Als wir unsere Papiere auf der Schreibstube des Captains abgegeben und die recht oberflächliche Voruntersuchung des Lagerarztes überstanden hatten, war es bereits dunkel geworden. Der Flugbetrieb war für den Rest des Tages eingestellt und aus den Fenstern der Baracken strahlte einladend der Schein der Lampen. Während wir die Lagerstraße entlang schritten, vernahmen wir die Klänge von " Waiting for the Robert E. Lee ", die mit Instrumentalbegleitung von einem Grammophon aus dem chambre des Américains drangen:
" See them shuffle along,
Oh, ma honey babe,
Hear that music and song. "
Wir fühlten uns sofort in die Heimat versetzt. Franzosen und Amerikaner sangen gemeinsam, die Franzosen in sehr drolligem Englisch, aber sie trafen die Synkopen so sicher, als hätten sie sie ebenso mit der Muttermilch eingesogen wie wir Amerikaner.
In einem entlegenen Winkel hielten zwei Grüppchen eine improvisierte Unterrichtsstunde in französischer und englischer Aussprache ab. Anscheinend standen für die heutige Sitzung Zungenbrecher auf dem Lehrplan. Die von den Franzosen gestellte Aufgabe lautete " heureux " und unter den zahlreichen mehr oder minder desaströsen Nachahmungen der Amerikaner kam " uruu " der Sache noch am nächsten. Ein Amerikaner, dem aufgefallen war, welche Schwierigkeiten es den Franzosen bereitet, die Zunge zwischen die Zähne zu stecken, konterte mit dem Satz " Father, you are withered with age. " Wie zu erwarten gewesen war, resultierten die Bemühungen der Franzosen in einer Kakophonie von Zischlauten, welche bei den Amerikanern auf belustigtes Hohngelächter stießen. Wo immer sich eine Sitzgelegenheit bot, hatten sich kleine Gruppen von zwei oder drei Burschen niedergelassen, die sich in einem französisch-englischen Mischmasch miteinander verständigten, der wohl sämtliche verstorbenen Sprachwissenschaftler in ihren Gräbern rotieren ließ. All diese frühabendliche Heiterkeit verströmte jenen Geist herzlicher Kameradschaft, welcher meines Wissens bei jedem Aufeinandertreffen von Franzosen und Amerikanern spürbar ist.
Für gewöhnlich versammelten sich zur Abendessenszeit sämtliche élève-pilotes der Schule, mit Ausnahme der Unteroffiziere, die ihr eigenes Kasino haben. Unerfahrenen Neuankömmlingen aus dem fernen Amerika wie Drew und mir bot sich hier ein faszinierender Anblick. Insgesamt tummelten sich im Speisesaal etwa 125 Flugschüler, darunter 18 Amerikaner. Die überwiegende Mehrheit der Franzosen hatte zuvor bereits in einer anderen Waffengattung an der Front gedient. Wir sahen ehemalige Artilleristen, Infanteristen, Marinesoldaten (die für den Dienst in den Luftstreitkräften der Marine ausgebildet wurden) sowie Kavalleristen und sie alle trugen die Uniformen ihrer alten Waffengattungen. Kein einziger trug Kleidung, die ihn als einen Piloten ausgewiesen hätte und als wir uns danach erkundigten, erfuhren wir, dass das Fliegerkorps über keine eigene Uniformierung verfügte. Während seiner Ausbildung und selbst nach Erhalt seines Militärranges trägt ein Pilot weiterhin seine alte Uniform, lediglich ergänzt um die Flügel am Kragen und das Abzeichen mit Stern und Flügeln auf der rechten Brust. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass unsere Piloten nicht den schneidigen, uniformen Anblick der Männer des britischen Royal Flying Corps bieten, aber unser farbenfrohes Erscheinungsbild hat seinen ganz eigenen Charme. Wie wir später erfuhren, folgen die Amerikaner dabei ihrem individuellen Geschmack. Diejenigen mit einer Vorliebe für auffällige Farben begrüßten jeden neuen Tag in den roten Hosen und der schwarzen Bluse eines Artilleristen. Andere bevorzugten gedecktere Farben, wie die verschiedenen Blautöne einiger französischer Uniformen, mit dem dünnen, orangefarbenen Streifen des Fliegerkorps, der den Hosensaum entlanglief. All dies bezieht sich natürlich auf die Ausgehuniform. Im Lager tragen die meisten Männer Leder oder eine Kombination aus Leder und der graublauen Uniform des französischen poilu , die an alle Amerikaner bei ihrer Musterung ausgegeben wird.
Unser ausgezeichnetes Abendmahl bestand aus Suppe und einem saftigen Bratenstück mit Kartoffelpüree und Linsen. Anschließend wurden Käse und Bier aufgefahren. Mir wurde etwas mulmig zumute, als ich erfuhr, dass unser Braten aus Pferdefleisch bestand, aber Drew überzeugte mich, dass es kindisch sei, sich von anerzogenen Skrupeln den Appetit verderben zu lassen. Im Jahre 1870 stürzten sich die Bewohner von Paris begierig auf ragoût de chat . Zudem war der Braten dermaßen schmackhaft und einem erlesenen Rindersteak so ähnlich, dass es einem nicht schwerfiel, sich einzureden, es handele sich tatsächlich um Rindfleisch.
Nach der Mahlzeit begannen zu unserer großen Überraschung alle, ihr Essgeschirr mit riesigen Brotstücken auszuwischen. In einem Land, dessen Küsten bereits seit drei Jahren von feindlichen U-Booten belagert wurden, erschien uns diese Art von Verschwendung geradezu kriminell, zumal es für die Erzeugung seiner Nahrungsmittel inzwischen größtenteils auf die Feldarbeit von Frauen und Kindern angewiesen war. Es hätte uns nicht einmal verblüfft, dass die Amerikaner sich zu dieser verdammenswerten Art der Geschirreinigung herabließen, aber die Franzosen taten es ebenfalls. Als ich einen meiner amerikanischen Kameraden darauf ansprach, meldete sich ein mir gegenübersitzender Franzose zu Wort: "Pardon, Monsieur, aber ich muss Ihnen etwas über uns Franzosen erklären. Wir sind sehr sparsam, wenn es unsere Familien und unser eigenes Geld betrifft. Wenn aber die Regierung die Kosten trägt, sorgen wir uns nicht mehr darum. Wir müssen die Dinge nicht bezahlen, also verschwenden wir sie und werfen sie beim geringsten Anlass fort. Unser ganzes Leben lang sparen wir für unsere Familien so gut es nur geht, also bereitet uns diese Zeit der Verschwendung großes Vergnügen." Seitdem wurde mir diese Einstellung von so vielen Franzosen bestätigt, dass ich nicht umhin kann, sie für wahr zu halten.
Nach dem Abendessen begaben sich die Amerikaner für eine Tasse Kaffee zu Ciret's , einem kleinen Café in dem Dörfchen, das in der Nähe des Lagers zwischen den Hügeln schlummert. Das Café glich den tausenden weiteren provinziellen Gaststätten in Frankreich. Es bestand aus einem großen, etwas schäbigen Raum mit einem sandbestreuten Backsteinboden und verblassten Papiergirlanden in den Nationalfarben, die in seltsamen Mustern von der rauchgeschwärzten Decke hingen. Die Küche war reinlich es entströmte ihr der verführerische Duft gekonnt zubereiteter Speisen. Dem Speisesaal schloss sich ein Innenraum an und M. Ciret, der beleibte, liebenswürdige patron versicherte uns, er sei " toujours réservé à mes Américains ." In ihm versammelten wir uns um einen großen, runden Tisch, zündeten unsere Pfeifen und Zigaretten an und während die anderen sich unterhielten, lauschten Drew und ich ihren Worten und sogen all die Eindrücke in uns auf.
Eine Zeit lang blieb die Unterhaltung auf kleinere Grüppchen beschränkt und von allen Seiten wurde hin und wieder eine Bemerkung eingestreut. Dann wandte sich das Gespräch den Gründen zu, die die Mitglieder unserer Gruppe zum Aufbruch nach Frankreich veranlasst hatten. Dieses Thema war für Drew und mich besonders interessant. Während ich zuhörte, gewann ich den Eindruck, als glichen wir Amerikaner den Briten sehr in unserer Furcht, unsere zarteren Gefühlsregungen preiszugeben. Wir werden wohl niemals lernen, unsere eigenen Emotionen offen und ehrlich zu ergründen. Wenn die lieblichen Seiten des menschlichen Wesens den Impuls für unsere Handlungen geben, so sind wir peinlich darauf bedacht, dass dies niemand erfahren möge. Und so geschah es auch, dass alle erdenklichen Gründe vorgebracht wurden, die uns dazu bewogen hatten, Frankreich Waffenhilfe zu leisten, außer dem wichtigsten und edelsten. Selbst als er schließlich doch eingestanden wurde, geschah dies mit beinahe beschämter Zurückhaltung. Es gab an diesem Tische keinen einzigen Mann, der nicht bereit gewesen wäre, nötigenfalls für die Sache der Entente zu sterben, da dieser Sache unsere leidenschaftliche Liebe galt, aber jeder von uns hätte sich wohl eher vierteilen lassen, als dies laut zu äußern.
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