Die Konservativen in London und die Regierung Portland fühlten sich nun endlich stark genug um den Spieß mit Frankreich einfach umzudrehen und Bonaparte den Handelskrieg zu erklärt. Whitehall befahl der britischen Kriegsflotte auf den Weltmeeren keine neutralen Schiffe mehr zu respektieren. Die Seeleute enterten und versenkten alles was ihnen vor die Kanonen kam. Die Krone unterzeichnete Kaperbriefe im Dutzend. Die Spannung in Europa stieg täglich. Damit war Napoleon auch bewusst geworden, dass er seinen Feldzug gegen Portugal mit Hilfe eines äußerst wackeligen Alliierten durchgeführt hatte, der in Zukunft ein Sicherheitsrisiko darstellen würde. Frankreich kontrollierte Karl IV. de Bourbon nicht. Der spanische König, war ein kranker Mann. Genauso, wie Englands König Georg wanderte er auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Vernunft. Das Land wurde eigentlich von Manuel de Godoy, dem Prinzen de la Paz regiert. Godoy war der Haushofmeister der spanischen Krone. Der intrigante und von Macht besessene Godoy hatte seinen Weg vom einfachen Soldaten in der königlichen Garde bis zur höchsten Position der Macht im Staate mit Hilfe von Frauen gemacht. Bevor er der Geliebte der Königin geworden war, hatte er sich durch sämtliche Betten der spanischen Grandezza geschlafen. Godoy hatte Korruption zur Staatsreligion erhoben. Alle hassten ihn, doch dank der Zuneigung der Königin und des Wahnsinns von König Karls IV. konnte er sich im Sattel halten. Ihm war es sogar gelungen, einen Keil zwischen den spanischen König und seinen äußerst populären Sohn, den Thronfolger Ferdinand, zu treiben. Der König hatte daraufhin seinen Sohn wegen Hochverrates angeklagt und in Festungshaft nehmen lassen. In Spanien gor der Aufruhr. Das Land befand sich an der Grenze eines offenen Bürgerkrieges. Doch Napoleon konnte kein unkontrolliertes Blutvergießen gebrauchen. Er wollte den französischen Einfluss festigen, seine Macht in Europa konsolidieren und sich dann endlich auf den englischen Feind konzentrieren. Aus diesem Grund beschloss er, Karl IV. durch einen neuen König zu ersetzen, während seine Truppen gleichzeitig einige der spanischen Schlüsselfestungen besetzten. Napoleons erste Wahl um dem wahnsinnigen Karl IV. zu folgen, war sein Sohn, der im Volk sehr populäre Ferdinand de Bourbon. Um den jungen Mann an Frankreich zu binden, bot er ihm die Hand der Tochter Lucien Bonapartes an. Aber die Ehe mit Louise kam nicht zustande. Karl IV. widersetzte sich, unter dem Einfluss von Manuel Godoy, einer Heirat zwischen seinem gefährlichen Sohn und einer Frau aus dem Hause Bonaparte. Er sah hierin eine große Gefahr für seine Krone und für sein eigenes Leben. Und Godoy fürchtete seine Macht würde schwinden, wenn Frankreichs Kaiser in Prinz Ferdinand einen Verbündeten fand. Am 16.Februar 1808 ließ Napoleon entnervt die Maske fallen: Was er mit einer dynastischen Verbindung zwischen Frankreich und Spanien nicht zu schaffen vermochte, eroberte er sich nun mit brutaler Waffengewalt. Die Truppen Frankreichs besetzten im Handstreich alle spanischen Grenzfestungen. Am 29.Februar gelang es General Duhesme mit einer Kriegslist Madrid einzunehmen. Anfang März marschierten dann Murats Truppen in das Land ein, ohne auf bewaffneten Widerstand zu stoßen und verstärkten Junot. Einhundertachtzehntausend Soldaten des französischen Kaisers standen auf spanischem Boden. Die Regierung floh nach Südamerika, das Königshaus und Manuel Godoy verschanzten sich in der Festung von Cádiz. Karl IV. war in seinem eigenen Land so unbeliebt, Godoy so verhasst, dass die spanische Bevölkerung ihren eigenen König im Palast von Aranjuez gefangen nahm, wohin er aus Cádiz geflohen war, als der Aufruhr dort zu gefährlich wurde. Prinz Murat, Napoleons Schwager und sein Staathalter auf der iberischen Halbinsel zog Ende März unter den Jubelschreien der Bevölkerung in die Hauptstadt Madrid ein. Durch den Druck des Volkes und der französischen Armeen musste Karl IV. zugunsten seines Sohnes abdanken. Ferdinand wurde aus seiner Festungshaft befreit und unter dem Schutz Napoleon Bonapartes und seiner Marschälle zu König Ferdinand VII. von Spanien gekrönt. Doch in diesem Akt sahen die stolzen Spanier einen Versuch, ihnen die Freiheit nehmen zu wollen. Ein König von Frankreichs Gnaden schien ihnen plötzlich noch schlechter, als der verrückte Karl und seine Hofschranze Godoy. Napoleons Versuch das Land durch die Absetzung des alten Bourbonen und die Krönung seines Sohnes wieder zu Ruhe zu bringen, hatte genau das Gegenteil bewirkt: Die Spanier waren ein widersprüchliches, stolzes und leidenschaftlich unabhängiges Volk. Frankreichs Einmischung in die Innenpolitik des Landes störte die Granden und die katholische Kirche. Der Aufruhr der zuvor nur gegoren hatte, kam nun wirklich zum Ausbruch. Aus dem spanischen Alliierten, war ein Marionnettenkönig geworden. Ein Bürgerkrieg schien nicht mehr zu vermeiden.
All diese wertvollen Informationen erhielt London tagtäglich von der iberischen Halbinsel. Katholische Priester und Seminaristen irischer Herkunft trafen an den Küsten des Landes verwegene Männer, die auf kleinen schnellen Schiffen zwischen England und dem Kontinent hin- und her segelten um die Nachrichten dieser seltsamen Geheimagenten auf kürzestem Wege nach Whitehall und ins War Office zu bringen. Währenddessen beschäftigte George Canning die englische Presse mit Neuigkeiten über eine zu erwartende, englische Operation in Venezuela. Englands Prämisse sei es, den Tyrannen der Alten Welt - Bonaparte - in der Neuen Welt zu schlagen. Ein Expeditionskorps würde in Venezuela landen und den dortigen Freiheitskämpfern helfen, gegen die spanischen Alliierten Frankreichs zu putschen. Gemeinsam mit General Miranda, dem ehemaligen Stabschef der Konvention und Anführer der Revolte gegen die Bourbonen, würden britische Generalstabsoffiziere unter Sir Arthur Wellesley eine Expedition nach Südamerika vorbereiten. Noch vor Anfang des Sommers 1808 sollten Truppen unter seinem Kommando in die Neue Welt verschifft werden. Niemand im ganzen Land schien sich vor Augen zu führen, wie unglaubwürdig dieser Plan im Grunde war. Um den Schein noch zu verstärken, wurde Arthur vom Kriegsminister und George Canning sogar dazu verpflichtet, sich mit General Miranda regelmäßig in der Öffentlichkeit zu zeigen und im Unterhaus mehrfach zur Notwendigkeit einer Unterstützung der südamerikanischen Revolutionäre gegen ihren spanischen Kolonialherren zu sprechen. Sein irisches Ministerium hatte er zwar immer noch inne, doch die tägliche Arbeitslast hatte er kommissarisch John Wilson Crooker anvertrauen müssen, einem konservativen, irischen Journalisten, der sich durch großes Verhandlungsgeschick auszeichnete und der seit langem schon, in politischer Hinsicht, Arthurs Vertrauen besaß. Crooker hatte ein Jahr lang erfolgreich für die Konservativen im Parlament in Dublin gesessen. Seine Eloquenz, sein wacher Geist, seine Aggressivität und sein Sinn fürs Taktieren hatten schon so manchen Abgeordneten der Whigs so überrascht, dass er aus Versehen für Gesetzesentwürfe der Tories gestimmt hatte.
Hinter verschlossenen Türen bereitete Wellesleys Gruppe bereits seit Jahresanfang die Expedition auf die Pyrenäenhalbinsel vor. Die geheimen Informationen aus Spanien und Portugal liefen alle direkt bei Arthur auf, der sie selbst auswertete und das Wichtigste an die Regierung weiterleitete. Gemeinsam mit John Moore wählte er die Einheiten aus, die an diesem ersten, großen Feldzug gegen Frankreich teilnehmen sollten. Moore bereitete parallel eine sehr hypothetische Expedition nach Schweden vor. Diese Variante war, wie Venezuela, ein Versteckspiel George Cannings mit der englischen Presse und dem französischen Geheimdienst. Dieses zehntausend Mann starke Expeditionskorps sollte Wellesleys Streitmacht verstärken, falls er erfolgreich in Portugal Fuß fassen konnte. Der private, katholische Spionagedienst des Generals war von Kriegsminister inzwischen autorisiert und offizialisiert worden. Pater Jack Robertson befand sich in London, um sich auf seinen ersten Einsatz vorzubereiten. Der Erfolg dieser gefährlichen und waghalsigen Mission würde entscheiden, ob aus Frankreichs spanischem Alliierten ein Verbündeter Englands im Kampf um Europas Freiheit würde: Nach der Krönung Ferdinands VII. von Napoleons Gnaden, beschloss der Korse, dass die alte Maxime der römischen Cäsaren Divide et Impera insbesondere in einem instabilen Land, wie Spanien von großem Nutzen sein konnte. Spaniens zweiter Machtfaktor, neben der Krone, war die Armee und die Generäle des Landes waren gleichzeitig Mitglieder des Hochadels und damit Herrscher über die Provinzen. Um die gefährlichsten dieser Männer auszuschalten, versuchte der Kaiser sie eng an sich zu binden. Die größte Bedrohung ging von General Marquis de la Romaña aus, einem stolzen und unbeugsamen Andalusier, der Ferdinand VII. zutiefst ergeben war und über die besten der spanischen Truppen verfügte. Um den jungen König zu manipulieren, dem aufrührerischen, spanischen Volk einen potentiellen Anführer zu nehmen und den französischen Einfluss im Lande einfacher ausweiten zu können, musste der französische Kaiser, General de la Romaña so weit wie möglich von Madrid entfernen. Prinz Murat gelang es, Ferdinand VII. zu überreden, die neuntausend Mann starke Truppe des Marquis, gemeinsam mit ihrem unbequemen Anführer, als französische Hilfstruppen nach Hamburg und ins Holsteinische zu verschicken. Um dem Spanier jede Möglichkeit zu nehmen, gegen die französische Herrschaft in seinem Heimatland zu konspirieren, ließ Napoleon ein sehr strenges Überwachungssystem über alle Fremden in Norddeutschland einrichten und außerdem de la Romaña mit Spionen und Spitzeln umringen. Was für ein Erfolg wäre es für England in ihrem verzweifelte Kampf gegen den Usurpator, wenn diese Armee und der Marquis für die Sache der Befreiung Spaniens und Portugals gewonnen werden könnten, während sich gleichzeitig der Aufstand wie ein Feuersturm über die Südhälfte des europäischen Kontinents ausbreitete.
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