Er machte eine kleine Verschnaufpause, kümmerte sich nicht im geringsten um die erstaunten und fragenden Blicke seiner Tischnachbarn und fuhr eifrig fort: „So geht das weiter mit ‚Zigarren-Zigaretten‘, Feuerzeugen, ‚Heiße Maroni!‘, ‚Nüsse, meine Herren, Nüsse!‘, Radieschen, Lotterielosen, Kalendern, Socken und Taschenmessern, Zuckerbrezeln, Bürsten, Zeitungen und so weiter. Haus und Hof könnte man kaufen und sogar heiraten im Wirtshaus. So schaut es in München aus!
Würde man nichts geben und keiner was kaufen, dann könnten die Händler kein Geschäft machen und wohl gar nicht existieren. Aber tausend Mal sagt man: Ich geb nix! Meine Ruhe wil ich haben! Fahr ab, Kundschaft! Am Ende hat man halt doch ein weiches Herz und fasst ins Portmonnäh, weil man nicht so sein kann.“
„Warum erzählen Sie uns das eigentlich alles?“, fragte schließlich einer der drei Zuhörer und man merkte, dass er unwillig geworden war. „Damit haben doch wir nichts zu tun!“
„Nur Geduld, mein Herr!“, antwortete der Münchner mit Herz. „Was mir passiert ist, könnte auch Ihnen passieren. Darum hören Sie zu: Eines Abends kommt ein Bettler in meine Stammwirtschaft und möchte ein bisschen was, damit er sich ein Nachtquartier leisten kann, wie er sagt. Ich war selbt einmal auf Wanderschaft und weiß, wie einem da zumute ist. Ich richte einen Fünfer her, da kommt der Wirt, verlangt die Papiere von dem Mann, schaut sie sich an und sagt: ‚Bei mir wird nicht gebettelt, schau, dass du eine Fliege machst.‘ So etwas ärgert mich. Wenn der nix hergeben will, braucht er sich auch nicht die Papiere anzuschauen. Ich ruf gleich: ‚Da her, Mann‘, und geb ihm jetzt extra das Geld. Jetzt sagt der Wirt, dass er das nicht leiden will und ich tät die Lumperei noch unterstützen.“
Die Erinnerung an diesen Vorfall schien ihn in Rage zu versetzen, denn plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser tanzten.
„Ich hab ein weiches Herz und Gemüt, aber wenn man mir so kommt, werde ich sauer. ‚Was?‘, sag ich, ‚wie meinst du? Recht hast du, die Lumperei unterstütze ich schon, seit ich in deine Wirtschaft komm und dein Bier trinke, du Dreckspatz.“
Nun mussten die Männer der Stammtsichrunde doch lachen. Die Erzählung war zu komisch, der Zorn des Mannes schien mittlerweilen auch wieder verraucht zu sein.
„Wissen Sie, ich bin ein Münchner und hab ein Gemüt. Vor allem aber will ich meine Ruhe haben.“
Sprach’s, zahlte und verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war.
Er hatte offensichtlich nur das Bedürfnis gehabt, sich irgendwo den Ärger von der Seele zu reden.
„Kare!“, brüllte der alte Wurmdobler schon von weitem. „Stell dir vor, heut‘ war wieder Waschtag bei uns!“
„Ja, dann...“, schmunzelte der Kneissl Karl vielsagend. „Demnach war von morgens früh um Fünf bis nachts wahrscheinle wieda da Deife los im Haus, stimmt’s?“
„Genau!“, sagte der Wurmdobler. „Ich seh, du kennst di aus. Schon um Viere hot mi d‘ Frau ausm Bett gjagt, weil sie das Bettzeug auch noch mitwaschen woit. Die Vorhäng hots owagrissen, alle Kisten und Kästen ausglaart, da ham Socken gfehlt, dort a blaus Taschentuach, dann hots de Weiß- und Buntwäsch ausgschiedn, olle Möbelüberzüg owagrissen, alle Hemden eingsammelt, bis es plötzlich hieß: ‚I bin in da Waschkammer!‘ Und dann hab ich neamd mehr gseng.
Danoch hob i irgendwann amoi gfragt, wia’s denn mit‘m Mittagessen steht, dabei hab i drei, na, vier Frauen beieinander im Waschhaus otroffa. Do is vielleicht gratscht und klatscht worn! Heit gibt’s nix ois Bier und Brot und vielleicht no an Kas – hat es gheißn. Schau, Kare, dös is mei unangenehmster Tog.“
„Dös ko i dir nachfühln!“, pflichtete der Kneissl dem Wurmdobler bei. „Bei mir dahoam verlaft der Waschtag aa net vui anders.“
„Schon, schon!“, sagte der Wurmdobler. „Aber bei mir war’s heit bsonders schlimm. Dös muass i dir genau erzähln. I war natürlich den greßtn Teil vom Tog net dahoam, dös konnst dir ja denkn. Aa Suppn hob ich gessen, de hot wia a Spülwassa gschmeckt, des Kalbfleisch war fad und da Salat verschütt. Vom Bier mog ich gar net redn, es war reichle abgstanden. Auf‘m hoam foillt ma ei, die Tram znehma und wia der Kontrolleur kimmt, hob i nix mehr von der Kartn. In meiner Zerstreuung hob ich Kügerl draus gmacht und oans ums andere wegworfn. So hob ich vierzig Euro Strafe zahln miassn, dass i überhaupts weiterfahrn hob deafa. Für des Geld hätt i mir zwoamoi a Taxi leistn kinna. Wia i dann um Drei hoamkemma bin und mi a weng hinleng woillt zum Schlaffa, da kimmt der Kaminkehrer und fegt und raspelt, dass da Ruaß nur aso fliagt. Kaam is der weg, kimmt oana vom Finanzamt und valangt irgendaa Nachzahlung. Do hob ich notwendigerweis zahln müassn, sunst waar aa Zahlungsbefehl kemma und der waar taija worn! Kaam is der Geldbeutel zua, bringt oana aa Rechnung über fünfundzwanzig Euro, weil der Schnee net rechtzeite weggraamt worn is. I schimpf wia aa Rohrspatz und sag, dass die Rechnung doch nur d‘ Hausmoastarin was angeht und net mi. Der Mo geht aber net drauf ei und behaupt‘, de Frau sei a Privatangelegenheit und des Gricht hot mit ihra nix z‘toa.
I geh oiso sofort in den Hof und schimpf mei Frau weng dera ewign Wascherei, aber glaabst du, dass si mei Oide beeinrucken lossat? Net de Spur! Im Gegenteil – ausglacht hat’s me. ‚Wenn du nur kennst, was du an mir host‘, hot sie gsagt, ‚ihr Menna hoits‘ es ja net amoi acht Tog lang aus ohne uns und müassat’s olle im Schmutz erstickn! Bet nur, dass i gsund bleib, sunst is’s schlecht um di bstellt!‘
Da kannst du dir vorstelln, wia i mi gärgert hob. Jetzt wird de Hausmoasterin sichtbar, da sog i zu ihra: ‚So, da kriang’s a Fleißbillett auf 25 Euro, dös geht Sie was an. Warum geht Eahna aa dauernd des Mundwerk, wenn Sie Dienst hom? Wenn wieder so was passiert, dann gibt‘s Ärger, verstandn?‘
De schaut se de Rechnung an und sogt: ‚Soll i Eahna vielleicht de Reparaturkostn für‘s Haus aa no zahln, de Müllabfuhr, den Kaminkehra und de Bankzinsen und die Miet‘ für laarstehade Wohnungen? Moanan Sie, i sitz hinter‘m Fenster wia a Wetterhex und schau, ob‘s grad amoi schneit? Dass nur ja der Schnee koa Viertelstund lang lieng bleibt? Kannt si ja rentiern, des Gschäft! I zahl zwar nur a kloane Miet‘, dafür aber konn i Eahna den Leibpudl macha. Selbst wenn Sie um hundert Euro gstraft wern, zahl i koan Pfenning. Einsperrn solltat ma Eahna, Sie fader Zwidrian, Sie grausamer, zahln Sie doch aana Hausmoasterin Lohn, wia si’s ghört und gem’S net so an, dann kennan’S was verlangen!‘
I bin ganz weg weng dem frechn Weiwaleit, ziag aus und schon hob i ihra aa Watschn verpasst, die sich gwaschn hot. So war ihra Plappermuj wenigstens amoi fünf Minutn aus‘m Scharnier. Kaam hot sie wieder aan Gedankn ghabt, da nennt sie mi aan protzign Pfundhamme. I wui noamoi ein weng draufdrücka, do reißt sie aus und moant, dass es jetzt aus waar.
Du, Kare, was moanst: Die Körperverletzung war doch eigentle blos a leichte Züchtigung, de außerdem verdient gwesn is? Und i konn mir doch von so aam unverschämtn Weiwaleit net soichane Schimpfereien bietn lassen! Überhaupt ist an so aam blödn Tog a Schimpferei meinerseits nia ganz ernst z‘nehma. De Hausmoasterin hob i natürle ausgstellt und die 25 Euro san aa zahlt.“
Der Kneissl Karl war nachdenklich geworden. „Hoffentlich zeigt sie di net o!“, meinte er dann bedächtig. „Falls das gerichtsmassig wird, wirst wahrscheinle um a saftige Geldstraff net rumkemma!“ Und dann, nach einer kleinen Weile, hatte er noch einen Rat für seinen Spezl bereit: „Am besten, du losst dir jetzt durch zwoa fremde Weiwa de Wäsch bsorgn, damit die unangenehmen Tog bis an dei Lebensende vermiedn wern.“
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