Die Frau fragte überrascht zurück: “EINE Katze? Warum denn nur EINE? Nehmen Sie doch besser zwei, da ist das Tier nicht so allein.” Ich schüttelte vehement den Kopf. Mich grauste bei dem Gedanken mich zum Diener zweier Herrn zu machen, also bestand ich auf einem einzelnen Tier. Wir gingen in den Katzentrakt, und die Tiervermittlerin stellte mir etwa einhundert Katzen vor. Allerdings sagte sie in jedem Katzenzimmer: „Diese beiden Tiere können wir nicht trennen, die kennen sich schon seit ihrer Geburt, die vermitteln wir nur zusammen.“ Ich sah meine Chancen schrumpfen und dachte an den struppigen, graubraunen Mischling, der sich tatsächlich gesetzt hatte, als ich „Sitz!“ gesagt hatte. Die Vermittlerin zeigte mir unterdessen weitere Katzen. Inzwischen waren wir allerdings bei den Tieren angekommen, die wegen diverser Krankheiten und aus Altersgründen überhaupt nicht vermittelt werden sollten. Ich fragte mich, warum die Frau mir diese Katzen zeigte und hatte die Hoffnung auf eine einzeln vermittelbare Katze schon fast aufgegeben. Doch nach einer dreiviertel Stunde kamen wir völlig überraschend zu vier Katzenzimmern, in denen sich insgesamt acht Katzen befanden, die einzeln vermittelt werden konnten. Ich atmete auf. Meine Vermittlerin fragte mich noch, ob meine Katze ausschließlich in der Wohnung leben würde. „Nein“, sagte ich stolz erhobenen Hauptes, „meine Katze darf selbstredend draußen herumstromern.“
Ich hatte die Wirkung dieser Aussage völlig falsch eingeschätzt. Meiner Katzenvermittlerin stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Ein Freigänger???“, fragte sie ungläubig.
„Jawohl“, erwiderte ich, „ein Freigänger.“
Vermutlich ist das Halten von Katzen als Freigänger eine tierschutzrechtlich sehr bedenkliche Angelegenheit. Jedenfalls reduzierte sich die ohnehin überschaubare Auswahl der infrage kommenden Katzen nochmals deutlich. Von den acht einzeln vermittelbaren Katzen waren nur zwei als Freigänger tauglich. Das jedenfalls behauptete die Tierheimmitarbeiterin. Ich seufzte. Doch welch ein Segen: Eine der beiden verbliebenen, als Freigänger einzeln zu vermittelnden Katzen war schwarz. Außerdem schien sie etwas phlegmatisch zu sein. Genau das, was ich wollte.
Allerdings lebte sie mit einer zweiten Katze in einem Zimmer. Deshalb kam ich an meine künftige Katze zunächst gar nicht heran. Das zweite Tier war nämlich sehr lebhaft. Und bei allem Verständnis dafür, dass ein Besucher bei der Langeweile in einem Tierheimzimmer eine willkommene Abwechslung ist: Das Tier war aufsässig. Kaum hatte ich das Zimmer betreten, stürmte sie auf mich zu, schmuste um meine Beine herum und drängte mich, sie zu streicheln, als kennten wir uns schon ewig. Ich nahm sie aus reiner Gutmütigkeit kurz auf den Arm und bedauerte sie ein wenig, weil ich mich schon vor der verglasten Tür gegen sie entschieden hatte. Sie hatte wirklich Pech: Erstens war sie weiß mit schwarzen und rostroten Flecken, entsprach also nicht meinem Farbwünschen. Zweitens wollte ich keine aufdringliche Katze. Zu allem Überfluss hatte dieses bedauernswerte Geschöpf drittens noch ein zusätzliches Handicap: Sie hatte keinen Schwanz! Damit fehlte diesem Tier alles, was eine Katze erst zu einer Katze macht. „Oh du armes Tier“, dachte ich mitleidig, „du wirst wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag im Tierheim zubringen.“ Ich ließ sie herunter, um mich endlich meiner schwarzen Katze zuzuwenden. Die Dreifarbige ließ nicht von mir ab, sie schimpfte eifersüchtig. Ganz deutlich konnte ich vernehmen, wie sie sagte: Du gehörst mir, weil ich schneller war, als die alte, behäbige Pinka. Ich war nicht ihrer Meinung.
Eine Stunde später hatte ich einen bürokratischen Marathon ohnegleichen hinter mich gebracht. In einem mehrseitigen Vertrag war festgelegt worden, dass ich eine Katze auf Probe mit nach Hause nehmen durfte. Nur auf Probe, wie die Vermittlerin betonte, denn wenn ich mich nicht als würdig erweisen würde, konnte das Tier mir jederzeit entschädigungslos entzogen werden. Leichtsinnig hatte ich mich auf eine Aktion von der Größe eines Staatsaktes eingelassen. Ich hatte mich nicht nur zur artgerechten Haltung verpflichtet, sondern auch dazu, der Katze zu jeder Tages- und Nachtzeit uneingeschränkten Zugang zu meiner Wohnung zu ermöglichen. Ich hatte eingewilligt, dem Tier unabhängig von eventuell einseitiger Ausnutzung der Sachlage jederzeit Wunschkost zu servieren. Ich hatte zugestimmt, dass sämtliches Tierheimpersonal jederzeit und unangekündigt meine Wohnung inspizieren darf, und ich hatte mich verpflichtet, Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, falls sich dies zu Kontrollzwecken erforderlich macht. Außerdem lag es von Stund an in meiner Verantwortung, sämtlichen Katzenfängern im Umkreis von zehn Kilometern meiner Wohnung eigenhändig den Hals umzudrehen.
Ich trottete also mit meinem Transportkörbchen in der Hand und einer schweren Verantwortung im Nacken zum Auto. Gänzlich überzeugt war ich von meinem Tun nicht, denn ich hatte meine schöne, schwarze Katze einem ungewissen Schicksal überlassen. Statt ihrer maunzte mich eine dreifarbige Katze ohne Schwanz aus dem Bastkorb heraus an. Ich hatte für diese Katze einen Betrag bezahlt, der geeignet war, eine Firma mittlerer Größe in die Insolvenz zu treiben, und ich fragte mich völlig konsterniert, wie viel man in diesem Tierheim für eine vollständige Katze, also für eine Katze MIT Schwanz bezahlen müsste, denn danach hatte ich vor Schreck gar nicht mehr gefragt. Vermutlich hätte ich mir eine Katze MIT Schwanz aber ohnehin nicht leisten können. Vermutlich musste ich froh sein, dass ich so ein Schnäppchen habe machen können. Dreifarbig und ohne Schwanz, dachte ich, vielleicht hätte ich doch noch einmal den struppigen Hund anschauen sollen.
Als mein Auto langsam vom Hof des Tierheimes rollte, hatte das Schnäppchen seine voreilige Entscheidung für mich offenkundig bereits bitter bereut. Das Tier wimmerte, jammerte und gurgelte zum Gotterbarmen. Niemand hat mir je glaubhafter versichert, dass er eine Fahrt in meinem Auto nicht überleben würde. Immerhin erregte das Schäppchen damit endlich meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Mein Mitleid mit dem Tier wuchs ins Unermessliche.
4. Über die Grenzen der Witzigkeit
Der Versuchung witzig zu sein können Menschen nur schwer widerstehen. Auch mir fällt das schwer. Doch es gibt Grenzen. Ich finde es nicht besonders lustig, einen dicken Menschen permanent Klops zu nennen. Auch kann ich der spontanen Witzigkeit nichts abgewinnen, die eine Frau Müller dazu bringt, ihr Kind Lieschen zu taufen.
Allerdings ist eine geradewegs Comedy-lastige Humorigkeit inzwischen allerorten verbreitet. Selbst unter ansonsten völlig humorfreien Menschen. Ich hatte meiner Katzenvermittlerin während unseres mehr als einstündigen Rundgangs kein Lächeln abgewinnen können, obwohl ich es ernsthaft versucht habe. Nur ein einziges Mal hat die Frau geschmunzelt. Das lag aber nicht an mir. Sie musste schmunzeln, als sie mir den Namen meiner Probekatze mitteilte. Die Tierheimmitarbeiterin fand es unglaublich komisch, dass diese arme Kreatur ohne Schwanz im Tierheim auf den Namen Schwänzel getauft worden war. Wegen meiner angeborenen Humorlosigkeit habe ich diesen Namen entgegen allen Vorschriften direkt vor dem Tierheim ausgesetzt.
Die Katze ist folglich nach einer halbstündigen strapaziösen Autofahrt ohne Namen, aber ansonsten weitgehend unbeschadet bei mir zu Hause angekommen. Als sie in meiner Wohnung aus dem Bastkörbchen sprang, würdigte sie mich keines Blickes. Sie erforschte schnurstracks den Ort, an den ich sie verschleppt hatte, und sie war NICHT einverstanden. Sie rannte durch die Zimmer, sprang über sämtliches Mobiliar, inspizierte meinen Schreibtisch und holte eine Staubratte unterm Sofa hervor.
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