„Wieso?“, fragte der Andere neugierig. „Was war denn los?“
„Ach, es war wegen dem Hafner, unserm Gscheidmeier!“, erzählte der Dicke etwas widerstrebend. „Der woaß doch oiwai ois bessa, du kennstn ja: wo ma am billigsten übernachtet, wos dös beste Bier und Essen gebn soll, de scheensten Platzal, de bestn Aussichten – kurz – er kennt oafach ois.“
Er atmete heftiger und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Wennst dann hikimmst, na, dann is ma entweder z’fruah oder z’spat dro, es san scho Leit do oder es steht gleich gar dös Wirtshaus nimma da. A Ausred hat er jedsmoi parat. Scho vier- oder fünfmoi sama mit eam ausgangen und jedsmoi sama mit eam einagfoin. Beim letztn Moi is‘ ma dann z’bunt worn.
Mei Grundsatz is: a scheena Spaziergang, net z’weit und net z’vui und dann a Ort, an dem ma wos Gscheits z’essen und z’tringa kriagt, sitzen bleim und se unterhaltn ko. Dös kannst vagessn, wenn der Hafner mit dabei is! In olla Fruah gehts um Viere los, aber bis der langweilige Tropf ozong is, kannt unseroana a Dutzend Breiross‘ eischirrn. Dann fohrt ma oiso um sieme zum Bahnhof und kimmt, wenn der Zug abfohrt, grod recht, dass ma auf an nächstn wartn ko.
Bei da Ankunft in Starnberg woaß koa Mensch, wos und wohin er wui. Kehrt ma ei, dann is ois vorzüglich und ausgezeichnet, bis‘ zum Zahlen kimmt, dann is‘ schlecht und teuer. Auf geht’s! In da größten Hitz wird weitermarschiert. Neamad kennt an Weg und z’letzt kimmt de hoibvahungerte und durschtige Gsellschaft am Wirtshaus o und ko froh sei, wenn no a Bier z’ham is, des vom Vortag stammt. An Aderlass oder Schröpfköpf braucht ma heit nimma, da braucht ma blos a Landpartie z’macha! Schnacken und Mücken zapfen oam’s Bluad ab, das oam’s Hörn und Seng vageht und gschröpft wird ma vom Bauernwirt.
Oiso – bei unserm Ausflug is gradaso gwen. I sag’s aufrichtig: Am Ammersee hob i a scheens Platzal gfunden, Bier wia Öl, bratene Fisch und neue Kartoffeln, gräuchertes Fleisch, kurz – ois war prima. Billig is net grad gwen, aba ma hat’s akzeptiern könna. I wollt dableim und hob nach am Ort mit scheena Aussicht auf de Berg Ausschau ghaltn. Kaam hob i’s ma im Gras bequem gmacht, a Kriagal Bier is scho neba mir gstandn, da fangt der Hafner o: ‚Ja, mir wern doch net da sitz’n bleim! I will laufen und Luft haben. Was wollt ihr denn mit euerer Sauferei? Da geh i doch z’Haus ins Wirtshaus und net auf’s Land!‘
Weil mir dös Laffa net immer leicht fallt, hob i gsagt: Sitzn bleim! Erst machma do a saubane Brotzeit. Dann trink ma oans und dann... meinetwegen no an Marsch. Mei Bier war grad leer und i bstell ma grad a neue Maß, da fangt der Hafner wieder o: ‚Willst du no ganz zammawachsen, du Speckschwartn? Leg di doch in den Keller zu de Bierfassln, wenn du blos tankn mechst, Dickkopf, ungschlachter! Landluft und gsunde Bewegung bedeuten dir ja nix, du Süffl!‘
‚Den schaug an!‘, sag i. ‚Wem schlagts denn nun besser an, mir oder dir, du hölzerner Haubenstock? Kannst du denn gar net a weng a Pause machen, du unruhiger Geist?‘
Schließlich hob i durchgsetzt, dass ma drei Stunden bliem san und der Hafner is hoiwad narrisch worn vor Zorn.
Endlich, ois ma scho an hoiwatn Surri ghabt ham, sama dem Hafner gfolgt und no a Stund weit glaffa. Dann sama no amoi eikehrt, doch dösmoi hat’s blos a warms Bier und a zaachs, fad schmeckats Fleisch gem.
Jetzt is es mir z’bunt worn. ‚Schaug‘, sog i, ‚Hafner miserabler, jetzt merkst endlich, dass du a Hafner bist, a staubiga! Wer hat’n jetzt recht ghabt – i oder du?‘
‚Na ja‘, hat er eingräumt. ‚Dös Bauerngeräucherte is nix Bsonders, dös Bier is a wenig lau, guat aber is es immerhin.‘
I frag den Wirt, ob er dös Fleisch selber räuchert oder vom Metzger kaaft. ‚Dös kimmt aus Mingga!‘, gibt der Kerl zur Antwort. Viel hätt net gfehlt und der Hafner wär no richtig aufgmischt worn an dem Tag. Auf am Hoamweg hob’n i dann no recht gschimpft, denn verdient hat er’s ja.“
Der Andere hatte ihm aufmerksam zugehört.
„Schau, schau, der Hafner!“, sagte er schließlich sinnend. „Jetzt woaß i aa, warum der unbedingt in unserm Kegelclub Mitglied wern will! Wahrscheinlich hat er’s bei eich aufgem, damit er’s jetzt bei uns probiern ko. Aba da hat er sich gschnittn, dös wern ma eam vasalzen...“
„Des waren halt Zeiten früher!“, war der Lieblingsausspruch des Greiner Hans. Er nützte jede Gelegenheit, um von seinen Erinmerungen an die gute alte Zeit zu schwärmen und verteidigte seine Meinung auf Biegen und Brechen. Am letzten Wochenende hatte er an einem Ausflug teilgenommen und war mittags in einem ganz passabel aussehenden Restaurant zum Essen gegangen. Eine gute halbe Stunde lang studierte er die Speisekarte.
Er suchte nach einer Schweinshaxen, entdeckte aber stattdessen Italienische und Wiener Leber, Paprikaschnitzel, Wurzenbraten, verschiedene Filets, Umstandsbrot, Strammen Max und Illustrierte Gurken. Das verdross ihn.
„Zenzi!“, rief er. „Bombardon, Fräulein! Haben’s vielleicht einen abgebräunten Schwartenmagen und gerösteten Kartoffelsalat?“
„Ich glaub nicht, Herr Greiner!“, sagte die Kellnerin. „Wenn er nicht auf der Karte steht, dann gibt’s das nicht.“
Der Greiner ließ nicht locker. „Dös is aber schade. Dann bringa’s mia halt einen Nierenbraten oder einen Gemischten.“
Am Nebentisch war man bereits auf ihn aufmerksam geworden und spitzte die Ohren. Die Kellnerin kam eine ganze Weile nicht wieder. Schließlich teilte sie ihm mit, dass es nur mehr Pfannengerichte gebe.
Da rief der Greiner nach dem Wirt und drehte mächtig auf.
„Bedauere, mein Herr“, antwortete der kühl, „meine Bedienung ist eine anerkannt freundliche und anständige, und meine Speisekarte hat eine Auswahl wie in einem Pariser Restara, bitte mir ein andres Mal die Ehre aus! Adjö!“
Der Greiner schluckte. Er ärgerte sich, dass man ihn auf die feine Art hinausgeworfen hatte.
„Kellnerin, zahlen!“, brummte er deshalb. Als er nun noch erfuhr, dass das Bier mehr kostete, weil abends ein Konzert stattfinden sollte, begann er erneut zu schimpfen.
Doch diesmal reichte es dem Wirt. Er ließ den Stänkerer kurzerhand von seinem Hausknecht hinauswerfen.
„Wie ein Gummiball bin i hinausgflogen!“, erzählte der Greiner Hans später. „Wenn jetzt die Lokale schon so fein geworden san, dann schickt es sich doch auch net, dass man an sackgrobn Hausknecht aufstellt, der einen echten Münchner Bürger mit solcher Wegwerfung behandelt. Sowas hat es ja früher nicht einmal beim Schleibinger selig gegeben, und der war doch bekannt für seine Grobheit. Überhaupt kimmt da noch was nach, weil il mia dös net gefallen lass‘. Anzeigen werd i den Bauernwirt!
In da guatn altn Zeit wär sowas einfach undenkbar gwesn...“
Am Stammtisch saß eine fröhliche Runde, als ein magerer, ältlicher Mann, den man hier noch nie gesehen hatte, hereinkam. Unaufgefordert begann er zu reden und machte dabei eine theatralische Gebärde: „Meine Herren! Sagen Sie selbst, wo in der Welt trifft man so viele Menschen mit Gemüt wie hier in München? Schließlich heißt es überall, das ist die Weltstadt mit Herz! Da sitzt man im Wirtshaus und redet und deutet nix, da kommen nach und nach drei oder vier Blinde und man ärgert sich vielleicht ein bisschen darüber, dass man pausenlos das Portmonnäh ziehen muss – doch ein jeder kriegt ein paar Zehnerl. Dann kommt ein Mädel, hebt die Hände auf und sagt: ‚Bittgarschön!‘ Vielleicht warten draußen die Eltern auf die Kleine und das, was sie so zusammenbettelt, macht auch nix – ich schieb ihm ein Hausbrot hin und lass‘ es von meinem Bier trinken, schon hab ich mein Vergeltsgott.“
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