Er zögert. Sagt Unverbindliches. Es sei ihm aufgefallen, dass hier vor jedem Haus eine Bank stünde. Ja, sagt sie, drinnen sei es halt eng und dunkel: Draußen habe der Herrgott mit der Natur das schönste Wohnzimmer eingerichtet, das man sich wünschen könne. Und nun käme sogar ein Gast!
Sie verschwindet kurz und kommt mit einem Tablett wieder raus, mit Tassen und Tellern und ein paar Keksen. „Gleich ist der Kaffee durchgelaufen!“
Er bleibt. Die Beine schmerzen. Wenn man erstmal aus dem Rhythmus ist, kommt man schlecht wieder in die Gänge. Lange sitzen sie so da. Sie holt einen Obstschnaps und erzählt ihre Lebensgeschichte. Kinderkriegen und Buchhalterin bei einem VEB. Mit einem Garten gab es eigentlich keinen Mangel. Nach Mallorca - sie sprach die doppelten L richtig aus - hätte es sie nie gezogen. Und Bananen braucht man eigentlich auch nicht. „Bononen“ sagte sie.
Später gingen sie rein. Es gab Aufschnitt, Käse und Schwarzbrot. Und würzigen Kräutertee. Die Kräuter sucht sie selbst. Der riesige Fernsehschirm, dachte er, passt nicht in dieses kleine Häuschen. Aber er ist das Fenster zur Welt. Ein Geschenk ihrer Kinder, „damit du nicht so allein bist“. Elsbeth merkt, dass er was mit den Beinen hat; er humpelt zum Klo. „Da hab ich was Gutes. Eine Salbe, die macht ein befreundeter Apotheker für die Pferde. Hilft todsicher.“
Früh zieht er sich in die kleine Schlafkammer zurück. Hat kaum noch einen Blick für die Relikte des Sohnes. Spielzeugautos, Modelle. Ein Poster von einem Sänger? Muss man den kennen? Er schläft schnell ein. Die Salbe auf den Knien verbreitet wohlige Wärme und stinkt nach Campher. Irgendwann wacht er mal auf, liegt eine Weile wach und fragt sich: Wer bin ich eigentlich? Und gibt sich eine eigenartige Antwort: Ein Witwenwanderer. Während die anderen in Italien sind oder in Spanien. Und eigentlich will er nicht weiter. Aber was dann? Versager!
Am nächsten Morgen ist das kleine Bad mit einem elektrischen Strahler vorgeheizt. Handtücher und zwei Waschlappen liegen bereit. Im Haus duftet es nach Kaffee. Als er die Treppe runter hatscht, merkt er, dass die Schmerzen im Knie verschwunden sind. Elsbeth hat sich schön gemacht und erwartet ihn mit liebenden Augen. Ob er auch gut geschlafen habe, und sie ihn nicht geweckt habe. Sie stehe immer um Fünf auf. Früher habe sie sich dann um die Tiere gekümmert, bevor sie der Bus vom Kombinat abgeholt habe.
Ob er nicht noch bleiben könne? Das wäre doch schön. Aber jetzt will er doch weiter. Jedenfalls nicht bei der Oma bleiben. Das sagt er natürlich nicht. Kommen Sie doch mal wieder! Sie steckt ihm eine Plastiktüte zu. Ich habe Ihnen ein paar Brote gemacht. Und ein bisschen von der Salbe in ein kleines Glas gefüllt. Als er sich verabschiedet, wischt sie sich eine Träne aus dem Auge. Alles Gute! Und bleiben Sie gesund!
Er tippelt los, dreht sich nochmal um. Elsbeth winkt und wischt sich die Augen. Er wandert auf dem Weg, den sie ihm gezeigt hatte. Und spürt irgendwie, dass sie neben ihm geht. Er unterhält sich mit ihr. Was man so mit seinem Leben noch anfängt, wenn der Beruf einen ausgespuckt hat. Und die Wiedervereinigung auch noch den kleinen Wohlstand wie mit einem gigantischen Staubsauger aufgesaugt hat. Was man denn noch tun könne, außer auf den Tod zu warten und in den Fernseher zu glotzen. Er weiß es nicht. Er will es nicht wissen. Nicht so nahe an sich heran lassen.
Immer wieder locken diese kleinen Häuser mit den Bänken zum Verweilen. Scheu geht er vorbei. Obwohl es zu regnen beginnt. Dafür hat er natürlich einen wasserdichten Umhang mit Kapuze. Als es schlimmer wird, hockt er sich in ein kleines Wartehäuschen am Straßenrand. Eine Bushaltestelle. Ohne Fahrplan. Jetzt ist nur noch alles vollgekrakelt. Ordinär. Porno. Sex. Er möchte nicht hingucken und starrt dafür in den Perlenvorhang des prasselnden Landregens und in die kleinen Bäche, die sich an der Hütte vorbei schlängeln. Er schaut in die Elsbeths Tüte: Sie hat ihre ganze Liebe da hineingepackt. Auf dem Käsebrot liegt Petersilie. Drei Pralinen kullern unten herum. Auf einen Zettel hat sie ihre Adresse geschrieben und die Telefonnummer. Mit ungelenker Hand: Schreiben Sie mir mal eine Karte. Elsbeth. Am liebsten würde er zurück gehen.
Ab und zu fährt ein Auto vorbei und sprüht den Gischt bis in die Hütte. Jetzt hält eines. Ein Stück weiter - und kommt rückwärts zurückgefahren. „Soll ich Sie ein Stück mitnehmen? Oder warten Sie auf jemanden? Ein Bus fährt schon seit Jahren nicht mehr.“
Eine Frau lässt die Scheibe runter, lehnt sich weit über den Beifahrersitz und schaut ihn mitleidig an. Was bleibt ihm übrig? Er schüttelt die Tropfen von seinem Umhang, wirft seinen Rucksack auf den Rücksitz und steigt ein.
„Sie holen sich ja den Tod! So schnell hört das nicht auf!“
Sie ist irgendwas zwischen 40 und 50. Gibt ihm Tempotaschentücher. Fragt nach seinem Ziel. „Ich habe keins!“
Kein Ziel? Wo kommen Sie denn her? Aus Bayern? Und was suchen Sie ausgerechnet hier? Bayern, das ist von hier aus gesehen doch ein ganz anderer Kontinent.
Ja, von Bayern aus wandert man nach Rom. Oder den Jacobsweg entlang nach Santiago de Compostela. Oder man fährt mit dem Radl nach Wien. „Ich wollte was ganz, ganz anderes machen. Kein Mainstream, wie man das nennt!“
„M a i n s t r e a m?“ Sie lässt das Wort wie Brei auf der Zunge zerlaufen. „Und wo kommen Sie heute her?“
„Von Elsbeth. Eine Witwe. Eine alte Frau. Ich hatte mich nur auf die Bank vor ihrem kleinen Häuschen gesetzt. Da kam sie raus und hat mich mit ihrer Gastfreundschaft eingehüllt wie mit einer warmen Decke. Ich musste bleiben. Sie war so glücklich, jemanden zu haben, der ihr zuhört, für den sie Kaffee kochen kann und den Tisch decken. Und beim Abschied gab es Tränen.“
„Da kann ich Ihnen noch tausend Witwen nennen. Die ganze Gegend hier ist doch ein einziger Witwenwald. Die Männer sind tot oder abgehauen. Die Kinder sind im Westen, vielleicht sogar ab nach Amerika, Australien. Neuseeland ist sehr beliebt. Zurück bleiben die alten Mütterchen. Sie hüten noch das Haus, versorgen den Garten, schauen Fernsehen. Und warten auf den Tod oder einen Wanderer.“
„Und was machen Sie, wenn Sie nicht Samariterin spielen?“
„Dasselbe wie Sie! Ich bin Psychotherapeutin. Ambulant. Besuche alte oder auch junge Frauen, die in ihrer Einsamkeit glauben, verrückt zu werden. Das muss man hier. Wenn man nicht sieht, wie sie wohnen, sieht man auch nicht in ihre Seelen. In Bayern, wo Sie herkommen, hat man eine Praxis. Da kommen die Patienten hin. Angsttherapie - läuft dort gut. Auch Essstörungen. Mobbing durch den Chef oder Partner. Hier wären sie froh, wenn es jemanden gäbe, der sie wenigstens mobbt. Jemand, der zuhört. Jemand, für den sie die Sammeltassen aus dem Buffet kramen können. Besser als Sie kann ich das auch nicht machen. Aber danach fällt Elsbeth tief. Haben Sie ihre Adresse? Dann schreiben Sie Ihr. Bald. Schicken Sie ihr was, woran sie sich festhalten kann. Das stellt sie dann auf einen kleinen Altar. Ohnehin wird sie bald glauben, Jesus Christus sei bei ihr vorbei gekommen. Leibhaftig. Und was machen Sie eigentlich?“
„Ich schreibe. Journalist. Und gelegentlich ein Buch. Was mir so einfällt.“
„Über Elsbeth? Und den Witwenwald?“
„Vielleicht.“
Sie hielt vor einem zweistöckigen Haus in einem größeren, etwas ausgefransten Ort mit vergammeltem Gewerbegebiet. Flache, rostzerfressene Fabrikhallen mit eingeschlagenen Scheiben. Der Regen hatte aufgehört. „Warten Sie hier, ich fahre nur noch das Auto in die Garage.“ Warten? Nicht wandern?
„Ich kann doch hier einen Gasthof suchen!“
„Das Geld können Sie sich sparen. Wenn morgen die Sonne scheint, können Sie immer noch weiter tippeln und Witwen beglücken. Heute abend machen wir es uns gemütlich. Wann habe ich schon mal einen Schriftsteller zu Gast? Aus einen anderen Kontinent?“
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