„Oh manno Mammi, du bist eine Wucht“, flüsterte Corinna ergriffen. Sie war vor lauter Staunen zurück in ihre fast vergessene Kindersprache gefallen.
„Jetzt will ich es endlich wissen, wer war dieser sagenhafte Jim? Bei den Gesprächen heute Mittag, sprachen alle die ihn von damals kannten, nur positiv über ihn.“
Dann immer leiser werdend, so dass es bald nur noch ein Flüstern war: „Ist er ein Weißer und ist er mein Dad?“
„Ja, er ist dein Vater und er ist auch ein Weißer, sogar ein Ausländer, ein Deutscher.“
Corinna unterbrach May, in dem sie ihr harsch in das Wort fiel: „Warum sprechen denn dann alle und am meisten DU so gut von ihm? Das ist doch mal wieder typisch für diese Kerle. Typisch für einen Wihty. Zu einem heißen Abenteuer sind die farbigen Girls gut, aber wenn dann ein Baby unterwegs ist verduften sie. Dann sind sie zu feige ihr Verhältnis mit einer Schwarzen zuzugeben.“
May legte dem empörten Mädchen die Hände auf die Schultern und schüttelte sie sanft. Als Corinna ihren Redestrom unterbrechen musste um Luft zu holen, sagte sie mit ruhiger Stimme und mit einem Lächeln: „Jetzt sei mal still. Ich kann deine Aufregung ja gut verstehen. Aber so wie du es jetzt im Augenblick siehst war es nicht.“ Nach einer Pause wiederholte sie versonnen: „Nein so war es wirklich nicht.“
Sie setzt sich auf und lehnt sich mit dem Rücken an einen Felsen: „Komm lege deinen Kopf in meinen Schoß, dann werde dir erzählen und berichten was so alles, bis zu deiner Zeugung, zwischen Jim und mir geschehen ist.“
Corinna die sich ein wenig beruhigt hatte, kuschelt gehorsam den Kopf in den Schoß ihrer Mutter und schaut mit erwartungsvollem Blick zu ihrem Gesicht hinauf
Dem Girl die krausen Locken aus dem Gesicht streichend erwidert May zärtlich diesen Blick. „So wie du jetzt in meinem Schoß liegst, habe ich damals hier an der gleichen Stelle in Jims Schoß gelegen und ihn verliebt angesehen und seinen Worten gelauscht. Wenn du nun mir, mit nur ein wenig Verständnis zuhörst, dann hoffe, nein dann weiß ich, dass du mich verstehen wirst. Wenn ich dir alles gesagt habe wirst du anders über Jim denken und vielleicht kannst du ihn dann auch ein wenig gerne haben. Auch wenn du so gut wie nichts von ihm kennst und ihn noch nie gesehen hast. Doch ehe ich mit meinem Bericht anfange, muss ich dir sagen, dass Jim nichts von deiner Existenz weiß. Er hat nicht die leiseste Ahnung, dass es dich gibt. Ich habe dich mir einfach von ihm gestohlen. Als ich, nach langem Kampfe mit mir selbst, den Entschluss fasste Jim zu verlassen, da wollte ich wenigstens etwas von ihm behalten. Ich wollte etwas haben, was mir keiner abnehmen konnte. Ich wollte eine Erinnerung an unsere Liebe, an die so wunderbare Zeit mit ihm. Der Mann der mir alles Glück dieser Welt geschenkt hatte, sollte auch der Vater meines Kindes sein. Wenn ich ihn selbst nicht behalten konnte, weil es die Umwelt mit ihrem verbohrten Rassenhass nicht zuließ, so hätte ich dann aber ein lebendes Andenken von ihm. Etwas dem ich meine Liebe schenken und welches ich verwöhnen könnte. Ich habe einfach die Pille nicht mehr genommen. Da Jim, völlig ahnungslos war, musste es ja zu einer Empfängnis kommen. Ich glaube, nur ganz selten ist ein Kind in einem so wunderbaren Liebesakt gezeugt worden wie du. All unsere Liebe und mein großer Wunsch von Jim ein Baby zu bekommen, haben dich geschaffen. Ich habe meinen Entschluss nie bereut. Das Glück welches in der gemeinsamen Zeit mit Jim alle unsere Wege zum Guten gelenkt hatte, war mir auch in diesem Falle hold. Ich bekam eine gute Tochter die mir nie Probleme bereitet hat. Du warst und bist mir immer ein Halt und eine Stütze gewesen. Du bist einfach der Sinn meines Lebens und ich liebe dich sehr Corinna.“
Von ihren Gefühlen überwältigt, richtete sich Corinna auf. Legte die Arme um den Hals von May und sagte leise: „Ich habe dich auch sehr lieb Mammi, aber bitte erzähle mir endlich eure Geschichte und befreie mich von meiner Ungewissheit.“
May drückte Corinnas Hände und sagte, mit einem tiefen Ernst in der Stimme: „Du hast Recht, es wird Zeit, dass du endlich die ganze Wahrheit über May und Jim erfährst. Doch ehe ich beginne sollst du wissen, dass ich ihn auch heute noch liebe. Ich habe ihn nie vergessen können. Er war der zärtlichste, zauberhafteste Mann den ich je kennen lernte. Die Zeit mit ihm wird niemals wiederholbar sein. Ich weiß, dass auch er mich noch nicht vergessen hat. Kurz bevor ich ihn verließ, hatten wir vereinbart, dass, wenn wir uns einmal trennen müssten, wir das nachfolgende Ritual durchführen würden: In klaren Vollmondnächten wollten wir dann hinaus gehen und mit all der Sehnsucht unserer Liebe, in den Mond hinein sehen und dabei von dem Anderen zu träumen. Wir glaubten damals, dass unsere Liebe die Kraft haben würde das Bild des geliebten Menschen vor unseren geistigen Augen erstehen zu lassen. Ich habe dies am Anfang immer gemacht, habe dich sogar ein paar Mal, als du ein kleines Baby warst, dabei auf meinen Armen gehalten. Selbst heute noch gehe ich in klaren Vollmondnächten hinaus und immer sehe ich dann sein Gesicht vor mir, so als ob unsere Trennung erst gestern gewesen wäre. Ehe dieses Traumbild dann von meinen Tränen wieder weggewaschen wird, kann ich in Gedanken für eine kurze Zeit bei ihm sein. Ich kann seine liebevolle Stimme hören, die damals einmal zu mir gesagt hatte - May, Ich werde dich immer lieben und ich werde dich niemals vergessen. Wenn auch du mich nach unserer Trennung noch liebst und mich nicht vergisst, dann können wir in unseren Träumen immer zusammen sein.“
Versonnen hing sie einen Augenblick ihren Gedanken nach.
Corinna hätte am liebsten tausend Fragen gestellt, doch sie beherrschte sich und blieb still. Sie wollte ihre Mutter nicht aus ihrem Ausflug in die Vergangenheit in die Wirklichkeit zurückholen.
May löste sich aus ihren Gedanken und dann sagte sie leise: „Ich weiß, dass Jim es genau so macht, und dass er mich auch noch liebt, oder zumindest noch nicht vergessen hat. Mir ist es oft passiert, dass ich urplötzlich ein seltsames Gefühl empfand und mich ganz klar und deutlich an ihn und an die gemeinsam mit ihm erlebten Episoden erinnerte. Ich habe mir dann Literatur besorgt, und mir Auskunft über die Mondphasen eingeholt. Ich fand schnell heraus, dass genau zu den Momenten wo ich diese Empfindungen hatte, drüben in Europa, in Germany Vollmond war. Das kann einfach kein Zufall sein. Nein für mich ist es ganz klar, dass dann Jim dort voller Sehnsucht in den Mond gestarrt und an mich gedacht hatte. Ich weiß, dass er genau wie ich, außer seinen Erinnerungen, auch noch die Fackel der Hoffung in seinem Herzen trägt. Die Hoffnung nämlich, dass wir uns noch einmal wiedersehen. Ich weiß nicht wo und ich weiß nicht wann, aber es wird an einem wunderschönen Ort sein.“
Während May eine Pause machte, nahm Corinna ihre Hand, drückte sie ganz fest und sagte: „Mein Gott Mammi, wie musst du diesen Mann geliebt haben, dass du alle deine wissenschaftlichen Kenntnisse vergisst und zu solch schwärmerischen Gedanken und Tätigkeiten fähig bist. Bitte erzähle weiter, ich will jetzt alles von euch wissen.“
„In Ordnung mein Liebling, aber lass deiner „alten“ Mutter doch ihren Traum und den kleinen Rest von Romantik den sie sich bewahrt hat. Die meisten meiner romantischen Träume und Wünsche, und davon hatte ich viele, haben doch Beruf und Alltag nicht überlebt. Wenn ich auch ab und zu mal in den Mond schaue, werde ich die reale Welt um mich herum nicht vergessen.“
Dann begann May mit dem Bericht über ihr großes Jugenderlebnis. Erst leise und stockend, doch dann mit fester Stimme und in fließendem Stil, begann sie zu erzählen. Während ihre Hände die geliebte Tochter streichelten, ruhte ihr Blick auf den schroffen Felsen und sanften Hängen der Zion Berge, die sich dort im Wechsel vor ihnen aufbauten. Doch die herrlichen Landschaftsbilder verblassten und vor ihren Augen erschien das Bild des Mannes, mit dem sie die größte und schönste Liebe ihres Lebens erlebt hatte.
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