An einer ordentlichen Audienz war mir überdies gar nichts gelegen - ließ ich mich ihr als ein Reisender aus Deutschland vorstellen, so wurde jedenfalls große Toilette verlangt, mit der ich nicht einmal eingerichtet war, und das Ganze lief auf nichts als eine steife Ceremonie hinaus; dagegen gab es ein anderes Mittel. - Ich bat den Straßburger, mich Ihrer Majestät als einen fremden Musikanten anzukündigen, der ein ganz neues Instrument mit nach Tahiti gebracht habe. Ich war ziemlich sicher, daß sie hier noch keine Zither gesehen hatten, und mein neuer Dolmetscher, dem ich die auch ihm fremde „Musik" zeigte, war so entzückt davon, daß er mir die Versicherung gab, die Königin würde die Zeit gar nicht erwarten können.
„Ich bin doch selber musikalisch," sagte er - er war Trommelschläger - „aber so ein Instrument hab' ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen."
Seines Beifalls gewiß, konnte ich darauf rechnen, daß er durch den Thronfolger auch Ihro Majestät für mich interes-/15/sieren würde, und am Montag Morgen kam er denn auch richtig schon zu mir und kündigte mir an, wir könnten noch an demselben Abend zur Königin gehen. Die Sonne mochte noch etwa anderthalb Stunden hoch sein, als wir uns anschickten, Ihro Majestät, die jetzt ganz am westlichen Ende der Stadt wohnte, unsere Aufwartung zu machen, und wir mussten zu diesem Zweck fast ganz Papetee durchwandern. Gegen Abend beginnt in den Straßen, der Stadt das Leben, und die Hotels und die Weinhäuser füllen sich. Die letzteren haben dabei ausschließlich die meisten Gäste, denn der größte Teil der Europäer auf Tahiti sind Franzosen, und diese können nun einmal nicht ohne ihren „Claret" existieren - den ich denn auch wirklich noch nirgends so schlecht getrunken habe, als gerade auf Tahiti.
Der Franzose ist überhaupt lebenslustig, und überall sitzen dann lachende, singende, trinkende Gruppen an den Tischen herum, Billard wird sogar schon gespielt, und in dieser Hinsicht sind die Gesellschaftsinseln den hawaiischen glücklich nachgeeilt; die Zeit fliegt, und weshalb nicht die fliegende benutzen, noch dazu unter solchem Himmel? Darin sind aber auch die Indianer mit ihren neuen Herren vollkommen einverstanden, und die frommen Väter der protestantischen Mission mögen eifern und predigen so viel sie wollen gegen das Sabbathbrechen der Militärmusik zum Beispiel - geistliche Lieder ausgenommen -, die Franzosen und Indianer nehmen eben geistliche Lieder aus, und sind lästerlicher Weise auch in ihrem Gott vergnügt, während Walzer, Polkas und Märsche von einem tüchtigen Musikchor gespielt werden.
Wir konnten uns jetzt aber nicht so lange hier aufhalten. - An der Kirche der Eingeborenen vorüber, deren Glocke in einem stattlichen Orangenbusch dicht am Strande hing , passierten wir der Missionare Mr. Pritchard's und ich glaube auch Mr. Howe's schon ältere, stattliche Wohngebäude, an denen man recht sehen konnte, wie sauer es den armen Männern geworden sein muß, unter Strapazen und Entbehrungen auf dieser wunderschönen Insel auszuharren, und ließen so die Stadt mit ihren Bananen- und Brodfruchtgärten hinter uns, die einzelnen kleinen indianischen Wohnstellen jetzt betretend. /16/ Dicht am Strand, von hohen Bäumen überragt, aber auf dürrem, steinigem Boden, und mit der Aussicht zwischen den Stämmen und unter dem Laubdach hin nach der reizenden kleinen Insel Motuuta, dem eigentlichen königlichen Stammsitz der Pomares, stand eine der langen gewöhnlichen Bambushütten, in denen größere indianische Familien, zwei und drei zusammen gewöhnlich, ihren Aufenthalt haben - und hier residierte jetzt die Königin der Gesellschaftsinscln - hier wohnte Äimata - von den Pomaren die vierte 1- (Enkelin des ersten Pomare und Schwester des verstorbenen Königs), und als ich mich dem Hause näherte, fühlte ich ordentlich, daß ich classischen Boden betrat.
Es war gegen Abend, und einer der jungen Prinzen saß vor der Tür auf einem Stein und verzehrte seine Brodfrucht und rohen Fisch. Pomare's Tochter, ein junges Mädchen von etwa zwölf Jahren und die Zwillingsschwester des ältesten Sohnes, kam uns entgegen und betrachtete sehr neugierig das Instrument.
Die königliche Familie war gerade beim Souper, und wir lagerten uns indessen draußen unter dem Hofstaat zwischen den Steinen, und einige der Kammerherren und Hoffräulein, die „Einaas" des Mahora von Tahiti, mit Ihro Königl. Hoheit der jungen Prinzeß setzten sich dicht um uns her aus die Steine nieder und verlangten ziemlich bestimmt, die Musik zu hören. Allerdings setzten sie dabei jede Etikette hintan, nach der II. MM. (ich finde, die europäische Verdoppelung der Silben oder Buchstaben hat auch noch außerdem viel /17/ Ähnlichkeit mit dem Tahitischen) doch jedenfalls zuerst mussten etwas vorgespielt bekommen.
Die älteste Prinzeß waren ein wildes kleines Ding, sprangen nach Herzenslust um uns herum, schon im Voraus nach den in Gedanken heraufbeschworenen Tönen tanzend, und kauten indessen mit höchsteigenen Zähnen ein Stück geröstete Brodfrucht (es ist doch etwas Schönes um die Biegsamkeit unserer deutschen Sprache), und die Einaas prüften die Saiten, ließen ihre kleinen niedlichen Finger darüber hinstreichen und freuten sich kindisch, wenn sie das Wiederklingen hörten.
Endlich schien das Souper beendigt, der jüngste Prinz kam wenigstens in die Thür gesprungen, und gab uns ein Zeichen, näher zu treten. Der innere Raum des Hauses war in drei Abteilungen geschieden, entsprach aber sonst in seiner Einfachheit vollkommen den einfachsten Hütten der übrigen Eingeborenen. - Das erste dieser Zimmer - wenn ich Wände von Bambusstäben und den nackten Fußboden eben so nennen darf - schien zur Vorhalle wie zugleich zum Schlafcabinet der Einaas oder Hoffräulein zu dienen, das zweite den Kindern zugeheilt zu sein, und das dritte - das inwendig einfach mit Kattunvorhängen versehen war, um das königliche Paar den Blicken der Untertanen zu entziehen - diente der Königin und ihrem Gemahl zum Aufenthalt. Im zweiten blieben wir einen Augenblick, und der jüngste kleine Bursch, ein Lockenkopf von neun oder zehn Jahren, sprang voran, um uns zu melden; wenige Secunden später standen wir in Gegenwart der Königin. - Pomare saß hier allein auf einer Matte und nähte an einem Kleid - unser Gruß lautete: Joranna, Pomare! - und sie winkte uns freundlich, vor ihr niederzusetzen.
Mein Begleiter nahm dann das Wort und erzählte ihr, ich sei hier zu ihr gekommen, nicht gerade ganz direkt von Deutschland, aber doch von Califoli dem Lande, wo das viele Perù gefunden würde (und sie sah dabei eigentlich zum ersten Mal ordentlich von ihrer Arbeit auf; da ich ihr aber nicht wie Einer vorkommen mochte, der das viele Peru gefunden hätte, fuhr sie wieder zu nähen fort, bis die Rede auf das /18/ Instrument kam), um ihr diese neue deutsche Musik zu zeigen, die sie noch nicht kenne, und er hoffe, daß cs ihr gefallen würde. Ich stand dann auf und reichte ihr das Instrument, damit sie es in der Nähe genau besehen könne. Sie betrachtete es auch aufmerksam, aber mit weit weniger Neugierde, als ich erwartet hatte, und das, was ihr am meisten daran aufzufallen schien, war der oben als Knauf geschnitzte Bärenkopf.
Die Hofherren und Damen klemmten indessen draußen ihre Nase zwischen die Bambusstäbe der Hütte, um zu sehen, was inwendig vorging, und als ich ein paar Accorde auf dem Instrument griff, schienen sie die Bambuswand eindrücken zu wollen. Pomare lächelte, und sich wieder zu meinem Dolmetscher wendend, sagte sie ihm, ich möchte draußen im Freien spielen, daß ihre Leute es ebenfalls hören könnten, sie wolle zu uns hinauskommen.
Natürlich leisteten wir ihrem Wunsch augenblicklich Folge, und ich suchte mir jetzt vor dem Hause einen passenden Stein zum Niedersitzen, während die Schar draußen, die uns schon mit Ungeduld erwartet hatte, sich rasch um uns her lagerte. Die kleine Prinzeß lehnte sich mir höchsteigenarmig auf die Schulter, um ja keinen Ton der „deutschen Musik" zu verlieren, und die Königin setzte sich auf die Schwelle ihres Hauses, mir gerade gegenüber.
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