In der Frühe hat ein Gepäckträger dann seine sieben Zwetschgen abgeholt und da hat mich der Mensch wegen Beleidigung und Körperverletzung angezeigt. Den Gift und Ärger möcht ich nicht mehr für hundert Euro erleben, den ich da empfunden hab...“
Gut hatte er geredet, der Mauerer Girgl, jetzt waren auch alle anderen am Tisch überzeugt, ihre Sympathien gehörten ihm. Auf so einen Zimmerherrn konnte man wirklich verzichten und selbst, wenn er ein Millionär wäre. „Kreuzsaxendi!“, sagte der Sepp, „da wär‘ ja der der Herr und du der Stiefelputzer. Nein, so was geht wirklich zu weit! Ich sag’s ja: Die Welt heutzutage ist auch nicht mehr das, was sie einmal war!“
DER SPINNERTE BRUNNEN IM LEHEL
In einer kleinen Kneipe im Lehel fand ein großer Ball statt und da waren die jungen Leute des Viertels einmal ganz unter sich, wie sie meinten. Stolz schwenkten sie ihre Mädchen durch den Saal und fühlten sich so recht als feine Herrschaften. Einer von ihnen entdeckte plötzlich drei junge Männer, die man noch nie zuvor hier gesehen hatte Sie besaßen offenbar sogar die Frechheit, mitzutanzen. Das durften sich die Leheler nicht bieten lassen.
Also pflanzte sich einer von ihnen vor den Fremden auf und verlangte, dass sie den Saal unverzüglich verlassen sollten, wenn sie Ärger vermeiden wollten. Da die Drei die gutgemeinte Aufforderung ignorierten, verlor der Bursche die Geduld.
„Aus ist’s!“, schrie er wütend. „Ab sofort wird nicht mehr getanzt, sonst weht hier ein anderer Wind! Habt ihr mich verstanden?“
Sie hatten ihn bestimmt nicht verstanden, denn sie taten noch immer nichts dergleichen, im Gegenteil – sie lachten ihn ganz ungeniert aus. Und einer sagte keck: „Du bist wohl auch einer von denen, die aus dem spinnerten Brunnen getrunken haben?“
Das hätte er besser nicht sagen sollen, denn alle Welt weiß, dass die Leheler auf solche Worte ausgesprochen sauer reagieren. Der Bursche hatte plötzlich einen Krug zwischen den Fingern und schlug damit wild um sich.
Was es mit dieser Anspielung auf sich hatte, erzählte der junge Mann dann schließlich vor Gericht genauer. Im Lehel soll es demnach einmal einen Brunnen gegeben haben, der nur Wasser gab, wenn er Lust dazu hatte und für gewöhnlich war das nicht der Fall. Vor allem dann nicht, wenn man das Wasser dringend gebraucht hätte. Darum hat man diesen Brunnen nur noch den ‚Spinnerten Brunnen‘ genannt. Später aber, wenn man nicht gerade sagen wollte, der und der aus dem Lehel sei nicht ganz richtig im Kopf, drückte man sich spöttisch so aus: ‚Du hast wohl vom Spinnerten Brunnen getrunken, was?‘ Und das war eine schwere Ehrenbeleidigung.
Denn wie kam man dazu, die Leheler derart zu verunglimpfen? Schließlich hatten dort schon viele honorige und noble Herrschaften gewohnt: Beamte, Landtagskandiaten und sogar bekannte Redner sollen darunter gewesen sein...
Der Habermeier Lorenz, von seinen Freunden nur Lenz genannt, hatte seine Schäfchen ins Trockene gebracht: Erfolgreiche Grundstücksspekulationen in jungen Jahren erlaubten ihm nun das Leben eines Privatiers. Und er ließ keine Gelegenheit aus, dies überall und jedem zu erzählen.
„Wir haben ein zweistöckiges Haus, ein paar übrige Euro und wenn wir morgens aufstehen, brauchen wir auch nicht zu fragen, wo das Geld für heute herkommen soll!“, sagte er meistens. „Wir fahren in den Urlaub und geben unsere alten Sachen weg, übrig bleiben uns noch etwa zwanzig Jahre auf dieser Welt, und da müssen wir auch nicht Hunger leiden. Aber glauben Sie nicht, dass wir uns darauf was einbilden! Ich nicht und meine Frau auch nicht! So, glaube ich, muss es um einen Privatier bestellt sein!
Was aber gibt es heutzutage für Privatiers? Eine Kellnerin, die während des Sommers in Tegernsee Fünfzig-Cent-Trinkgelder gesammelt hat, tut im Winter ihre Ersparnisse verprivatisieren, gewöhnlich reicht’s ihr bis zum ersten Faschingsball. Ein arbeitsloser Metzgergeselle kommt zum ersten Mal in den Donisl und pumpt seinen Freund um ein Bier und eine Brotzeit an und wenn der Andere fragt: ‚Wie geht’s dir, Kamerad?‘ Dann sagt derselbe: ‚Schlecht, Franz! Ich tu privatisieren.‘ So was Dummes! So einen Titel, wie den des Privatiers, kann man doch nicht so verschandeln! Glauben Sie, dass wir Rad fahren, mit der Trambahn fahren, bergsteigen, Pilze suchen oder Blumen pflücken? Wenn wir wo hingehen, dann fahren wir entweder selbst oder im Taxi, die Berge schauen wir uns von unten an, die Pilze werden im ewigen Licht gegessen und die Blumen holen wir aus dem Geschäft. So lebt ein Privatier und so kommt was unter die Leute.“
An diesem Tag erzählte er aber etwas ganz Anderes. Er berichtete am Stammtisch vom letzten Wochenende, das er in Garmisch verbracht, wo er eine Wirtschaft besucht hatte. „Gut war’s, teuer war’s, schön war’s!“, schwärmte er. „Unsereiner schaut sich seine Leute an und da hab ich gemerkt, dass die Frau Regierungsrat Sprudel getrunken hat, weil das Bier nicht nobel genug, der Wein aber zu teuer war! Eine Frau Doktor hat wegen ihrem schlechten Magen nur eine Suppe bestellt und zwei Stunden später in der Klamm, da hat ihr Magen ein Stück Bauernbrot und einen Underberg vertragen. Das hat mich verdrossen und schließlich hab ich mich sehr gefreut, wie ich im ‚Husaren‘ meinen Freund, den Franz, getroffen hab. Der hat schon weitem geschrien: ‚Ja, der Schorschi! Da, setz‘ dich her zu mir!‘
So begrüßt man sich auf Münchnerisch! So eine Anrede hat Stil und geht ins Blut. Am Tisch saßen lauter Norddeutsche und die haben die Ohren aufgesperrt, wie ich dann gesagt hab: ‚Der Plamp ist nicht übel!‘ Da fragt einer von denen, ob dies denn Deutsch sei. ‚Freilich‘, sagt der Franz, ‚das heißt gradsoviel, wie wenn Sie gesagt hätten, das Bier schmeckt gut!‘
Hier machte der ‚Privatier‘ eine Kunstpause und trank einen kräftigen Schluck. Dann wischte er sich mit der Hand den Schaum vom Mund und fuhr fort: „Ein einziger Mann hat die ganze Zeit über kein Wort gesagt und weil er so still war und einen halben Vollbart getragen hat, da hab ich gedacht, es müsste ein Engländer sein. Später, wie das Abendrot die ganze Zugspitze vergoldet hat, schläft der Engländer wie ein Pferd und die Anderen waren außer sich vor Freude.
Sowas kann ich nicht sehen und ich stoße meinen Engländer an und sag: ‚Uell, Meilord! Da schauen Sie mal!‘ Der Engländer macht die Augen auf und sagt: ‚Eichja! Nee, nee, meen Herzensgind, das is gestern Abend geradeso gewäsen. Ich bin nich so sähre eengenommen fier die Fälsensteene, denn letztes Jahr im Harz hab ich mir’n Stockschnupfen geholt, weil die Füße nass und een paar Stiebl total zerrissen worden sind. Wäre meene eenzige Carola nich eben als höhere Tochter in den Ferien, so säße ich weicher auf der Brühlschen Tärrasse, weeß Kneppchen. Den Engländer können Sie sich an een Bein schmieren!‘
Ich versteh‘ grad so viel von der sächsischen Sprache, dass ich mich ausgekannt hab, da bist halt ins Fettnäpfchen getreten und der Meilord hat dich grausam abfahren lassen. ‚Sie‘, sag ich, ‚wenn Sie kein Engländer, sondern ein Sachse sind, dann rücken Sie doch gefälligst ein paar Plätze weiter, sonst lass ich Sie in Papier einwickeln und vierzehn Tage im Panoptikum als Rarität ausstellen, Sie Malefizfretter und reisender Handwerksbursch! Maskiert sich der Typ wie ein Engländer, dabei lebt er vom Flicken von Regendächern, der Hungerleider! Dagegen haben die Anderen nun lautstark protestiert und mich darüber aufgeklärt, dass der imitierte Engländer in Wirklichkeit so was wie ein Privatier sei. Meinetwegen darf es sein, wie es will, ich hab Ihnen schon erzählt, wie dieses Wort neuerdings abgewertet wird. Jedenfalls glaub ich nicht auf’s erste Mal, dass ein jeder ein Priviater ist, nur weil er sich so nennt.“
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