhole ich monoton.
„Nein“, bestärkt er forsch. Also gut, Strategieänderung.
„Bitte Onkel. Ich appelliere an deine“, nonexistente, „Barmherzigkeit.“ Er lacht laut auf.
„Das war ja jämmerlich, du stures Weib.“ Jetzt kommt er bestimmt wieder mit der alten Leier. „Und so dankst du es mir, dass ich dich wie mein eigen Fleisch und Blut aufgenommen habe.“ Sag ich doch. „Du rebellierst und verhöhnst mich vor meinen Männern.“
„Du verhöhnst dich selbst. Lichterfest, dass ich nicht lache. Die Dunkelheit herrscht über dieses Land. Wie kannst du das nur tun? Wie kannst du nur die Sonne beherrschen? Hör auf damit Onkel, ich bitte dich“, beschwöre ich ihn.
„In mir erhärtet sich langsam der Verdacht, dass du schwer von Begriff bist, Nichte. Hast du durch den Schlag von vorhin nichts gelernt?“
„Von dir kann ich nichts lernen, Onkel. Außer die Grausamkeit.“ Er lacht laut auf.
„Es ist die Pflicht eines Herrschers, grausam zu sein. Die Dunkelheit lehrt dem Volk Gehorsam, jeden Tag aufs Neue.“
„Wieso tust du das?“, fordere ich ihn heraus.
„Ich tue es, weil ich es kann“, stellt er überheblich fest.
„ES IST MIR EGAL, OB DU ES KANNST. ES IST FALSCH!“, brülle ich wie von Sinnen und erhebe mich. Wein läuft in Sturzbächen über den Tisch. Ich muss ihn wohl in meiner Rage umgeworfen haben.
„Setz dich“, verlangt mein Onkel. Seine Stimme ist beherrscht und ruhig. Schlechtes Zeichen.
„Und wenn nicht? Schlägst du mich wieder?“
„Ja.“ Ich schlucke laut.
„Das wird nichts ändern“, erkläre ich. „Wie du bereits festgestellt hast, bin ich schwer von Begriff.“
„Hauptmann“, ruft mein Onkel. „Sag mir noch einmal, was ich mit Untertanen mache, die nicht gehorsam sind.“
Der Hauptmann meldet sich zu Wort. „Ihr lasst sie auspeitschen oder ihnen Gliedmaßen abtrennen.“
Davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Zumindest versuche ich, es mir nicht anmerken zu lassen.
„Hauptmann, was würdest du meiner Nichte abtrennen?“, fragt er weiters.
„Die Zunge. Ohne das vorlaute Mundwerk wäre sie ein ganz passables Weib.“
Im nächsten Moment zückt mein Onkel ein Messer und befiehlt: „Halte sie fest, Hauptmann.“ Angst erfüllt mich und ich bin wie erstarrt. Ich will flüchten, doch es ist bereits zu spät. Der Hauptmann umklammert mich von hinten und ich winde mich in seinem Griff.
„Lasst mich los.“ Er ignoriert meinen Protest.
Vor Anstrengung keuche ich, aber sein Griff ist unerbittlich. Im nächsten Augenblick steht mein Onkel bereits vor mir – das Messer erhoben.
„Wie überaus schade. Ein Engelsgesicht, aber eine Teufelszunge“, flüstert er mit diesem mördermäßigen Blick, den er bis zur Perfektion beherrscht.
„Ich verabscheue dich, Onkel. Aus tiefster Seele“, herrsche ich ihn in meiner Verzweiflung an. Er lacht wieder laut und krallt seine Faust in mein Haar.
„Noch irgendwelche letzten Worte? Aber wähle sie weise, mein Kind.“
„Fahr zur Hölle.“
Mein Schrei hallt durch den Saal, als er das Messer an meine Wange hält und ich einen dumpfen Schmerz an meinem Schopf spüre.
Das grausame Lachen meines Onkels erfüllt den Raum, was mich die Augen aufreißen lässt. Vor mir hält er mein Haar in seiner Faust, das er nun stolz in die Lüfte hebt. Der Zopf ging mir bis über die Hüfte und nun baumelt er leblos in seiner Pranke.
Ohne dass ich es kontrollieren kann, sinke ich erschöpft in die Dunkelheit.
Meine Lider sind schwer und nur mühsam schaffe ich es, sie zu öffnen. Erst beim dritten Versuch bleiben sie mit großer Anstrengung offen und ich blicke in grüne Augen. Der Asgard-Sklave. Er sitzt mir gegenüber und hat die Beine an seinen Körper gezogen.
Wir sind im Verlies. Der Gestank von verfaultem Fleisch lässt mich fast würgen, aber ich schlucke die Übelkeit hinunter. Als ich mich bewege, erkenne ich, dass meine Hand- und Fußgelenke in Ketten gelegt worden sind. Das volle Programm also diesmal. Kaltes Gemäuer drückt sich in meinen Rücken und ich zittere leicht vor Kälte.
„So gefällt Ihr mir am besten, Prinzessin. In Ketten und gezähmt.“ Der Hauptmann steht vor der Zelle und grinst verschmitzt. Schnell richte ich mich auf. Meine Bewegung wird vom melodiösen Rasseln meiner Ketten begleitet.
„Und Ihr gefallt mir immer noch nicht, Hauptmann. Egal, was Ihr tut.“ Sichtlich erbost öffnet er die Zellentüre. Sie war wohl nicht verschlossen. Warum auch. Ich kann hier sowieso nicht weg.
Nach nur wenigen Schritten ist er bei mir und presst seinen Körper an den meinen, während er mich mit bohrendem Blick fixiert.
„Wärt Ihr nicht die, die Ihr seid, würde ich Euch auf der Stelle zeigen, was ein Mann mit einem ungehorsamen Weib macht.“ Was soll das denn heißen?
„Und wärt Ihr nicht der, der Ihr seid … wartet, nein … nicht mal dann.“ Er knurrt erbost und ohrfeigt mich. Meine Wange steht in Flammen, doch ich drehe meinen Kopf in seine Richtung und halte seinem Blick stand. Das macht ihn sichtlich wütend. Auf dem Absatz kehrtmachend wendet er sich ab und schließt die Zellentür mit lautem Scheppern.
„Hauptmann“, halte ich ihn zurück. Überrascht dreht er sich um. „Ich liege zwar in Ketten, aber ich bin nicht gezähmt.“
Ein kaum hörbares „Noch nicht“ hallt durch den Kerker. Daraufhin ist er auch schon verschwunden.
Ein Lächeln ziert meine Lippen. Der Asgard sieht so aus, als ob er mich gerade für verrückt erklären würde.
„Was für ein Idiot“, schimpfe ich amüsiert. Erst jetzt scheint der Sklave den Schlüsselbund in meiner Hand zu bemerken. Der Hauptmann trägt ihn immer an derselben Stelle seines Gürtels und es war mir ein Leichtes, ihm den Bund zu entwenden.
Schnell lasse ich mich auf meinen Po fallen und schließe meine Fußfesseln auf. Meine Zehen bugsieren den Schlüssel ins Schloss meiner Handfesseln. Ich drehe ihn mit meinen Zähnen so weit, bis das Schloss klackend aufschnappt. „Ich liebe dieses Geräusch“, stelle ich lächelnd fest.
Mein Sklave beobachtet das Schauspiel interessiert und zieht die Augenbrauen hoch, als ich mich an seinen Fußfesseln zu schaffen mache.
Für einen Moment habe ich Angst, er könnte mir etwas tun, wenn ich ihn freilasse. Ich zögere kurz und blicke in seine Augen. Sie sind von solch intensiver Farbe, dass ich fürchte, mich darin zu verlieren.
Für das, was ihm mein Volk angetan hat, könnte ich verstehen, wenn er Rache an mir üben würde. Ich kann ihn aber nicht zurücklassen. Sie würden ihn töten.
Ich weiß nicht wieso, aber er sieht irgendwie nicht so aus, als würde er mir gleich den Schädel einschlagen, also schließe ich seine Ketten auf.
„Komm.“ Ohne zu zögern folgt er mir in den, mit Fackeln beleuchteten, Gang. Hoffentlich hat der Hauptmann das Fehlen seines Schlüssels noch nicht bemerkt.
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