Ich weiß nicht, wonach die Katze suchte, ich jedenfalls suchte nach einem passenden Namen für das Tier. Wir blieben offenbar beide erfolglos.
Weil sich die Katze gar nicht wieder beruhigen konnte, entschied ich, dass das Tier hungrig ist und folglich etwas fressen muss. Selbstverständlich hatte ich bereits vor meiner Fahrt ins Tierheim bestens vorgesorgt. In einem eigens eingerichteten Katzenfutterschrank standen ein Dutzend Büchsen Dosenfutter verschiedener Hersteller und Geschmacksrichtungen sowie zwei Packungen Trockenfutter. Also bereitete ich ein dekoratives, leckeres Menü zu. Für den Augenblick ohne durchschlagenden Erfolg. Nach zwei Stunden hatte die Katze noch nichts angerührt. Das Dosenfutter fing bereits an einzutrocknen. Die Katze ohne Namen lief noch immer aufgeregt hin und her. Ganz langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen. Um das Wohlergehen der Katze und um die angemessene Erfüllung meiner Pflichten. Nicht, dass ich meinen „Probevertrag über die Vermittlung einer Katze“ schon gelesen hätte, aber ich war sicher, dass ich mindestens schwere Kerkerhaft zu befürchten habe, wenn ich das Tier verhungern ließe. Noch dazu gleich am ersten Tag.
5. Nicht ohne meinen Aperitif
Der Wortschatz einer Katze ist überschaubar. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten allerdings scheinen grenzenlos. Meine Tierheim-Probekatze beschnupperte das von mir zubereitete Menü alle Viertelstunden. Allerdings ließ sie sich nicht herab, das liebevoll bereitete Mahl wenigstens anstandshalber zu kosten. Stattdessen wendete sie sich jedes Mal mit einem Ausdruck des Ekels ab und brach zu einer neuen Wohnungserkundungsrunde auf. Ich roch deshalb mehrmals an dem Katzenfutter. Allerdings konnte ich nichts Ekliges riechen. Das Katzenfutter roch wie Katzenfutter eben riechen sollte.
Das Tier war spindeldürr. Zweifellos hatte es schon im Tierheim tagelang nichts gefressen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es tot umfiel. Mir schwante, dass sich die Tierheimmitarbeiter die Hände gerieben haben, nachdem ich mir die Katze probehalber hatte aufschwatzen lassen. Bestimmt wussten sie längst, dass das Tier beschlossen hatte, sich zu Tode zu hungern. Nun verhungerte es also bei mir zu Hause.
Da ich allerdings auch weiß, wie rigoros Katzen ihr Personal erziehen, blieb ich hart. Jedenfalls zwei Stunden lang. Dann durchforstete ich meinen Kühlschrank nach irgendetwas, das die Katze vielleicht aufmuntern könnte. Viel fand ich nicht, aber immerhin war Kaffeesahne da. Mit heißem Wasser brachte ich die kalte Milch auf Trinktemperatur. Dann lockte ich die Katze an. „Komm her, hier gibt’s leckere Mimi. Ganz leckere Mimi. Hmmm. Komm, leckere Mimi.“
Ich gebe ja zu, dass die Wortwahl etwas nach mütterlichem Singsang klingt. Und selbstredend passte ich auch meinen Tonfall sofort dem gemutmaßten Intellekt meines Zöglings an. Das mag kindisch sein, aber jedenfalls ist es durchaus wirkungsvoll.
Tatsächlich kam die Katze nach einigem Zögern näher. Plötzlich schoss sie wie ein geölter Blitz heran und hätte mir fast das Schälchen aus der Hand gerissen. Sie stürzte sich wie ein ausgehungertes Raubtier auf die Milch und schleckte sie restlos auf. Dann musterte sie mich kurz mit so einem unverkennbaren Zeit-wurde-es-Blick und putzte auch das Futter komplett weg. Mir war sofort klar, dass diese Katze auch künftig niemals etwas fressen würde, wenn sie nicht vorher einen Milch-Aperitif bekommt. Das Tier legte sich zum Großreinemachen ihres Fells aufs Sofa. Ich habe unterdes das leidige Namensproblem gelöst: Das Tier bekam den einzigen Namen, auf den es zweifellos jederzeit hören würde. Sie hieß von Stund an Mimi.
6. Geeignet für reine Wohnungshaltung
Nicht nur das Kleingedruckte in Verträgen sollte man prinzipiell gründlich studieren. Als ich morgens meine gute Stube betrat, erinnerte ich mich überdeutlich an den allerersten, fett gedruckten Satz in meinem Probevertrag. Der lautete: Das Tierheim haftet nicht für Schäden, die das vermittelte Tier verursacht.
Mimi hatte meine Wohnung über Nacht auf Katzentauglichkeit untersucht und ein klein wenig umgeräumt. Ein funkelnagelneues hübsches Spielbällchen, welches ich am Abend vorher zur Belustigung der Katze durch das Zimmer gerollt hatte, lag unberührt am alten Fleck. Sämtliche Kissen waren dafür auf dem Fußboden verstreut, und mein umfangreiches Sortiment an Stiften war überall zu finden. Außer auf dem Schreibtisch. Mein Lieblingsrotstift blieb auf ewig verschollen. Allerdings waren später immer wieder Korrekturen an meinen Texten zu finden. Korrekturen, die mit eben jenem Rotstift in meiner Abwesenheit eingefügt worden waren.
Zu meiner Verwunderung fanden sich außerdem in der ganzen Wohnung verstreut kleine grüne Fetzelchen. Ich konnte ihre Herkunft nicht sofort erraten. Ich hob ein paar Fetzelchen auf und roch daran, aber der Geruch sagte mir nichts. Ich überlegte noch, wo Mimi die Fetzelchen aufgetrieben haben mochte, als mein Blick auf eine Pflanze fiel, die bis unlängst als gar prächtige Grünlilie die Blicke sämtlicher Besucher auf sich gezogen hatte. Ich erstarrte und riss die Augen weit auf. Die Kräfteverhältnisse waren eindeutig zu ungunsten der Topfpflanze verteilt gewesen. Kein Blättchen zeugte mehr von der einstigen Pracht. Nur ein paar klägliche Stummel waren übrig geblieben. Keine Frage, die Pflanze war unrettbar verloren. Mimi schaute mich vom Sofa her interessiert an. In ihren Augen glänzte der Stolz des Siegers durch technischen Knockout. Ich seufzte und fragte mich, ob man eine Katze ohne Schwanz ausschimpfen darf. Nein, dachte ich, das Tier ist ja gestraft genug. Außerdem verpetzt sie mich sonst am Ende beim Kontrollbesuch der Tierheimmitarbeiter.
Ich redete mir ein, dass die einst prächtige Grünlilie (Chlorophytum comosum) ohnehin nicht richtig zu meiner Auslegeware gepasst hat, sammelte etwa zweitausend grüne Fetzelchen auf und entsorgte die kläglichen Reste der Pflanze in den Komposter. Dann setzte ich mich zu Mimi aufs Sofa und sinnierte, warum ausgerechnet so ein ungezähmtes Wildtier als Hauskatze bezeichnet wird. Im Tierheim hatte man ja sogar starr und steif behauptet, dass der Haltung dieses kleinen Wandalen als Wohnungskatze rein gar nichts entgegensteht. Ich bin kein Kenner, aber tief im Innern regten sich bei mir erste Zweifel an der Meinung der Experten.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat. Vermutlich hatte ich einfach das Gefühl, dass diese hektische, draufgängerische Katze mich binnen Kurzem in den Wahnsinn treibt. Nachdem ich ihr jedenfalls sämtliche Räumlichkeiten vom Keller bis zum Oberboden freiwillig zur Erkundung überlassen hatte, entschied ich: Das Tier muss hinaus!
Also selbstverständlich nicht für immer, also nicht zurück ins Tierheim, sondern nur temporär, nämlich um sich auszutoben. Ganz eindeutig waren Wohnung, Hausflur, Keller und Oberboden als Revier für Mimi nicht ausreichend groß. Ganz augenscheinlich musste Mimis Revier erweitert werden, und noch viel augenscheinlicher war es, dass ich selbst nur ungenügende Fähigkeiten als Gesellschafter, Animateur, Spielgefährte und Raufbold aufzuweisen hatte. Mimi brauchte Abwechslung, und zwar mehr, als ich ihr bieten konnte.
Am Tag eins nach Mimis Entführung aus dem Tierheim schien mir das Unterfangen allerdings doch etwas zu riskant. Bei der Vermittlung hatte man mir immerhin mit erhobenem Zeigefinger und gestrenger Miene mitgeteilt: Freigang frühestens nach sechs bis acht Wochen! Das Tier, so meinte die Tierheimmitarbeiterin müsse sich erst einleben und sich an mich gewöhnen, und erst dann, frühestens dann, dürfe ein Freigang gegebenenfalls riskiert werden. Andererseits war meine Tiervermittlerin freilich auch der Meinung gewesen, dass Katzen überhaupt nicht ins Freie gehören, weil dort gänzlich unkalkulierbare Risiken lauern. Wenn ich der Tiervermittlerin glauben durfte, dann hockten hinter jedem Busch mehrere gemeine Katzenfänger, und meine sämtlichen Nachbarn warteten nur darauf, endlich wieder eine Katze vergiften zu können. Außerdem liefe die Katze im Falle eines Freigangs Gefahr, von einem betrunkenen Autofahrer angefahren zu werden, sich zu verlaufen, in eine Wühlmausfalle zu geraten, von wütenden Singvögeln angegriffen zu werden oder vom Baum zu fallen.
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