Arthur hatte Jack Robertson an diesem Maiabend nach Richmond Palace gebeten. Er wollte dem Geistlichen ungestört und unter allergrößter Geheimhaltung eine Gewissensfrage stellen. Die Nacht war bereits über der Stadt hereingebrochen und das große Haus an der Themse war still. Die Bediensteten schliefen und die Familie Richmond befand sich noch in Dublin. Sarah hatte Dienst in ihrem Krankenhaus in Lambeth und Rowland Hill war wieder bei seinem Regiment. Er würde Arthur nach Portugal begleiten und hatte viele Vorbereitungen zu treffen. Und um sich des treuen John Dunn zu entledigen, hatte Wellesley ihm und Witwe Baxter Karten für das beliebte Sadler’s Wells Theater auf der St.Johns Street in Clerkenwell geschenkt. Dort führte man gerade eine lustige Komödie mit Musik von Charles Dibdin auf. Es war das erste Mal, seit dem Tod ihres Mannes, dass Fanny wieder ausging. Sie hatte ihr bestes Musselinekleid angezogen und der alte Sergeant hatte die gute, rote Uniform hervorgeholt. Bevor beide das Haus verließen - John hatte sogar eine Droschke bestellt - flüsterte Arthur seinem Sergeanten ins Ohr. “ Und vergessen Sie nur nicht, Witwe Baxter nach der Vorstellung zu einem guten Essen in ein hübsches Restaurant einzuladen. Sie ist eine ganz feine Frau!” Damit war er wenigstens bis Mitternacht vor Störenfrieden sicher.
Der Offizier saß in Fannys Küche vor einer großen Tasse Kaffee, als es leise an die Hintertür klopfte. “ John Hencock aus Birmingham! Ich bringe die Wäscheknöpfe für Witwe Baxter.” Arthur lächelte. Robertson mochte das Versteckspiel und er selbst fing langsam auch an, Gefallen an dieser großen Scharade zu finden. Er öffnete die Tür und bat den Geistlichen einzutreten. “Guten Abend, Pater Robertson! Danke, dass Sie zu so später Stunde durch ganz London geritten sind, um mich zu treffen. Möchten Sie einen Tasse Kaffee?”
“ Ein etwas gehaltvolleres Getränk wäre mir lieber, junger Freund!” Wellesley stellte dem rundlichen Priester einen großen Steingutkrug mit Fanny Baxters hausgemachtem Apfelwein hin. “ Dr. Robertson, die Zeit drängt und ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden!”
“Ich höre, Sir Arthur!”
Wellesley ging um den Tisch und setzte sich dem Geistlichen gegenüber. Er blickte ihm fest in die Augen: “ Man sagt, Priester, dass Sie ein mutiger Mann sind!”
“ Soll ich es ihnen beweisen, General?”
Arthur schenkte sich Kaffee nach und goss andachtsvoll Milch in die Tasse. “ Genau das ist es, was wir von Ihnen wollen! Würden Sie uns helfen, die spanische Armee für uns zu rekrutieren, die jetzt in Norddeutschland von Bonaparte festgehalten wird? Würden Sie dem Befehlshaber dieser Armee, dem Marquis de la Romaña, einen Vorschlag im Namen der britischen Regierung überbringen?” Robertson hob seinen großen Krug und trank dem General zu. “ Und ob, Sir Arthur! Mit der größten Bereitwilligkeit!”
“ Sie kennen das Risiko, Dr. Robertson?”
“ Es ist nicht größer, als das Ihre, wenn Sie mit Ihren Truppen in Portugal landen werden, mein junger Freund!”
“ Die Franzosen hängen ertappte Spione kurz und hoch!”
“ ...und sie erschießen unsere Admiräle und Generäle auf den Schlachtfeldern! Sir Arthur, wir katholischen Geistlichen fühlen uns immer ein wenig zum Märtyrertum berufen. Das liegt bei uns in der Tradition!”
“ Jack Robertson, ich brauche keinen toten Helden! “, fluchte Wellesley leise.
“ Seien Sie sicher, mein junger Freund, dass ich alles daran setzen werde, heil nach Hause zu kommen. Ich möchte um nichts in der Welt Ihren Ausflug auf die iberische Halbinsel verpassen.” Der Priester amüsierte sich über den Gefühlsausbruch seines Gegenübers. “ Treffen Sie mich morgen früh um acht Uhr im Foreign Office! Ich werde Sie George Canning vorstellen und wir werden Ihnen Ihre Instruktionen erteilen. Sind Sie hungrig, Dr. Robertson? ” Der beleibte Geistliche nickte Arthur erwartungsvoll zu. “ Dann lassen Sie uns den Ort wechseln! Witwe Baxter, die heute Nacht offiziell Ihre Knöpfe aus Birmingham erwartet und die ich inoffiziell mit meinem braven Sergeanten Dunn ins Sadler’s Wells geschickt habe, um ungestört mit Ihnen sprechen zu können, hat uns ein kleines Abendessen hergerichtet.” Wellesley wies Robertson den Weg aus der Küche in den Salon. Der General übernahm es selbst, Robertson zu bedienen: “ Ein Glas Sherry oder Whiskey?”
“Zu einem kleinen Whisky sage ich nicht nein, Sir Arthur! Auf unser schottisches Lebenswasser werde ich in den deutschen Ländern lange verzichten müssen!” Arthur reichte Robertson ein Glas und bot ihm einen Sessel an: “ Das Wässerchen kommt allerdings aus Irland - Bushmills aus dem County Antrim! In diesem Haus ist es sehr schwer, schottischen Whisky durchzusetzen.” Er selbst zog sich einen Stuhl vom Tisch her, drehte ihn mit der Lehne zu Robertson und setzte sich, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt vor den Geistlichen. “Erzählen Sie mir von sich, Dr. Robertson! Sie sind viel in der Welt herumgekommen!” Freundlich lächelte Jack, Arthur Wellesley an und begann zu berichten; von Schottland, von der Benediktinerabtei in Bayern, seinen vielen Reisen durch Deutschland, der Zeit an der Sorbonne und den Tagen der großen Revolution in Frankreich. Der Geistliche saß dem Offizier lang gegenüber und erzählte. Arthur war ein guter und aufmerksamer Zuhörer, der Robertsons Redefluss nicht mit Fragen unterbrach. Und so erfuhr er viel über Portugal und Spanien, die Macht der katholischen Kirche, die katholische Universität in Coimbra und das Land, das schon in wenigen Wochen sein erster, großer europäischer Kriegsschauplatz sein würde. Irgendwann fasste der Geistliche sich an seinen rundlichen Bauch. “Von Erzählen bin ich furchtbar hungrig geworden, Sir Arthur! Außerdem ist dieses Glas vorzüglichen, irischen Lebenswassers ziemlich leer. “
“ Entschuldigen Sie, Dr. Robertson! Ihre Geschichte hat mich so gefesselt, dass ich unser Abendessen ganz vergessen habe. Ich bin ein erbärmlicher Gastgeber!”
“Aber ein sehr angenehmer Zuhörer! Sie sprechen wohl nie über sich selbst, junger Freund? Sie haben in Indien viel erlebt und könnten sicher Bände mit Ihren Abenteuern füllen!” Wellesley schüttelte den Kopf. “ Wenn ich ganz ehrlich bin, es fällt mir schwer, vom Krieg zu erzählen! Und über mich selbst gibt es nur wenig zu berichten: Ich bin Berufsoffizier! Ich habe den größten Teil meines Lebens in der Armee zugebracht! Bevor ich mit siebzehn Jahren den roten Rock anzog, wurde ich in Irland und Frankreich erzogen! Das ist eigentlich schon alles.” Robertson schmunzelte, während er sich ein großes Stück kalten Truthahns auf den Teller legte. “ Sie sind ein ganz sonderbares Produkt unseres Landes! Sie haben den Ruf ein hochmütiger, stolzer und unnahbarer Aristokrat zu sein und bedienen einen einfachen, schottischen Priester selbst oder reiten mitten in der Nacht durch halb Irland, um in einer verräucherten Dorfschenke mit ihm zu sprechen. In Indien haben Sie mehr Männer hängen oder auspeitschen lassen, als alle anderen britischen Generäle zusammen, doch über den Verlustlisten von Assaye sind Sie in Tränen ausgebrochen. Und während des Dänemarkfeldzuges haben Sie sich nicht gescheut, vor Lord Cathcart auf die Knie zu fallen, nur um ein paar dänische Zivilisten vor unseren Kanonen zu retten, die Sie nicht einmal gekannt haben. Sie beugen sich nicht vor dem Altar unseres Herrn und trotzdem riskieren Sie Kopf und Kragen, um für Irlands Katholiken die politische Gleichberechtigung zu erkämpfen!” Arthur griff nach der Whiskeyflasche und schenkte Robertson nach. “Sie sind gut informiert, Dr. Robertson! Und ich schicke unschuldige, friedfertige, katholische Geistliche unbewaffnet in die Höhle des französischen Löwen, tief im Feindesland und ohne Unterstützung! Und das bereitet mir nicht einmal schlaflose Nächte!” Robertson schnitt eine weitere Scheibe kalten Truthahns ab und legte sie auf den Teller des Generals. “Junger Freund, Sie sind ein verdammt schlechter Lügner. Ich bin ein alter Mann und habe mein Leben damit zugebracht, die Menschen zu beobachten. Sie haben ein gutes Herz und wollen es einfach nicht zugeben. Sie sollten nicht so hart mit sich selbst sein. So, und jetzt essen Sie ein wenig von diesem vorzüglichen Truthahn und trinken ein Glas mit mir und dann lasse ich Sie schlafen. Und morgen früh werden wir gemeinsam mit Herrn Canning unsere große Intrige schmieden.”
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