Bei den vielen Unreinheiten auf seiner Haut und dem geringen Lichteinfall, den die Glühbirne in diesem Keller erzeugte, war das schwer zu erkennen gewesen.
Emi starrte ihm noch verzückt nach, als er längst in der Halle verschwunden war. Schließlich sagte sie: „Du, Lea, ich denk, ich hab ein Problem.“
Die kapierte endlich. „Du meinst, erst Walter und nun Viktor?“
Emi wirkte elend. „Was soll ich machen, mir gefallen beide.“
Lea lachte. „Das Pickelgesicht und du?“ Ihr Lachen wurde schriller.
„Es ist einfach über mich gekommen.“
Lea spottete: „Besser wär es, wenn sich der Junge zuerst in das Mädchen verguckt, nicht umgekehrt, meinst du nicht auch?“
„Ja, mach dich ruhig lustig über mich. Viktor hat
mich vorhin die ganze Zeit beobachtet, was mir gute Chancen einräumt, dass es ihm ergeht wie mir.“
„Sag, hast du nichts anderes als nur diese Idioten von Jungs im Kopf?“
„Das musst gerade du sagen, wo du selbst nur an Fabio denkst.“
Die Glocke der Kirche schlug sieben Uhr und Emi erschrak. „Ich muss nach Hause, wenn ich nicht wieder eine Ohrfeige abbekommen will.“ Thaddäus stand unausgesprochen im Raum. „Gehst du auch?“
Lea schüttelte den Kopf. Sie musste erst um acht zu Hause sein. Bis dahin wollte sie jede Minute nützen und nach Fabio Ausschau halten. Vielleicht kam er ja noch.
Emi bedauerte, sich von Viktor trennen zu müssen, ohne dass Entscheidendes passiert war. Sie begab sich zum Treppenansatz und stieg die Treppe hinauf. Bevor sie aus Leas Sichtfeld verschwand, drehte sie sich um und hob die Hand.
„Tschüss dann.“
„Bis morgen“, antwortete Lea.
„Und verrate keinem von …, du weißt schon, wegen Viktor und Walter und so.“
„Was denkst du von mir?“, entrüstete sich Lea ein wenig beleidigt. Noch dazu wo sie annahm, dass die Neuigkeit spätestens morgen sowieso überholt wäre, da Emis Herz dann wieder für einen anderen schlagen würde, so wankelmütig, wie sie sich in letzter Zeit gab.
Emi war fort, und Lea begab sich in die Tischtennishalle zurück. Sie setzte sich auf eine seitlich an der Wand stehenden Bank und sah den anderen gelangweilt beim Spiel zu. Dabei ließ sie die Tür nicht außer Acht, stets in der Hoffnung, dass Fabio einträte.
Erik, Nazareth – genannt Naz, Lukas und Schorsch spielten verbissen ihren „Vierer“.
Lukas fühlte sich mit Naz als Partner immens benachteiligt. Wegen dessen Glasauge, das ihm einst ein Unfall bescherte.
Fremde bemerkten seine Augenprothese auf den ersten Blick meist nicht. Und wenn sie sie bemerkten, behandelten ihn manche oft als Mensch zweiter Klasse, wobei Naz sich verhielt, als mache ihm das nichts aus. Er gab sich cool, jedoch in Wahrheit schlug er sich deswegen mit Komplexen herum.
„Im nächsten Satz wechseln wir“, bestimmte Lukas unsensibel, „ich spiele mit Erik zusammen und Naz mit Schorsch.“
Was Naz veranlasste, mitten im Spiel den Schläger wegzulegen und zu murmeln: „Ich wollt sowieso aufhören.“
„Sei kein Spielverderber!“, rief Erik verärgert über
den drohenden Entzug seiner Gewinnphase. Denn ohne Naz gab es keinen fortsetzenden „Vierer“.
Der setzte sich unbeirrt neben Lea auf die Bank und schlug vor: „Vielleicht will Lea spielen.“
Die wollte nicht.
Schon öfter war Naz´s Glasauge unausgesprochen Thema gewesen in der Clique, deshalb mutmaßte Erik, was in ihm vorging und beschwichtigte: „Lukas hat es bestimmt nicht so gemeint.“
„Stimmt“, bekräftigte der nickend, obwohl er nach wie vor lieber mit Erik als Partner spielte.
Lea empfand Mitleid für Naz. Und Lukas, diesem Gewinnertyp würde sie am liebsten eine runterhauen, so wütend war sie auf ihn. Besser, sie ging nach Hause. Es musste kurz vor acht sein.
„Kommst du mit, Naz?“
Dem war nichts lieber als das. Im Freien angekommen fragte Lea: „Begleitest du mich nach Hause?“
Er hatte nichts Besseres vor und so schlenderten sie eine Weile schweigsam nebeneinander her.
Es war bereits dunkel. Die vereinzelten Menschen auf der spärlich beleuchteten Straße beachteten die beiden nicht und umgekehrt verhielt es sich genauso. Lea war bewusst: Mit jedem Schritt der sie vom Jugendzentrum entfernte, schwand die Möglichkeit mehr, Fabio noch zu begegnen. Fest zog sie die Jacke um ihren Körper, sie fröstelte. Am Tag wärmte die Frühlingssonne die Luft zwar schon bedeutend, doch abends stieg die kühle Feuchtigkeit des vergangenen Winters noch aus dem Boden.
„Du bist so still“, meinte Naz leise.
„Ich bin müde“, schwindelte Lea, denn ihre Scheu Gefühle zu zeigen verbot ihm zu sagen, dass sie Mitleid mit ihm hatte, wegen Lukas vorhin. Sie hätte ihn gern getröstet, aber sie hatte keine Ahnung, wie. Dazu war sie todunglücklich, weil sich Fabio nicht blicken ließ. Und zu allem Übel fiel ihr die Mathe-Schularbeit ein, die der Vater noch unterschreiben musste.
Umgeben von Hochhäusern und dicht aneinandergereiht parkenden Autos seitlich der Straße, blieben sie an einer Wegkreuzung stehen. Gleich um die Ecke wohnte sie.
„Es ist besser, wir trennen uns“, meinte sie, befürchtend, mit Naz so nahe an ihrem Zuhause von einem Elternteil oder ihrem Bruder, gesehen zu werden. Die Mutter hätte sie geistig wieder schwanger visioniert und auf eine erneute Moralpredigt von ihr war sie auch nicht scharf.
„Kommst du morgen wieder zum Spielplatz, in die Laube?“, fragte Naz.
„Vielleicht“, antwortete Lea. Gleichzeitig kam ihr in den Sinn: und Fabio? Ob er auch kommt? „Danke
fürs Heimbegleiten.“
Es schien, als wolle Naz etwas antworten, doch dann besann er sich anders und schwieg.
Bevor sie um die Ecke aus seinem Sichtfeld kam, drehte sie sich um und winkte ihm. Sein Glasauge störte sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Sie konnte ihn sich ohne gar nicht vorstellen. Es machte ihn aus. Nachdem er zurückgewunken hatte beeilte sie sich.
Zu Hause erwartete sie Trubel.
Bernd lief wie ein Wahnsinniger in der Wohnung umher, schob alles weg, hob alles hoch und fauchte Lea an, als er sie erblickte: „Willst du nicht suchen helfen?“
Desinteressiert zuckte sie die Schultern. „Wenn du mir sagst, was ich suchen soll?“
Der Vater lag im Wohnzimmer auf der Couch und starrte in den Fernseher. Er vermittelte den Eindruck, als hätte er die Welt um sich herum vergessen. Das Gerät war neu, die Möbel sahen aus, wie vom Flohmarkt gekauft. Lea störte sich nicht daran. Die meiste Zeit vergrub sie sich ohnehin in ihrem Zimmer und hörte Musik.
Die Mutter hastete hinter Bernd durch die Wohnung und plärrte: „Wer Ordnung hält, findet seine Sachen!“ Null Bock auf dieses familiäre Fiasko strebte Lea an, sich in ihre vier Wände zu verdrücken, denn nach der Enttäuschung mit Fabio brauchte sie Ruhe und Zeit zum Nachdenken.
Die Stimme der Mutter hielt sie zurück: „Du bist spät dran heute. Wo warst du denn so lange?“
Lea zögerte mit der Antwort. Mit bewusst unbeteiligtem Gesichtsausdruck bog sie die Mundwinkel nach unten und antwortete, so gelassen wie möglich und ohne lügen zu müssen: „Mit Emi zusammen, wie immer.“
„So“, erwiderte die Mutter, in einem Ton, der besagte: Ich glaube kein Wort. Sie deutete auf Vater. „Weiß er es schon?“
Steine purzelten auf Leas Brust, die drückten, denn sie verstand auf Anhieb, was die Mutter meinte. Sie schüttelte den Kopf.
„Dann wird es Zeit.“
Auf diesen Befehl hin, fiel ihre ohnehin düstere Stimmung ins bodenlose. Was das Bedürfnis in ihr erweckte, erst mal tief ein- und auszuatmen. Okay. Jetzt oder nie. Lustlos begab sie sich in ihr Zimmer, um das verhasste Mathe-Heft zu holen. Währenddessen hörte sie Bernds Freudenschrei, der durch die Mauern scholl; endlich hatte er seine Autoschlüssel gefunden. Gleich darauf schwirrte er ab.
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