Friedrich Gerstäcker - Nach Amerika! Bd. 1

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Friedrich Gerstäcker wanderte selbst 1837 nach Nordamerika aus und führte ein abenteuerliches Leben. Sein zweibändiges Werk 'Nach Amerika' schildert auf spannende Weise die Erlebnisse der Pioniere in der Wildnis. Kaum einem anderen Autor der Zeit war es möglich, so viele Reisen zu erleben und auf unterhaltsame Weise zu schildern. Gerstäckers Werke wurden für viele Nachfolger in diesem Genre wichtige Quellen – nicht zuletzt auch für Karl May.

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«Spreche kein Wort, h e ? Sagt der Herr? – Prahl da ,wenn er von B e r u f s-geschäften nach Hause kommt’ – spreche kein Wort? – Sitzt in der Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag – im Roten Drachen, und das nennt er Berufsgeschäfte; vertrinkt das Geld, das wir hier zum notwendigsten Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der Himmel geschickt hat, oder mein böses Glück, dem ich auch einen solchen Mann verdanke – daß ich kein Wort spreche und verdrießlich bin. Ich soll wohl t a n z e n, he? – Wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag dasitze und brüte und denke, wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher, wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnügt und lustig sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fühlt in s e i n e n vier Wänden.»

Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die übermäßig angestrengte Luftröhre den Dienst versagte, und der Aktuar Ledermann nahm still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen Seitenschrank, zündete es an der Lampe an und verließ kopfschüttelnd und seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stübchen zurückzuziehen.

Viertes Kapitel

Franz Loßenwerder.

In Heilingen, in der Glockenstraße, stand ein vortreffliches Weinhaus, in dem die wohlhabenderen Bürger abends gewöhnlich zusammenkamen und ihr Fläschchen, aus denen auch oft zwei oder drei wurden, tranken. Das Lokal war ziemlich gemütlich und, dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner Zimmerchen abgeteilt, die teils durch wirkliche Türen und Verschläge, teils durch Vorhände voneinander getrennt lagen, einzelnen Gesellschaften zu gestatten, eben einzeln zu bleiben und ihr Glas, ungestört von dem Nachbar, zu trinken.

Das Haus hieß ‚Der Pechkranz’ nach einer alten Sage, die der Wirt sehr gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem dreißigjährigen Kriege spielte. Ein über der Eingangstür in neuerer Zeit erst aus Stein gehauener Bacchus hielt auch in der einen Hand einen Thyrsusstab 19und in der anderen einen Pechkranz, in höchst wunderlicher Weise Sage und Geschäft miteinander vereinigend. Die Allegorie war aber gar nicht so übel angebracht, und hätte sich auch schon ohne Tilly recht leidlich und genügend erklären lassen, denn Bacchus hatte hier schon in der Tat in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, daß es lichterloh zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten, als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.

Der Wirt war übrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein Rheinländer, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen und durch gute Getränke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig teuer, «aber», sagten die Heilinger, «wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen Groschen dabei ankommen, wenn er nur echt und rein ist», und Wirt und Gäste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem meine Erzählung beginnt, als die Gäste, die den Tag über meist auf Spaziergängen im Freien gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschäftig herüber und hinüber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten sich nach und nach und selbst in dem großen Mittelsaal, der ungefähr das Zentrum des Ganzen bildete, hatten sich schon hier und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne Gäste saßen in irgendeiner Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, um auf eigene Hand, in ungeselliger Gemütlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art, zu einer schönen Landschaft und einer guten Flasche Wein gehören mindestens zwei Personen, um beides recht und ordentlich zu genießen, die eine sich d a r ü b e r, die andere d a b e i auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuß von beiden verloren. Es gibt allerdings Menschen, die sich zufriedener fühlen, wenn sie alles allein genießen können, aber denen geh aus dem Weg; es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen schuldig bist, ist dafür, daß sie sich eben auch von Dir zurückziehen. Nur wer niemand hat, an den er sich anschließen d a r f, wer allein und freundlos in der Welt dasteht und das Leid, das ihn drückt, allein tragen, die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genießen m u ß, den bedaure und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Unglücklichste von allen.

Es mochte neun Uhr abends sein, als ein Bekannter von uns, der Kürschner-meister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich überall umschauend, ob er nicht irgendeinen Freund träfe, zu dem er sich setzen könnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah erst ein paar Sekunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen traute, und sagte dann, auf jenen losgehend und neben dem Tisch stehen bleibend:

«Hallo, L o ß e n w e r d e r , Ihr hier im Pechkranz? Na, da möchte man doch, wie die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter, Mann, und vor einer Flasche Rüdesheimer, nun, das laß ich gelten, und es freut mich wahrhaftig, daß Ihr endlich einmal auftaut und unter Menschen kommt. Aber was ist denn heute los bei Euch? – Denn einen ganz besonderen Grund muß doch d i e Festlichkeit haben!»

«Ha – ha – ha – hat sie auch, He – He – He – Herr Ke – Ke – Ke – Kellmann», sagte der kleine Mann, verlegen lächelnd und sich etwas schüchtern dabei umschauend; denn es schien ihm nicht angenehm, die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so direkt auf sich gelenkt zu sehen.

«Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen», sagte Kellmann, seinen Hut und Stock an einen der nächsten Haken hängend und sich neben ihn setzend, «wenn sie behaupten, Ihr tränkt nur Wasser und Sonntags höchstens einmal ein Glas Dünnbier 20– ich kriege Leibschneiden, wenn ich nur an das Zeug denke – und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem halben Taler auskommen mußtet. Alle Wetter, Mann, das ist recht, daß Ihr Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gönnt; das hält Leib und Seele zusammen, und stärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Würde mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterländischen Wein entbehren müßte!» setzte er mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu.

«Ha – ha – ha – haben Sie a – a – a – auch wohl ni – ni – nicht nö – nö – nö –nö – nötig, be – be – be – bester He – he – he – he - he... »

«Ih nun, wer weiß, was einem noch alles bevorsteht», unterbrach ihn Kellmann, «hier, Kellner – mir auch eine Flasche von dem Rüdesheimer; der Duft hat mir Appetit gemacht.»

«Hallo, Loßenwerder, bei einer Flasche Rüdesheimer!» rief aber jetzt noch eine andere Stimme aus dem nächsten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute bei ihrem Glase zusammensaßen. «Da müssen wir auch dabei sein, Loßenwerder hat vielleicht heute seinen splendigen Tag und traktiert 21– haben Sie ‘was in der Lotterie gewonnen?»

Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder begrüßten, kamen mit ihrer Flasche heraus und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer verlegener werdenden kleinen Mann anstoßend und trinkend. Denen gesellten sich aber noch bald darauf andere zu; Loßenwerder war in der ganzen Stadt bekannt und oft auch, seiner körperlichen Mängel wegen, zum Besten gehalten. Verteidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlaß und Stoff gegeben hätte; so wurde denn diese freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für Gutmütigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig gefallen ließ, und was die schärfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte er unfreiwillig dadurch: daß man es endlich müde wurde, den sich nicht Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden ließ. Aber in des Verwachsenen Betragen änderte das nichts. In nur sehr wenigen Ausnahmen von allen, mit denen er in Berührung kam, abgestoßen und verhöhnt, zog er sich mehr und mehr in sich selbst zurück, ging, außer den nötigen Geschäftswegen und außer der Geschäftszeit, fast nirgends hin und lebte so einfach, ja fast dürftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben n u r Geld ausgibt um zu existieren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch niemand gesehen, und die Gäste dort, die überdies keinen weiteren Zweck hatten als sich zu amüsieren, glaubten das einmal einen Abend mit dem kleinen ,Stotterberg’, wie er spottweis, seines Stotterns und Höckers wegen, genannt wurde, am besten tun zu können.

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