Edwin Miller, ein Farbiger, war ein bekannter Staatsanwalt. Sie hatte ihn bei mehreren Prozessen zum Gegner gehabt. Sie bewunderte die Brillanz seiner Plädoyers und empfand auch außerhalb des Berufslebens Sympathie für ihn. Sie hatten sich ein paar Mal zum Essen verabredet und so war nach und nach mehr aus ihrer Beziehung geworden. Edwin verehrte und liebte sie. Aber er bedrängte sie nicht mit seiner Liebe. Er ließ ihr die Freiheit die sie brauchte. Deshalb hatte diese Beziehung auch schon so lange Bestand. Edwin war nun 52 Jahre alt, er sah gut aus, woran auch das kleine Bäuchlein, welches er seit einiger Zeit hatte, nichts änderte. Er war immer gut und teuer gekleidet und wirkte gepflegt und elegant. Er verfügte über sehr gute Manieren und war ein geistreicher Plauderer. Wenn die beiden ausgingen, dann paarte sich Schönheit mit Eleganz, sie waren ein Paar, nach dem sich die Leute bewundernd umdrehten. Edwin verstand sich auch sehr gut mit Corinna, welche ihn ein wenig anschwärmte. Er hatte May schon mehrere Heiratsanträge gemacht und war dabei von Corinna unterstützt worden, die sich sehr nach einem Vater sehnte. May hatte bis jetzt immer abgelehnt und zu Edwin gesagt: „Warum sollen wir denn unser gewohntes Leben so verändern? Wir verstehen uns gut. Wir sind füreinander da wenn jemand Hilfe braucht und wem nach Alleinsein zumute ist, kann auch dies dem Partner mitteilen. Wenn wir heiraten und immer zusammenhängen, ist bald die Romantik dahin und der Alltagstrott zerstört das Prickelnde des immer neuen Wiedersehens.
Als May wieder einmal einen Antrag von Edwin abgelehnt hatte, sagte die damals 14 jährige Corinna zu dem Enttäuschten: „Sei nicht traurig Edwin, wenn Mama dich nicht will, dann heirate ich dich eben.“
Der hatte das Mädchen um die Taille gefasst, hatte sie hochgehoben und während er sie im Kreis durch die Luft schwenkte sagte er lachend: „Da musst du aber noch viele Sandwiches essen, jetzt bist du mir noch viel zu mager.“
So blieb es bis heute bei dem mehr oder weniger festen Verhältnis. Auch in sexuellen Dingen verstanden sich May und Edwin gut und sie erlebten von Zeit zu Zeit Stunden voll zärtlicher Leidenschaft.
Nun hatten beide nach längerer Zeit wieder einmal das gesamte Wochenende frei und sie hatten sich vorgenommen ab heute, zusammen mit Corinna, irgendetwas zu unternehmen. May hatte auf seine Frage, ob sie nicht etwas gemeinsam planen könnten, gleich erfreut zugestimmt und hatte zu ihm gesagt: „Au fein! Lass dir etwas Einfallen, du weißt ich lasse mich gerne überraschen.“
Sie freute sich sehr auf dieses Wochenende und das hatte vor allem seinen Grund darin, dass Edwin auch Corinna mit in seine Pläne einbezog. Sie liebte ihre Tochter sehr und freute sich über jedes gemeinsame Erlebnis. Sie hatten kein ausgesprochenes Mutter Tochter Verhältnis, sie waren vielmehr wie gute Freundinnen zueinander.
Ein Klopfen an der Tür holte May aus ihren Träumen. Ehe sie antwortete, stellte sie die fast geleerte Tasse ab, setzte sich gerade und schlug die Beine damenhaft übereinander. Auf ihre Aufforderung betrat ihre Sekretärin das Zimmer.
Margret Mitchell, war schon Williams Sekretärin, sie war nun schon bald 40 Jahre in der Kanzlei und gehörte fast zum Inventar. May hatte sie gerne übernommen, denn sie war intelligent, fleißig und kannte den gesamten Betrieb wie keine zweite. Sie war darüber 58 Jahre alt geworden und May fürchtete jetzt schon den Tag an dem sie in Pension gehen würde, denn eine so gute Kraft war fast unersetzbar.
May, glaubte Margret wäre nur gekommen um sich zu verabschieden, doch dann bemerkte sie den ernsten Ausdruck im Gesicht der Frau. Sie sah, dass Margret ein Papier in den Händen hielt.
,,Was ist los Margret, du schaust so ernst und traurig, ist etwas unangenehmes passiert? Du willst mir doch nicht meine gute Stimmung davonjagen?"
Die Angesprochene nickte betrübt: ,,Ja May ich muss dir leider deine gute Stimmung nehmen, denn die Nachricht ist sehr traurig für dich." Sie trat zum Schreibtisch und reichte sie May das Telegrammformular welches sie in der Hand hielt.
Als May es las, füllen sich ihre Augen mit Tränen. „Mom, gute alte Mom“, flüsterte sie und ließ das Schriftstück sinken. Dann las sie sich den Text noch einmal mit leiser Stimme vor:
„Mom ist gestorben - Sie ist vergangene Nacht sanft entschlafen - die Beisetzung erfolgt am kommenden Sonntag - 9:oo Uhr - Fred Hunter“
„Mom, liebe - liebe Mom", flüsterte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Margret versuchte May zu trösten. Sie setzte sich neben sie, legte ihr den Arm um die Schulter und sagte leise: ,,Es tut mir ja so leid für dich, aber einmal musste es ja kommen, sie war doch schon so alt."
,,Du hast ja recht Margret, aber wenn ein Mensch stirbt, den man sehr gerne hat, so ist das immer zu früh. Egal wie alt er schon ist. Mom nimmt sowieso einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Sie hat die schönste Zeit in meinem Leben, als meine Vertraute, miterlebt." Sie trocknete sich ihre Tränen und versuchte ihren Schmerz zu bewältigen. Als sie sich ein wenig gefasst hatte, sagte sie zu ihrer Sekretärin, die sich wieder erhoben hatte und abwartend vor ihr stehen geblieben war: ,,Margret, ich weiß, du willst in deinen verdienten Feierabend gehen, könntest du mir trotzdem noch etwas helfen?"
,,Das ist doch selbstverständlich, was kann ich denn für dich tun?"
,,Besorge mir für morgen Vormittag zwei Flugtickets nach Cedar City und bestelle mir dort einen Leihwagen. Am besten einen Jeep. Den Rückflug kannst du für Montag buchen. Lasse die Tickets auf dem Flugplatz für mich hinterlegen. Rufe mich bitte Zuhause an, wenn du alles erledigt hast, und teile mir die Abflugzeiten mit.“
Dann diktierte sie Margret noch wer von ihren Angestellten ihre Termine am kommenden Montag wahrnehmen sollte.
Während Margret hinaus ging um die erhaltenen Aufträge zu erledigen, brachte May ihr Make Up in Ordnung, ehe sie mit dem Lift hinunter in die Tiefgarage fuhr. Sie stieg in ihren Sportwagen und fädelte sich in den beginnenden Wochenendverkehr ein. Das schöne Wetter mit seinem strahlenden Sonnenschein bemerkte sie gar nicht mehr. In der knappen halben Stunde, die sie brauchte um aus der City hinaus zu kommen, verschleierten immer wieder Tränen ihren Blick. Dann bog sie vom Highway ab und fuhr nach Georgetown hinein. Georgetown war früher eine eigene Stadt und war bedeutend älter als Washington. Doch die immer größer werdende amerikanische Hauptstadt hatte sie längst verschluckt und nun war sie eingemeindet und ein Vorort von Washington geworden. Man hatte die Slums abgerissen und an deren Stelle vornehme Wohnviertel geschaffen. May hatte dort in einer guten Wohnlage ein kleines aber sehr schönes Haus, welches sie zusammen mit Corinna bewohnte.
*
Sicher steuerte May die geschwungene Einfahrt zu ihrem Grundstück hoch. Während sie den Wagen in der Garage einparkte, kam Corinna aus dem Haus und lief ihr entgegen. ,,Hallo Mammi, schön das du schon da bist. Edwin hat gerade angerufen, er ist in etwa einer Stunde hier und holt uns ab. Er will mit uns übers Wochenende hinaus fahren zu seinem Landhaus".
Dann hatte sie May erreicht. Sie erschrak, als sie sah in welchem Gemütszustand sich May befand. ,,Mammi wie siehst du denn aus? Bist du krank? Hast du geweint?", so kamen in schneller Reihenfolge ihre Fragen, als sie das traurige, verweinte Gesicht von May sah.
Die legte den Arm um Corinnas Taille": Komm, wir gehen erst mal in das Haus dann erkläre ich dir alles".
Im Haus angekommen, gingen die Frauen in das Wohnzimmer und setzten sich nebeneinander auf ein Sofa. Dort gab May Corinna das Telegramm. Nachdem das Mädchen es gelesen hat, legt sie ihren Kopf an Mays Schulter und flüstert traurig:" Unsere liebe alte Mom ist tot. Sie wird mir sehr fehlen. Wir haben so schöne Dinge in unseren Urlauben bei ihr erlebt, und nun ist sie nicht mehr da."
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