„Ach, ich sehe, Ihr seid beritten, Seňor - gut denn, vamos. Ihr werdet Euch an meiner Seite halten. Draußen im Freien - Euch die Unannehmlichkeit hier vor den Leuten zu ersparen - bitte ich Euch dann um Euer Messer und Euren Lasso - keine Widerrede, Seňor, ich bin berechtigt, Euch die Waffen abzunehmen und könnte sie gleich hier von Euch fordern."
„Paciencia!" rief in dem Augenblick der alte Gaucho dem einen Packthiere zu, das er kurz vorher erst selber durch einen Peitschenschlag, vielleicht absichtlich, gereizt hatte - „I'aciencia, amigo mio."
Don Diego neigte sich leicht gegen den Officier und sagte lächelnd:
„Ich danke für die Nachsicht; übrigens wäre es blos zu meiner eigenen Bequemlichkeit, wenn ich Messer und Lasso /51/ nicht unterwegs zu tragen brauche, denn unter solcher Bedeckung kann ich mich wohl auf kurze Zelt der Wehr begeben. Draußen also steht Ihnen, was Sie begehren, zu Diensten, Seňor, und ich hoffe nur, daß wir einen raschen und angenehmen Ritt haben, den mich betreffenden Irrthum in San Luis sobald als möglich aufgeklärt zu sehen."
Don Pasquale neigte statt aller Antwort nur den Kopf. Der Correo hatte aber indessen schon begonnen, den Zug anzuführen, obgleich ihn anfänglich die Unterofficiere daran zu verhindern suchten. - Den alten Gaucho als Postillon neben sich, trieb er mit seiner langen, schweren, nur mit einem kurzen hölzernen Stiel versehenen Peitsche die beiden Lastthiere vor sich her, daß sie trotz ihrer schweren Ladung in vollem Galopp die Straße hinabflogen. Was kümmerten ihn die Soldaten, ob sie folgten oder nicht, hatte er doch hier im Orte schon mehr Zeit versäumt, als er gut verantworten konnte, und das nächste Nachtquartier lag manche lange Legua von da entfernt.
Der Officier aber mußte wohl oder übel folgen, und einen derben Fluch über den unabhängigen und zu keiner Disciplin zu zwingenden Correo in den Bart murmelnd, ordnete er mit raschem Commandoruf seine Leute, und sprengte, Josefens Pferd neben sich haltend, mit Don Diego an seiner andern Seite, seiner Schaar voran, die Straße hinab und in die unabsehbaren Pampas hinaus.
VII.
Reihe und Glied hielten die Burschen, die da so wild und fröhlich auf ihren Pferden hingen, allerdings nicht, und erst einmal im „campo" draußen, und der ganze Zug löste sich in einen wilden, ordnungslosen Schwarm auf, der bald rechts, bald links hinaus von den Fährten der Caravanen seinen besten Pfad auf dem weichen Grasboden suchte. Mannszucht aber hatten sie doch genug, bei einem etwaigen Commandoruf wieder rasch in ihre Plätze einzufallen, und plötzliche Ge-/52/fahr war überhaupt nicht in den Pampas zu befürchten, wo der Horizont, so weit wie der des Meeres, einen Ueberblick nach allen Seiten gestattete.
Für das Nahen irgend einer der gefürchteten indianischen Schaaren gab es überhaupt bestimmte Anzeichen, die den Bedrohten Zeit genug gönnten, sich auf einen Angriff vorzubereiten, hätten sie den überhaupt bei ihrer Zahl und Stärke gescheut. Die wilden braunen Horden der Pampas sprengten gewöhnlich in breiten Zügen durch die Steppe, und vor ihnen flohen die Heerden, floh das gescheuchte Wild und wirbelte der Staub in Wolken auf. Auch konnten die Rothhäute nur von Süden herankommen, denn nördlich hinauf in das Land wagten sie sich schon nicht, weil ihnen dann der Rückweg durch die an der Mendozastraße stationirten Truppen leicht abzuschneiden war. So lange die im Süden sichtbaren Heerden noch ruhig und ungeschrcckt weideten, waren die Indianer auch noch fern, und die kleine Caravane konnte ihren Zug ohne besondere Vorsichtsmaßregeln fortsetzen.
Kaum aus der Stadt hinaus, forderte übrigens Don Pasquale seinem Gefangenen, wie er ihm vorher verkündigt, die Waffen ab - Messer und Lasso nämlich, denn eine andere Waffe trug ein Gaucho selten oder nie. Das Messer schob er in den eigenen Gürtel, den Lasso gab er Einem seiner Leute, ihn hinter sich auf den Sattel zu schnallen, und eigentlich wäre die Wegnahme des Lasso allein schon genügend gewesen, den Gefangenen unschädlich und eine Flucht für ihn unmöglich zu machen. Was konnte er in der Steppe ohne Lasso beginnen!
Don Diego dachte aber an nichts weniger als an Flucht, so lange er Josefen noch in der Gewalt des Soldaten wußte. Aengstlich schlug ihm dabei nur das Herz, wenn er der Folgen gedachte, die sein so schlau angelegter und jetzt völlig durchkreuzter Plan mit den Indianern für ihn haben konnte.
Seine Absicht war gewesen, den Correo mit seinem Postillon, die nie mit Bedeckung ritten, in seinen Hinterhalt zu bekommen, ihm die Depeschen abzunehmen und das Geld, das er bei sich führte, den Indianern als Beuteantheil zu lassen. Zu diesem Zweck hatte er heute Morgen das besprochene Zeichen /53/ durch den aufsteigenden Rauch gegeben, und der Verabredung nach sollte Osantos mit Vier oder Fünf seiner Horde an eier ihm genau bezeichneten Stelle - der Furth eines kleinen Flusses die der Correo passiven mußte, im Hinterhalt liegen.
Was aber konnten diese paar Wilden gegen die vortrefflich bewaffneten und eben so gut berittenen Soldaten ausrechten! Sie durften gar nicht einmal einen Angriff wagen, und zogen sich, sowie sie nur den starken Reitertrupp bemerkten, ohne sich zu zeigen, in ihre bahnlose Stcppenwildniß zurück. - Was jedoch dann? - Was wurde aus Josefen? Was aus ihm?
Von Süden herauf kamen zwei einzelne Reiter gesprengt; da sie aber den Trupp in voller Bewegung sahen, und sehr wohl wußten, der Correo würde nicht aus sie warten, hielten sie eine weite Strecke vor, um der Cavalcade weiter oben zu begegnen. Es waren zwei der zurückgebliebenen Soldaten, die ihrem Officicr, als sie herankamen, meldeten, sie hätten in der Steppe Rauch bemerkt und, vorsichtig den Platz rccognoscirend, weiter nichts gefunden, als ein angezündetes Feuer, jedenfalls bestimmt, irgend ein Zeichen für Jemand zu geben. Nur die Spuren eines einzelnen Pferdes seien in der Nähe zu finden gewesen.
Die Thatsache schien allerdings verdächtig; vor der Hand ließ sich aber nichts weiter damit beginnen, als daß Don Pasquale seinen Trupp mehr zusammenzog, eines Angriffes rascher gewärtig zu sein. Es blieb aber mehr als wahrscheinlich, daß irgend ein indianischer Spion seinen entfernter lagernden Kameraden ein Zeichen gegeben hatte, als die Abtheilung Altacruz verließ. Die Stadt wagten sie aber doch nicht anzugreifen, wo sie die Schußwaffen hinter den Wällen fürchteten, und gegen die Lehmmauern nichts mit ihren Lanzen, Bolas und Lassos ausrichten konnten, und dem gut bewaffneten Zuge, der sich schon eine lange Zeit vorher auf ihren Angriff vorbereiten konnte, hätten sie ebenfalls nicht ungestraft, selbst m großer Mehrzahl, nahen dürfen.
Einige Leguas weit hielt sich die Schaar auch, dem Befehl ihres Officiers gehorchend, in ziemlich fester Drdnung, nur eben so weit links oder rechts abbiegend, als es der aus aufgewühlten Viscacho-Löchern 12oder Distel-Dickichten bestehende /54/ Boden gestattete. Je weiter sie aber vorwärts rückten, und je weniger sich sehen ließ, desto weniger aufmerksam und wachsam wurden sie, und bald durchstreiften sie wieder nach Gefallen den weiten Plan, um hier und da holzige Gräser zusammen zu lesen und später ihr Mittagsmahl - das unter der Satteldecke liegende Fleisch - damit zu kochen.
Sie näherten sich jetzt einem jener kleinen Steppenströme, die ihr träges Wasser durch die Pampas theils dem La Pkata zutragen, theils auch in Sümpfen und kleinen Seen verlaufen, um in der trocknen Jahreszeit dort zu verdunsten. Meistentheils haben diese aber schlammige, schwer zu passirende Betten, denn ein Stein ist hier oft auf zwanzig Meilen weit nicht zu finden; Karren und Pferde können deshalb selten da hindurch, wo ihnen die kürzeste Bahn liegt, sondern müssen sich eben eine Furth, die freilich mit der Jahreszeit wechselt, suchen. Mit der Furth verändert sich denn auch die Straße, und in der Nähe solcher Wasser laufen die tief einschneidenden Wagengleise nach allen nur erdenklichen Richtungen aus - eine wirkliche Aufgabe für den Reisenden, die letzten darunter aufzusuchen und danach die Lage der Furth zu bestimmen.
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