Wellesley zog die Weinflasche zu sich hin, schenkte ein wenig Rotwein in sein Glas und vermischte den Alkohol mit Wasser. “ Ich wünsche Ihnen Erfolg, mutiger Priester - und eine glückliche Rückkehr. Ich werde Sie und de la Romaña ungeduldig erwarten.”
“Sie trinken nicht?”
Arthur schüttelte den Kopf. “Es gab eine Zeit...Priester, ich mag Sie. Sie sind ein beeindruckender Mann - und mutig. Ich respektiere Männer, wie Sie. Doch es dauert lange, bevor ich zutraulich werde. Kommen Sie gesund zurück. Kämpfen Sie mit uns in Spanien. Der Weg nach Paris ist weit und der Gegner ist stark und selbstbewusst.”
“ Kein Feind?”
“ Nein. Nur ein Gegner. Ich hasse die Franzosen nicht. Sie leiden, wie wir unter Bonapartes Joch. Sie verbluten, wie wir auf den Schlachtfeldern und ihre Frauen weinen, wie die unseren, um die Toten. Nein, kein Hass. Hass ist ein schlechter Ratgeber.” Robertson beendete sein Abendessen und verabschiedete sich von Wellesley. Der junge Offizier geleitete ihn bis zu den Stallungen von Richmond Palace. “ Gott schütze Sie, General.”
“ Bis morgen, Dr. Robertson. Um acht Uhr im Foreign Office.” Das schwere Pferd trabte aus dem Innenhof und Arthur schloss das Tor hinter dem Pater. Er ging in den dritten Stock hinauf und zog sich aus. Der Tag war lange und anstrengend gewesen. Er sehnte sich nach ein paar Stunden Schlaf.
Kapitel 2 Die Zweite Front
Eine spanische Abordnung war in London eingetroffen. Die Situation auf der iberischen Halbinsel lief aus dem Ruder. Napoleon Bonaparte hatte erfahren müssen, dass er auch den Nachfolger Karls IV. nicht in seinem Sinne manipulieren konnte. Dieses Mal war kein Manuel Godoy das Problem, sondern die wiedererwachte Beliebtheit des jungen König Ferdinands VII. beim Volke. Obwohl er von Napoleons Gnaden auf den Thron gehoben worden war, bewies er den Spaniern rasch, dass er eigene Entscheidungen traf. Ferdinand wollte die Franzosen aus dem Land werfen. Unter einem Vorwand lockte der Korse den jungen König mit seiner Familie in die französische Stadt Bayonne, an der Grenze zu Spanien. Dort ließ er ihn sofort von Soldaten gefangen nehmen und nach Valençay bringen, dem befestigte Schloss Prinz Talleyrands, seines Außenministers. Am nächsten Tag ließ er dann durch seinen Stadthalter Murat, seinen älteren Bruder Joseph zum König der Spanier ausrufen. Die Absetzung ihres eigenen Königshauses, die heimtückische Gefangennahme des jungen Ferdinand und ein Bonaparte im Escorial waren zu viel für das Volk. Spanien erhob sich. Der Aufstand verwandelte sich schnell in einen blutigen Bürgerkrieg. Neben dem Widerstand in Portugal, war dies das Ereignis, auf das die Regierung Portland gewartet hatte, um General Wellesley den Marschbefehl zu erteilen. Die katholischen Priester hatten schon seit einiger Zeit in ihren geheimen Botschaften an London angekündigt, dass der Volksaufstand bevorstand.
Ende Mai 1808, eine Woche nach dem Eintreffen der spanischen Delegation in England, hatte Pater Robertson seine gesamten Instruktionen für die Mission nach Holstein erhalten und auswendiggelernt. Man befand ihn für einsatzbereit. Oberst Mackenzie würde ihn bis Helgoland begleiten. Robert Canning und Arthur Wellesley waren mit ihrem Spion und seiner brandneuen „Identität“ sehr zufrieden. Das Foreign Office hatte im Geheimen die Dokumente eines vor kurzem verstorbenen Bayern, der in London gelebt und Tabakhandel betrieben hatte aus den Archiven des Register Office entwenden lassen, um Robertson mit einer neuen Identität zu versehen: Adam Rorauer aus Nürnberg.
Mackenzie registrierte Robertson unter seiner neuen Identität als einen in England unerwünschten Fremden, der abgeschoben werden musste, in der Ausländerabteilung des Home Office. Am Geburtstag König Georges III., dem 4.Juni 1808, verließ er dann gemeinsam mit dem britischen Offizier London, um an die Küste zu reiten und von dort mit einem schnellen, kleinen Segelboot unter dänischer Flagge nach Helgoland zu fahren. Arthur war nach Sheerness geritten, um den Priester und Mackenzie zu verabschieden. Der kleine Segler lag an einer versteckten Stelle der Quais, unweit alter, halbverfallender Lagerhäuser, die der Marine gehörten. Schon von weitem hörte der General den dänischen Kapitän laut fluchen.
Günstige Winde brachten Robertson und seinen Begleiter in nur achtundvierzig Stunden nach Helgoland, wo sie dem dortigen englischen Konsul, Nicholas, einen Brief überreichten. Nicholas war nicht nur Diplomat, er war auch einer der besten Agentenführer des britischen Geheimdienstes unter Lord John Russell. Der Konsul stattete den Priester mit den notwendigen Geldmitteln für seine gefährliche Mission aus. Die Instruktionen, die Robertson auswendig lernen musste, gehörten zum konspirativen Brauch. Statt eines Kennwortes, denn der Benediktiner war General de la Romaña unbekannt, lernte er einen Gedichtvers auswendig, von dem Arthur Wellesley wusste, dass der Spanier ihn einmal in Madrid mit dem englischen Botschafter, John Hookham Frere diskutiert hatte. Die Botschaft der britischen Regierung hatte Robertson gleichfalls auswendig gelernt. Dann setzte der Agent, im Schutze der Nacht von Helgoland nach Hamburg über. Ein Schiffer, der einem Hamburger Kaufherren zuarbeitete, der insgeheim ebenfalls mit den Engländern konspirierte, nahm ihn an Bord.
Am Tag nach Robertsons Abfahrt erhielt General Wellesley offiziell das Kommando über ein Expeditionskorps von neuntausend Mann mit dem Bestimmungsort Venezuela. Die Truppen wurden in Cork zusammengestellt. Auch Rowland Hills 90.Infanterie und Freddy Ponsonbys 14.Leichten Husaren war es gelungen sich zu arrangieren, um bereits mit diesem ersten Teil des Feldheers losgeschickt zu werden. Als Arthur die Liste der Offiziere von Hills Regiment durchging, stieß er zu seinem großen Erstaunen auf einen Dr.Lennox, einen Zivilisten von der Universität London, der als Chirurg dieser Einheit gemeldet worden war. Und als Chefarzt für sein gesamtes Expeditionskorps fand er Dr.Hume, einen anderen Zivilisten, der ebenfalls von der Universität London kam und zwei weitere Assistenzärzte, Hale und Freeman. Der gesamte Lehrstuhl des ehrwürdigen Professor McGrigor schien von der Abenteuerlust gepackt worden zu sein. Es war nicht ungewöhnlich, dass Zivilisten in Regimentern als Ärzte dienten, denn die Armee hatte nicht ausreichend Personal in Uniform. Nur die Marine verfügte über einen großen eigenen Sanitätsdienst. Doch dass sich gleich ein ganzer Lehrstuhl auf den Weg in den Krieg machte, war ungewöhnlich. Der General nahm sich vor, ein ernstes Wort mit der 90.Infanterie und mit dem Kriegsminister zu sprechen. Bevor es hierzu kam, streckte General John Moore ihm eine Liste durch die Tür seines Büros im War Office:“ Arthur, ich habe hier fünf Zivilisten unter Professor Sir James McGrigor als Chefarzt als medizinischen Stab zugeteilt bekommen. Das sind lauter waschechte Zivilisten und noch dazu von einem berühmten Lehrstuhl der Universität von London. Hast Du eine Ahnung, was das soll?” Wellesley streckte ihm seine Liste entgegen: “Nicht die geringste Ahnung, mein Freund! Aber ich habe den Rest des Lehrstuhls McGrigor auf meiner Liste stehen. Diese ehrwürdigen und sehr gelehrten Mitglieder der medizinischen Fakultät der Universität London werden geschlossen in Portugal einmarschieren und die Franzosen mit Spritze und Skalpell aus dem Land vertreiben! Was soll’s. Es ist halt ein abenteuerlustiges Völkchen. Aber es sind wirklich phantastische Ärzte. Keine Quacksalber und Knochenbrecher, wie sonst immer.” Moore wollte gerade aus der Tür gehen. “ Übrigens, falls Du Henry Paget vermisst, der kommt mit meinem Nachschub.” Arthur stand auf und schloss die Tür, um ungestört mit Moore zu sprechen. “ Ich weiß, John. Henry hat irgendetwas ausgebrütet, um uns den Rücken freizuhalten. Er muss wohl einen Weg zum steinernen Herzen unseres Oberkommandierenden gefunden haben. Das ist auch der Grund, warum wir so problemlos alle angeforderten Offiziere und Einheiten bekommen haben und Yorks Hofschranzen auf diesen Dokumenten nicht auftauchen. Aber er will mir beim besten Willen nicht verraten, wie er das anstellt. Er hat es sogar irgendwie fertiggebracht, York zu überzeugen, dass Hills, Maitlands und Craufurds Leistungen während des Dänemarkfeldzuges eine Beförderung zum General wert waren. Ich habe hier drei Ernennungsurkunden auf dem Schreibtisch liegen.” Moore legte die Hand auf Arthurs Schulter und lächelte ihn zufrieden an: “Mein Freund, mir ist egal, wie Henry den Alten überredet, solange in Portugal die Burrards, Dalrymples, Erskines und die anderen Halbleichen aus den Horse Guards nicht auftauchen. Und die Nachricht, dass drei gute Männer endlich in den Generalsrang befördert worden sind, lässt mein Herz höher schlagen! Übrigens bekommst Du noch viertausend Mann, die zurzeit auf Gibraltar stehen und wir haben dreitausend Soldaten auf Madeira aufgetrieben, die gleichfalls zu Dir stoßen. Mit sechzehntausend Mann wirst Du Marschall Junot einen ziemlichen Schrecken einjagen.” Wellesley schmunzelte. Dann zog er ein Blatt Papier aus der Tasche. Er hielt es Moore direkt unter die Nase. “Habe ich heute aus Portugal bekommen! Die Blutflecke sind noch ganz frisch.” Englands Agenten in Lissabon war es gelungen, mit Hilfe portugiesischer Widerstandskämpfer einen französischen Kurier in einem Wald bei Coruche abzufangen. Der unglückliche Soldat trug eine verzweifelte Depesche von Junot an Bonaparte bei sich. Interessiert las Sir John, dass der massive, portugiesische Widerstand und die schlechte Versorgungslage für die französische Armee in diesem armen Land den französischen General gezwungen hatte, so gut wie alle Stützpunkte aufzugeben und Truppen zurück nach Spanien zu schicken. Er hielt nur noch zwei Grenzfestungen und die direkte Umgebung von Lissabon. “ Ich reise morgen schon nach Irland ab, John.” Wellesley streckte dem Älteren die Hand entgegen. Moore nahm sie fest in seine beiden Hände. “Gott schütze Dich, mein Freund! Ich weiß, dass Du Junot schlagen wirst. Du hast die besten Infanterietruppen Englands und sie haben unseren erfahrensten General.”
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