Die Aufregungen des Morgens wurden um einen weiteren Nervenkitzel bereichert, als ein Amerikaner, seinem französischen Kameraden nacheifernd, seine Maschine dermaßen gründlich zertrümmerte, dass es unmöglich schien, er könne die Sache ohne schwerste Verletzungen überlebt haben. Und doch kam er praktisch ungeschoren davon. Anschließend hatten wir das Vergnügen, dabei zuzusehen, wie er, ohne ein Wort Französisch sprechen zu können, mittels des Dolmetschers zu erklären versuchte, wie sich der Unfall ereignet hatte. Auf dem Gesicht seines moniteurs , der kein Englisch sprach, sah ich ein erleichtertes Grinsen, als der Amerikaner unter dem Wrack hervorkroch. Unser Empfangskomitee flüsterte mir zu: "Den da nennen wir 'Pourquoi' und er ist der größte Schreihals, den wir hier haben. Er eröffnet seinen Wortschwall stets mit der Frage 'Pourquoi?' und wenn er dann so richtig loslegt, hört man ihn vom einen Ende des Feldes bis zum anderen. Attendez ! Jetzt wird's lustig!" Die beiden begannen gleichzeitig zu sprechen, der moniteur auf Französisch und der Amerikaner auf Englisch. Nach ihren Wortsalven wandten sie sich dem Dolmetscher zu und einem Betrachter der Szene musste es aus der Entfernung so erscheinen, als sei der Dolmetscher der Schuldige. Der Amerikaner war bei Rückenwind aufgestiegen. Dies stellte für einen Piloten einen ernsthaften Patzer dar und natürlich wusste er das auch.
"Hör' mal, Pete" sagte er, "mach' ihm begreiflich, dass mir klar ist, dass es mein Fehler war. Sag' ihm, ich hätte einen Steve Brodie hingelegt. Ich wollte mal schauen, was man aus dem alten Kuckuck so rausholen kann. Als ich…" [Anm. d. Übers.: Steve Brodie erlangte nationale Berühmtheit, als er 1886 einen Sprung aus 41 Metern Höhe von der New Yorker Brooklyn Bridge in den East River überlebte. Sein Name wurde ein Synonym für tollkühnen Wagemut.]
" Pourquoi? Nom de Dieu! Qu'est-ce que je vous ai dit? Jamais faire comme ça! Jamais monter avec le vent en arrière! Jamais! Jamais! "
Die Umstehenden lauschten in belustigter Stille, während der Dolmetscher erst den einen, dann den anderen anstarrte.
"Sag' ihm, ich hätte einen Steve Brodie hingelegt!"
Ich fragte mich, ob er das wohl wörtlich übersetzen würde. Steve hatte sich zwar auf ein enormes Wagnis eingelassen, aber man kann wohl nicht davon ausgehen, dass die Geschichte dieses unerschrockenen Herrn einem Franzosen geläufig wäre. Dabei fällt mir gerade eine kleine Ansprache ein, die uns ein englischsprechender moniteur zu einem späteren Zeitpunkt hielt, um unser Draufgängertum ein wenig zu bremsen. Es war nach einem recht schweren Unfall, für den erneut der Geist Steve Brodies verantwortlich war. "Bedenkt, eines, ihr Amerikaner" sagte er, "wenn ihr erst einmal an der Front seid, werdet ihr auf die Boches treffen und lasst mich euch eines sagen: sie werden viele von euch töten. Nicht einen oder zwei, sehr viele!"
Die Unfälle behinderten den Flugbetrieb kaum. Sobald eine Maschine zu Bruch gegangen war, erschienen einige Annamiten an der Unfallstelle, um die Wrackteile einzusammeln und sie in die Werkstätten zu schaffen, wo alle noch brauchbaren Teile zügig aussortiert wurden. Einmal folgten wir einer dieser Schrottkarawanen auf ihrem Weg in die Hallen und verbrachten dort eine Stunde damit, die Arbeit dieses Zweiges der Luftfahrt zu beobachten, von dessen Anstrengungen der unsere so vollkommen abhing. Hier wurden unsere Maschinen sowohl gebaut als auch repariert. Die Luft war erfüllt vom Summen der Gerätschaften, dem Dröhnen von Hämmern, die auf Ambosse schlugen und dem Röhren von Motoren, die auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft wurden.
Es gab auch ein kleines Heer von Frauen, die allerlei Arten von Arbeiten verrichteten. Sie entwickelten dabei ein recht beachtliches Geschick, besonders in jener Abteilung, wo der strapazierfähige Leinenstoff, der die Tragflächen bedeckt, verwoben und über die Holzrahmen gespannt wurde. Die großgewachsenen, stämmigen Bäuerinnen konnten auch die schwerste körperliche Arbeit verrichten. In diesen fortgeschrittenen Tagen des großen Weltkrieges ist die weibliche Arbeitskraft wohl in jeden Bereich vorgedrungen, mit Ausnahme des Schützengrabens. Doch so körperlich stark sie auch sein mögen, es ist nicht angenehm, wenn man sieht, wie sie die anstrengende, grobe Arbeit eines Mannes verrichten und schwere Lasten auf ihren Schultern tragen, als seien sie Packpferde. Es muss inzwischen einige unter diesen Frauen geben, deren Muskeln so gestählt und deren Hände so schwielig sind wie die eines Hafenarbeiters. Als wir einige Monate später an eine andere Flugschule (eine der größten in Europa) verlegt wurden, bemerkten wir, dass dort in noch weitaus höherem Maße auf weibliche Arbeitskraft zurückgegriffen wurde. Sie lebten in Baracken, die in keinerlei Hinsicht komfortabler waren als die unseren – tatsächlich waren sie eher noch etwas spartanischer – und doch betrugen sie sich wie alte Soldaten und machten das Beste aus ihrer Lage.
Gegen Abend frischte der Wind auf und der reguläre Flugbetrieb wurde eingestellt. Nun wurden die Pinguine aus ihren Hangars hervorgeholt und Drew und ich (unsere Bekleidung hatten wir zwischenzeitlich auf ein vernünftiges Maß reduziert) begaben uns in Begleitung einiger weiterer Amerikaner auf das Flugfeld, um unseren ersten Ausflug hinter dem Steuerknüppel anzutreten. Wie bei derlei Anlässen üblich, herrschte kein Mangel an guten Ratschlägen. Jeder Absolvent der Pinguin-Klasse hatte seine eigene Methode entwickelt, diesem bockigen Vogel einen geradlinigen Kurs aufzuzwingen und jeder von ihnen ließ uns bereitwillig den Nutzen seiner eigenen Erfahrungen angedeihen. Aus dem Schwall ihrer Empfehlungen kristallisierten sich schließlich ein oder zwei wesentliche Punkte heraus: Zuerst war es wichtig, Vollgas zu geben und das Heck vom Boden hoch zu bekommen. Dann war es zumindest theoretisch möglich, die Maschine durch geschickten Einsatz des Seitenruders auf einer einigermaßen geraden Linie zu halten. Sollte der Pinguin jedoch, wie es für gewöhnlich geschah, ein Eigenleben entwickeln und beginnen, sich um seine Gierachse zu drehen, so musste man den Motor abwürgen, bevor sich die Maschine so schnell drehte, dass sie auf die Seite kippte.
In meinem ganzen Leben habe ich keinen seltsameren Anblick erlebt als den eines Schwarmes Pinguine bei der Arbeit. Sie erschienen mir wie eine Rotte prähistorischer Vögel von immenser Größe, deren verkümmerte Schwingen ihnen das Fliegen verwehrten. Es waren dies in der Tat äußerst behäbige Vögel, die da von den Fluganfängern umhergefahren wurden (obgleich es häufig unklar war, ob nun der Pilot oder die Maschine den Kurs bestimmte) und doch rasten sie mit beachtlicher Geschwindigkeit über den Boden dahin, wobei sie wilde Haken schlugen und umherwirbelten, als jagten sie ihren eigenen Schwänzen nach. Während wir das Treiben beobachteten, ereignete sich ein Unfall, der wohl für einiges Gelächter gesorgt hätte, wären wir nicht zu aufgeregt gewesen, um die Komik zu erkennen. Am fernen Ende des Flugfelds sausten zwei außer Kontrolle geratene Maschinen umher. Sie hätten jede Menge Platz gehabt, einander auszuweichen, aber nach einem kurzen Moment zögerlichen Schlingerns hielten sie wie von der Hand eines argwilligen Schicksals gesteuert direkt aufeinander zu und krachten frontal ineinander, wobei ihre Propeller vollkommen zerfetzt wurden. Die Zuschauer, die das Flugfeld säumten, heulten vor Lachen auf und schlugen einander vor Entzücken auf die Schultern. Drew und ich hingegen sonderten uns vom allgemeinen Trubel ab und wechselten einige letzte hastige Worte, denn wir waren nun an der Reihe. Wir sagten immer wieder die nötigen Schritte zum Steuern eines Pinguins auf: Vollgas und sofort das Heck hoch. Durch den Dolmetscher erklärte unser moniteur sehr sorgfältig, was wir tun sollten und er stieg auf das kleine Einstiegstreppchen, um uns in der Kanzel den Gashebel und den Coupe-contact -Knopf zu zeigen. Dann tat er einen Schritt zurück und rief: " Allez! En route! ", wobei er ein Lächeln aufsetzte, das wohl ermutigend sein sollte.
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