Zunächst schien sich durch Ambriels Berührung nichts zu verändern, aber schon kurze Zeit später begann sich - anfangs zwar kaum merklich, doch dann immer deutlicher - die verkohlte Haut des Vampirs aufzuhellen und zu straffen. Die verbrannten Augenlider verheilten und glitten wieder über die grauen, verdorrten Augäpfel, welche nun gleichfalls an Form und Farbe in ihren ursprünglichen Zustand zurückfanden. Ebenso füllten sich die zusammengeschrumpften Lippen und bedeckten wieder die zuvor freigelegten, raubtierartigen Eckzähne. Stück für Stück verwandelte sich auf diese Weise jene entsetzlich entstellte Gestalt, bis sie zu einem zunehmend menschlich anmutenden, sogar wohlgeratenen Körper geworden war.
Noch waren die Augen des Vampirs wie zum Schlaf geschlossen und das faltenlose, feingeschnittene Gesicht entspannt. Seine dunklen, widerspenstigen Haare waren zerzaust und vereinzelte Strähnen hingen ihm wirr über die Stirn. Dann aber beugte sich Ambriel über sein Ohr, um ihn mit beruhigend zugeflüsterten Worten behutsam zu wecken, und schließlich begann der Vampir, sich langsam zu bewegen. Ein benommenes Stöhnen entrang sich seiner Kehle, während er erwachte, und dann, plötzlich, riss er erschrocken die Augen auf, wohl wissend, dass irgendetwas nicht stimmte. Als er daraufhin Ambriels Gesicht unmittelbar über sich erblickte, wollte er hastig aufspringen, um zu fliehen, doch Ambriels Hand hielt ihn sanft zurück.
„Bleib ruhig! Es wird dir nichts geschehen“, sagte er mit leiser, sonorer Stimme, und der Vampir gab seinen Widerstand zögerlich auf.
„Wo bin ich?“, fragte er ebenso leise, während er sich langsam aufsetzte und staunend umschaute. Noch nie zuvor hatte er etwas Vergleichbares gesehen.
„Du bist vor Gericht. Aber sei ohne Sorge! Ich werde für dich sprechen.“
Verwundert betrachtete der Vampir seine bleichen Hände, als seien sie ihm auf einmal eigentümlich fremd. Dann sah er wieder zu Ambriel auf und musterte ihn von oben bis unten.
„Sag mir, wer bist du und vor welchem Gericht befinde ich mich? Es ist so hell hier und doch sind meine Augen nicht geblendet. Ebenso verbrennt meine Haut nicht... Gerade noch ging die Sonne auf und...“
Der Vampir hielt inne und verzog schmerzlich das Gesicht, wobei er abermals ungläubig seine Hände betrachtete.
„Ich bin dein Schutzengel. Und jetzt steh auf. Du stehst vor des Himmels Hohem Gericht, vor dem deine Seele gerichtet wird.“ Ambriel fasste dem Vampir unter den Arm, um ihm aufzuhelfen. Ängstlich blickte sein Schützling sich dabei um und wandte sich schließlich erneut an Ambriel.
„Sag mir, Engel, was wird mit meiner Seele geschehen?“, flüsterte er besorgt, sodass nur Ambriel ihn verstehen konnte.
„Schsch. Wir müssen die Verhandlung abwarten! Sieh, der Richter wird jetzt das Wort ergreifen.“ Ambriel zeigte mit seiner Hand auf das Pult, hinter dem der Engel aufmerksam die wundersame Heilung des Vampirs beobachtet hatte. Mit einem Nicken signalisierte ihm Ambriel, dass er nun bereit war und der Richter gab sein Einverständnis. Doch bevor Ambriel endlich zu sprechen begann, sah er noch einmal zu dem Vampir, der nun in seiner unversehrten Gestalt neben ihm stand. Noch immer ruhte seine Hand auf der Schulter seines Schützlings, und solange sie dort blieb, würde sie ihn vor Schmerz und Furcht bewahren.
„Dies ist mein Schutzbefohlener seit dem Tag, an dem sein Herz im Leib seiner Mutter zu schlagen begonnen hat. Ich kenne seine Seele besser als irgendwer sonst! Ich habe gesehen, wie er geboren wurde, heranwuchs und zu einem Mann heranreifte. Stets war ich schützend an seiner Seite als er seine Welt entdeckte und für sich zu nutzen begann. Ich weiß, welche Einflüsse auf ihn wirkten und wie sie ihn prägten. Ich war auch in jener schicksalshaften Nacht an seiner Seite und musste mit ansehen, wie er zu dem gemacht wurde, was er seither jede Nacht ist: ein Vampir. Und gerade deswegen habe ich keinen einzigen Tag an seiner Seele gezweifelt! Niemals wäre mir in den Sinn gekommen, ihn zu verlassen!“ Ambriel machte eine Pause und warf einen Seitenblick auf Cheriour. Gerade wollte der Richter ihn auffordern, fortzufahren, da sprach er schon weiter.
„Ich weiß, wie mit Seinesgleichen nach ihrem Tod verfahren wird. Selbst die Gründe kann ich nachvollziehen. Aber dennoch denke ich, dass mein Schützling es ebenso verdient hat, dem Hohen Gericht vorgestellt zu werden, wie jede menschliche Seele auch. Es muss doch ein Urteil zu finden sein, das ihm gerecht wird. Zumindest sollte sein Fall Anlass geben, danach zu suchen...“ Ambriel verbeugte sich, ohne dabei die Schulter des Vampirs loszulassen, und schloss mit den Worten: „Dies ist mein Anliegen, Euer Ehren. Und nun ist es an dem Gericht, darüber zu entscheiden.“
Der Richter betrachtete Ambriel schweigend. Dann ließ er seinen Blick zu dem Vampir gleiten, der ihn aus seinen schwarzen Augen erwartungsvoll und nicht ganz ohne Sorge ansah.
„Also gut, Ambriel, der Vampir soll seine Chance bekommen. Du wirst ihn verteidigen. Ob es jedoch ein neuartiges Urteil für ihn geben wird, kann erst im Anschluss abgewogen werden... Wer führt die Anklage?“
Cheriour hob ohne zu zögern seine Hand und der Richter ließ ihn mit einem zustimmenden Nicken hervortreten.
„Bitte, Cheriour! Du darfst beginnen.“
Cheriour ging ein paar Schritte, bis er unmittelbar vor dem Vampir wieder stehen blieb. Abschätzend betrachtete er ihn von oben bis unten, als wolle er einen Makel an ihm suchen. Fast schon herausfordernd hielt der Vampir diesem Blick stand, Ambriels Zuversicht spendende Hand dabei auf der Schulter.
„Nun, Vampir, beginnen wir mit der einfachsten Frage: Wie viele Menschenleben hast du getötet?“
Verunsichert sah der Vampir zu Ambriel herüber, der ihm jedoch mit einem wissenden Nicken bedeutete, ruhig der Wahrheit gemäß zu antworten. Dadurch bestärkt wandte sich der Vampir wieder an Cheriour. Trotzig hob er sein Kinn und sagte schließlich mit fester, überraschend wohlklingender Stimme: „Es werden wohl tausende gewesen sein. Genau kann ich es leider nicht sagen, denn ich habe sie nicht gezählt...“
Laute der Empörung erhoben sich raunend aus der Schar der Engel und Cheriour drehte sich mit einem siegessicheren Lächeln wieder zu dem Richter um.
„Ich denke, ich benötige wohl kaum weitere Fragen, Euer Ehren. So hat der Vampir eben gestanden, allein tausendfach gegen das dritte Gebot verstoßen zu haben.“
Doch noch bevor der Richter das Wort ergreifen konnte, fiel Ambriel ein: „Nein, so kann er nicht befragt werden! Euer Ehren, gestattet, dass ich spreche!“
Erschrockenes Schweigen unter den Versammelten folgte Ambriels Einwand. Selbst der kleinste Laut erstarb.
„Ich bitte Euch!“, setzte Ambriel flehend nach.
Die Augen des Richters bohrten sich in die des Schutzengels, der dem Blick schließlich betreten auswich.
„Also gut, Ambriel, doch treibe es nicht zu weit. Merke dir für das nächste Mal: Du hast erst zu sprechen, wenn das Wort an dich gerichtet wird!“
Ambriel senkte demütig sein Haupt.
„Ich danke Euch vielmals! Doch ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass die Natur des Vampirs nun einmal die ist, sich von Menschenblut zu ernähren. Er hat keine andere Wahl! Kein Mensch würde dem Wolf eine Sünde vorwerfen, wenn er das Lamm reißt.“
Der Richter nickte zustimmend.
„Dem Einspruch wird stattgegeben“, sagte er und wandte sich damit wieder an Cheriour: „Cheriour, bestehen noch weitere Fragen?“
Mit einem nicht zu leugnenden despektierlichen Gesichtsausdruck wandte Cheriour sich abermals an den Vampir.
„Also gut, verallgemeinern wir die Sachlage also! Demnach formulieren wir das Gebot so, dass es fordert, nicht innerhalb der eigenen Art zu töten. Die Menschenleben scheiden damit aus. Wie aber steht es mit anderen Vampiren? Hast du Wesen deiner eigenen Art getötet oder ihren Tod verschuldet, Vampir?“
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