Er hatte es schließlich eilig und außerdem brauchte er doch so dringend ihre Hilfe!

• ≈ Wie es weiterging ≈ •
„O-Okay, wie du meinst.“ Neda holte tief Luft und griff mit beiden Händen in die lange Mähne. Vorsichtig legte sie ihr Bein über den warmen, glatten Pferderücken und zog sich mit einem Rutsch hinauf. Naseweis setzte sich in Bewegung.
Neda spürte seine weichen, federnden Schritte. Dann begann er zu traben und sie hopste auf und ab und hin und her. Immer weiter im Kreis herum trabte er und wurde immer noch schneller und schneller. Neda klammerte sich fest, so gut sie konnte. Die Papierknäule und Locherkonfettis flogen hoch zu den Seiten auf und verteilten sich im ganzen Raum. So drehten sie Runde um Runde, bis Neda die Kräfte verließen und sie rief:
„Stopp! Naseweis! Bitte halt an, ich kann nicht mehr!“ Da wurde er ganz langsam wieder langsamer und blieb schließlich stehen. Mitten im Raum.
„Zuckerhagel und Windbeutel!“ Neda ließ sich zurück auf den Boden rutschen. Ihre Knie fühlten sich an wie Wackelpudding.
Naseweis hob den Schweif und kreisrunde Pferdeäpfel kullerten zwischen den Papiermüll.
„Oh je“, stöhnte Neda. „Hier können wir nicht bleiben.“ Sie grübelte und grübelte. Naseweis scharrte ungeduldig mit dem Vorderhuf auf dem Teppichboden, bis sich graue Flusen lösten. Dann stand Nedas Plan fest:
„Wir brauchen auf jeden Fall Proviant und den besorgen wir uns gleich in der Küche.“ Ihr Blick fiel auf die bunt gehäkelte Puppendecke, die halb aus einer ihrer Schubladen hing.
„Und die nehmen wir auch noch mit!“
Sie streckte sich, sprang hoch und beim dritten Versuch erwischte sie endlich einen Zipfel der Decke. Zusammen mit der Decke stürzten allerdings auch jede Menge andere Sachen auf sie herab.
„Oh, toll, meine Wasserpistole!“, rief Neda. „Aber, ach nein. Die ist ja viel zu groß.“ Sie konnte das neongelbe Ding kaum anheben. Mitten in dem Wust aus Stofftieren, Prinzessinnenkronen und Feenflügeln fand sie jedoch noch die kleine Steinschleuder, die ihr Vater ihr letztes Jahr aus einer Astgabel und einem Gummiband gebaut hatte.
Na ja, eigentlich hatte er sie mehr für ihre Puppen als für sie gebaut und wer hätte gedacht, dass Neda irgendwann einmal so klein sein würde, dass sie diese selbst benutzen konnte! Das musste sie unbedingt ihrem Vater erzählen, wenn sie ihn im Pfefferland besuchte.
Außerdem entdeckte sie noch einen gelben Puppenrucksack mit rotem Zickzackmuster, vollgestopft mit Windeln für Puppen. Sie leerte den Rucksack, schwang ihn auf ihren Rücken und steckte die Steinschleuder vorne in die große Latztasche ihrer Jeanshose.
„Nur für Notfälle“, versicherte sie dem staunenden Naseweis und warf ihm die bunte Decke über den Rücken. Doch dieser wich erschrocken zur Seite. Die Decke segelte zu Boden und er beäugte sie misstrauisch.
„Na, du bist mir ja einer!“ Neda hob die Decke auf und kletterte über den Holzrahmen bis auf ihr Bett hinauf.
„Naseweis“, flüsterte sie dann. „Komm her ...“ Sie streckte ihre Hand nach ihm aus.
„Ja, ist ja gut, mein kleiner, großer Naseweis.“ Sie ließ ihn an der Decke schnuppern und strich ihm über Hals und Rücken.
„Hier siehst du? Die ist nicht gefährlich. Ich leg sie jetzt auf deinen Rücken, schön stillhalten.“ Naseweis nickte und dieses Mal blieb er wirklich stehen.
„Braver Naseweis“, lobte Neda ihn und kletterte flink hinterher. Sie zeigte zur Zimmertür hinüber, schnalzte mit der Zunge und Naseweis gehorchte aufs Wort.
An der Tür angekommen, stellte sie sich ganz vorsichtig auf seinen Rücken. Mit beiden Händen schaffte sie es, den großen Schlüssel zu drehen und die Klinke zu drücken. Dann trabten sie weiter, den Flur entlang, vorbei an Edis Zimmertür bis in die Küche hinein.
Zum Glück verschluckte der Teppich das Getrappel der Hufe, denn so durfte Edi sie auf keinen Fall sehen! Wie hätte Neda das wieder erklären sollen? Hätte sie vielleicht sagen sollen:
Na ja, also Edi, weißt du, da war dieser Stein und dieser Busch und plötzlich – SCHWUPPS – war ich ganz klein und hatte ein Pferd?
Wahrscheinlich würde er versuchen, dem armen Naseweis alle Beine einzeln auszureißen. So wie er es damals, mit dieser armen Spinne gemacht hatte!
Eilig durchsuchte sie alle Schränke. In den kleinen Rucksack passten gerade mal zwei Scheiben Brot mit Käse und drei Kekse mit Schokostückchen, die sie fest mit beiden Händen packen musste. Jetzt, wo sie so klein war, würde das bestimmt eine ganze Zeit lang reichen.
Außerdem fand sie noch ein Briefchen Streichhölzer in der Besteckschublade und steckte es zu der Schleuder in die Hosentasche.

..•. Los geht` s! .•..
Unten angekommen stürmte Naseweis aus dem Aufzug. Die kleinen Hufe rutschten auf den glatten Fliesen und Neda fluchte leise, als sie Inga entdeckte. Gerade noch rechtzeitig konnte sie Naseweis hinter die Briefkästen lenken.
„Inga!“, zischte sie leise. Inga, ihre verhasste Nachbarin und Babysitterin mit der Stinktierfrisur und den pink lackierten Klauen-Fingernägeln. In die dunklen Haare färbte sie sich immer eine weißblonde Strähne und band sie dann hinten zu einem strengen Zopf zusammen. Das erinnerte Neda an ein Stinktier, was auch nur zu gut zu der dicken Parfümwolke passte, die Inga ständig hinter sich herzog.
Ingas Absätze klackerten laut, als sie an ihnen vorüber stöckelte und im Aufzug verschwand. Eilig huschten sie zur Tür hinaus. Naseweis schnaubte mehrmals kräftig und schüttelte empört die lange Mähne.
„Ja, ich weiß Naseweis, der Gestank ist schrecklich!“, sie klopfte ihm den Hals und rückte den Rucksack zurück auf ihre Schultern.
Die flache Hand über den Augen blinzelte Neda gegen die Sonne und rief:
„Na, dann los, Naseweis! Hier draußen riecht die Luft nach Sommer und nach Abenteuer und ich habe ein eigenes Pferd!“ Sie konnte ihr Glück kaum fassen.
„Schmetterlinge und Blumen will ich seh'n!“ Neda schnalzte mit der Zunge und das schwarze Pferdchen trabte los.
Lange hielten sie sich noch im Schatten der hohen Himbeersträucher und Neda wurde das Gefühl nicht los, dass Naseweis ein ganz bestimmtes Ziel verfolgte. Im Zickzack trabten sie quer durch die halbe Stadt, vorbei an parkenden Autos, über Hinterhöfe, durch Blumenbeete und Ginsterbüsche.
Bis eine breite, mehrspurige Straße ihren Weg kreuzte. Autos hupten, Fußgänger wechselten geschäftig die Seiten und Neda flüsterte: „Was jetzt? Wie kommen wir da rüber, ohne dass uns jemand sieht? So kleine Leute wie uns sperren die sofort in den Zoo oder in einen Hasenkäfig!“
Doch Naseweis schnaubte nur, wieherte und schüttelte die Mähne. Dann trabte er weiter und verschwand samt der staunenden Neda in einem grauen Betonrohr, das versteckt hinter Ranken und Unkraut, direkt unter der Straße hindurchführte. Es wurde dunkel um sie herum und die Luft roch feucht und modrig. Die kleinen Hufe hallten laut in der hohlen Röhre und Neda legte sich ganz flach auf den warmen Pferderücken. Hin und wieder tropfte Wasser von der Decke, direkt in ihren Kragen oder auf ihren Kopf.
„Iiii-brrr, wie ungemütlich das hier ist!“ Neda fror in ihrem kurzärmeligen Shirt und mit den nackten Füßen. Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Aber Naseweis trabte und trabte. Er wusste genau, was er tat.
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