Raban hat Recht. Der große schwarze Vogel wandert in der kurzen Zeit mehrfach auf dem Tischchen hin und her. Einmal musste er sich sogar durch ein schnelles Flügelschlagen davor retten, hinunterzustürzen, als er über den Rand hinaus kommt.
»Ja, also. Großmutter weckte mich, wobei mir ihre Stimme gehetzt oder keuchend vorkam: »Solveig ist tot«, war ihre kurze Nachricht. Da sie mich gerade geweckt hatte, benötigte ich einen kurzen Moment, um ihre Nachricht richtig zu verstehen. Ich fragte sie also, ob ich richtig gehört hätte, worauf sie erwiderte: »Solveig … ist … tot.« Das klang fast so, als ob sie einem schwachsinnigen Küken etwas erklären müsste. In den Zwischenräumen der drei Worte meinte ich ein Keuchen zu vernehmen, so, als hätte sich Großmutter körperlich stark anstrengen müssen.«
»Und da hast du sie gefragt, wie und warum Solveig gestorben ist?«, ergänzt Raban seinen Freund.
»Genau. Ich bekam als Antwort noch ein komisches Geräusch übertragen. Es hörte sich nach einem Röcheln an. Danach war es still, grausam still!«
»Vielleicht muss sich Elfrun auf etwas anderes konzentrieren, weshalb sie die Verbindung zu dir blockiert. Der Grund ihrer Kontaktaufnahme ist ja erfüllt. Du weißt jetzt, dass Solveig gestorben ist. – Versuche doch erneut, einen Kontakt mit ihr herzustellen«, fordert Raban den aufgeregten Vogel auf.
»Ja. Gute Idee. Das mache ich.« Der Kolkrabe bleibt sofort stehen und klappt seine Augendeckel zu.
»Vermutlich kann er sich so besser konzentrieren«, denkt der Junge, als er auch schon Röiven krächzen hört:
»Das klappt aber nur, wenn du mir nicht dazwischen funkst. Also versuche jetzt möglichst nicht zu denken!«
Raban versucht, sich auf Nichts zu konzentrieren, was gar nicht so einfach ist. Er hatte doch glatt für einen Moment vergessen, dass der Rabe und er sich durch Gedanken verständigen können.
Es dauert nicht lange, dann öffnet Röiven seine Augen, während er schon wieder hin und her stakst.
»Ich bekomme keinen Kontakt zu Großmutter. Da ist bestimmt etwas passiert. Vielleicht …? Gibt es doch noch Dubharan? Wenn diese dunklen Magier im geheimen Wald eingedrungen sind, können sie Solveig getötet haben. Dann ist Großmutter sicher auch schon ermordet worden. – Ja, das ist es. Sie ist TOT!« Abrupt bleibt der Kolkrabe stehen und lässt traurig seinen Kopf hängen. Zwei dicke Tränen laufen über seinen Schnabel und tropfen von dessen Spitze herunter.
»Röiven«, versucht Raban seinen Freund zu beruhigen, während er ihm vorsichtig über den Rücken streicht. »Das muss nicht passiert sein. Soweit wir wissen, gibt es keine Dubharan mehr. Baran war im letzten Jahr der einzige dunkle Magier, der Fithich und Elfen bedrohte. Aber der ist zu Stein geworden. Und Baran hatte seine Zauberkräfte von einem Fithich, deinem Vetter Grimur erhalten. Andere Zauber gibt es doch nicht mehr. Na ja, außer mir, will ich sagen.«
Der Rabe legt seinen Kopf schräg und schaut den Jungen nachdenklich an.
»Glaubst du? Aber Nachfahren der Dubharan könnten doch einen anderen Raben überlistet haben, Zauberkräfte übertragen zu bekommen.«
»Aber dafür gibt es keinen Hinweis.«
»Nein, den gibt es nicht. Aber wie sollten wir einen derartigen Hinweis bekommen?«
»Richtig. Das ist das Problem. Das würde sicher nicht in der Zeitung bekannt gegeben werden oder im Radio oder Fernsehen. Hm.«
»Es ist aber auch egal, ob es möglicherweise eine Bedrohung durch Nachfahren der Dubharan gibt. Wir müssen sofort in den geheimen Wald. Falls es dort einen Angriff gab, werde ich die Eindringlinge vernichten. – Ich werde sie…«
»Ruhig, mein Freund. Kann Zoe denn alleine die Eier wärmen?«
»Wir werden sicher nicht lange fort sein. Notfalls kann sie das Brüten einige Tage alleine schaffen.«
Raban steht mittlerweile schon vor dem Bett.
»Ich ziehe mich an und dann begleite ich dich.«
So geschieht es. Raban hat sich schnell angekleidet und den Haselstab in seine rechte Hand genommen. Dann tritt er nach einem kurzen Zögern zu seinem Schreibtisch und entnimmt einer Schublade einen schmalen, bronzenen Armreif, auf dem ein Sonnensymbol zu erkennen ist.
»Den sollte ich besser mitnehmen«, sagt er und schließt ihn um sein linkes Handgelenk. Raban verspürt den vertrauten Wärmeimpuls, den der Armreif abgibt, wenn er von seinem zugeordneten Auserwählten angelegt wird. Falls es notwendig werden sollte, werden die Zauberkräfte des Jungen durch den Reif um ein Vielfaches verstärkt. Da er nicht weiß, was sie im geheimen Wald erwartet, ist das eine kluge Vorsichtsmaßnahme.
Raban streckt den linken Arm aus. Sobald sein gefiederter Freund darauf gelandet ist, flirrt die Luft.
Das Zimmer ist verlassen.
Raban blickt jetzt in den ihm bekannten, hellen Laubwald. An den Bäumen sind hellgrüne Blätter des Frühjahrs zu sehen. Der Waldboden ist übersät mit Buschwindröschen und Leberblümchen.
Erwartungsvoll aber auch etwas ängstlich schweifen seine Augen umher, ob er einen der Wächter entdecken kann.
Ist hier etwas geschehen, was die Wachen vertrieben oder, schlimmer noch, getötet hat? Der Junge ist besorgt und überlegt, ob Röiven mit seiner Vermutung Recht haben könnte. Aber wenn es hier einen Überfall gegeben hätte, müssten doch Spuren zu erkennen sein!
In diesem Moment lässt ihn ein Rascheln aufschrecken und herumfahren.
Fünf grün gekleidete, junge, schlanke Elfen treten aus ihrer Deckung hervor. Sie tragen langes, hellblondes Haar und machen strenge Gesichter. Auf ihren Bogensehnen liegen vorsorglich Pfeile, die aber nicht auf den Jungen oder den Vogel gerichtet sind.
»Ich grüße euch, Raban und Röiven. Ihr seid hier wie immer willkommen!«, spricht der Mittlere von ihnen sie an.
»Ich grüße euch«, antwortet der Junge.
»Gab es hier einen Überfall durch die Dubharan?«, will der Rabe knarzend wissen.
»Überfall?« und »Dubharan?«, klingen die erstaunten Antworten. »Nein. Hier ist alles ruhig. Aber Solveig, die Oberste von uns Elfen hier im geheimen Wald, ist heute Nacht gestorben«, ist die traurige Stimme von einem der Elfen zu vernehmen.
»Das tut uns leid«, bekräftigen die beiden Ankömmlinge ihre Anteilnahme.
»Deshalb sind wir unter anderem auch gekommen. Elfrun hat uns informiert«, fügt Raban hinzu.
»Wisst ihr, wie es meiner Großmutter geht?«, fragt der Rabe aufgeregt.
»Das wissen wir nicht. Sie bereitet vermutlich die Bestattung von Solveig vor. Sie waren sehr befreundet.«
Der Vogel bedankt sich kurz, dann flirrt die Luft.
Die beiden stehen jetzt unter der Linde, wo sie sich im letzten Sommer oft mit Elfrun getroffen und beraten haben.
Doch der Baum steht verlassen.
Es ist wie immer angenehm warm im geheimen Wald, wie an einem sonnigen Frühlingstag. Trotzdem scheint der Rabe zu frösteln. Er schüttelt sich und blickt zur Elfenfestung Serengard hinüber, die von hier aus gut zu sehen ist.
»Dorthin!«, bestätigt der Junge die unausgesprochene Frage seines Freundes.
Sofort flirrt die Luft wieder, und sie stehen in einem kleinen Vorraum vor einer Tür, die mit Runen verziert ist. Raban klopft an. Als die entsprechende Aufforderung von innen erklingt, öffnet der Junge die Tür und tritt ein. Sie befinden sich jetzt in der Bibliothek, in der sie oft mit Solveig gesprochen haben. Der Rabe hüstelt und knarzt leise:
»Ich grüße dich Solveig, du Oberste der Elfen.«
»Was soll das denn? Solveig ist doch tot!«, flüstert der Junge erstaunt.
Bevor Röiven aber eine Antwort geben kann, erklingt eine Stimme von dort, wo Solveig am liebsten ihre Zeit in einem der Sessel vor dem Kamin verbracht hat.
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