Als die dicht gedrängte Menge der Ostfalen vor dem König versammelt stand, gebot ein weiterer Hörnerruf absolute Stille. Der neue Bischof Ägilulf trat vor seine Herde und sprach ihnen auf sächsisch die Taufformel:
„Entsagt ihr alle dem Teufelswerk? Dann ruft gemeinsam Ek gelobo!“
„Das war kläglich, noch einmal, und so nach jeder Frage!“
„Ek gelobo!“
Zufrieden nickte der Bischof.
„Und Thunaer, Wuotan, Saxnot und allen sonstigen Unholden?“
„Ek gelobo!“
Das klang nun schon wie Donnerhall. Die noch unfertigen Neuchristen lernten mächtig schnell ihrem frisch gebackenen Bischof zu gehorchen.
„Gelobt ihr euch dem allmächtigen Gott, dem Vater, seinem Sohn und dem Heiligen Geist?“ „Ek gelobo!“
„Gut, nun tretet zurück, formt eine Schlange und marschiert an eurem König vorbei. Ihr werdet vor seinen Augen das Sakrament, die Heilige Taufe empfangen!“
Die Menschenkette kroch herbei und bückte sich unter das neue Schwert des Königs, das mit dem mit dem Rubin am Knauf. Das war zuvor vom Erzbischof von Toulon christlich getauft worden. Nun hielt Angilbert es drohend über die vorbeimarschierenden Sachsen gereckt. Um manches tiefer beugten sie ihre Häupter und nahmen danach den Guss kalten Paderwassers entgegen, der ihnen übers Haupt geschüttet wurde. In dieser juristischen Sekunde mutierten sie zu Christen.
Die am Hofe weilende Geistlichkeit, vom Erzbischof bis zum letzten Lehramtsanwärter, schuftete bis in den frühen Abend im Akkord. Gelegentlich gab es für die im Weinberg des Herrn Fronenden eine Erholungspause. So schnell und so viel des benötigten Wassers konnten die Knechte und Sklaven nicht vom Paderloch heraufschaffen. War es da, mussten erst noch die heidnischen Wassergeister der Sachsen vernichtet werden. Eine langwierige und umständliche Prozedur. Lange Passagen, vom ehrwürdigen und ältesten der Erzbischöfe, dem Greis aus Reims in Latein gemurmelt, reinigten das Wasser und machten es verwendungsfähig. Dann erst ging das Fließbandtaufen weiter. Selten hat des HERRN Bodenpersonal dem himmlischen Stellvertreter auf Erden in einem Arbeitsgang so viele Schäfchen zugetrieben.
Als alle in den Schoss der Mutter Kirche gelangt waren, wurden sie erneut zusammengetrieben. Dicht gedrängt hörten sie Bischof Ägilulf zu, der sich im lokalen Dialekt erst jetzt zu Recht als ihr neuer Hirte vorstellte. Er verlas ihnen des Königs Befehle zur Gründung und Bebauung von Paderborn. Die Bauten zu bezahlen, und die ihnen dabei auferlegten Fronarbeiten nahmen sie schweigend hin. Ebenso den befohlenen Bau des Klosters Buranon. Es schien keinem geraten, an diesem Tage etwas von demokratischer Mitbestimmung zu murmeln.
Vae victis – es dauerte dennoch weitere 25 Jahre, bis die sturen Sachsen ihre Lektion erlernt hatten.
Den Abschluss des Reichstages bildete traditionell die Musterung des Heerbannes. In diesem einen einzigen der 45 Regierungsjahre der Herrschaft König Karls folgte kein Feldzug. So wie gestern die zu Taufenden, so marschierten heute die Gewappneten über den Vorhof, vorbei an ihrem König und seinen Fürsten, Grafen und Baronen. Ein buntes Bild der Feldzeichen und Schild-Bemalungen benannte dem Kundigen die Einheit. Aufmerksam und mit scharfen Augen wurden die Krieger kontrolliert, deren Haltung und der Zustand ihrer Waffen. Neben dem Kanzler saßen seine Schreiber und notierten Sünder, Versager und rostige Wehr, so wie Karl oder sein Feldmarschall Bernhard, im Nebenberuf Bischof zu Trier, es ihnen zu murmelten. Die jeweiligen Kommandeure einer Tausendschaft erhielten später vom Militär-Kommandeur ihre Tadel zur Weitergabe an die betroffenen Hundertschaften.
Am Abend wurden die Krieger in ihre Heimat entlassen. Am nächsten Morgen folgten ihnen die Trupps der Adligen und Bischöfe. Karl eilte mit seinem Hofstaat nach Aachen. Die Mauren zogen mit der Gewissheit, ihren Auftrag voll erfüllt zu haben, in Richtung Zaragoza.
In den letzten Paderborner Tagen erteilte Abdallah zweien seiner Unteroffiziere den Auftrag, die Sklavinnen, die Karren und Zugtiere zu verkaufen, und dafür neue Reittiere für die Murabitun und Aida einzuhandeln. Ergänzend dazu sollten sie drei als Tragtiere ausgebildete Maulesel beschaffen. Das gelang in den beiden überbordenden Lagern der Franken und der Gaukler über Erwarten gut. Der Erlös lag doppelt so hoch, als er in Zaragoza zu erzielen gewesen wäre. Darum ging es eigentlich nicht. Abdallah beabsichtigte nur, die Rückreise in der halben Dauer zu schaffen, solange das Wetter dem Ritt noch freundlich blieb. Dazu gab es in dieser frühen Sommerzeit gar keinen logischen Grund. Der war in seinem Gemüt verborgen. Seit seiner desaströsen Begegnung mit dem baskischen Wettergott Mikelatz vor drei Jahren saß eine Wetterphobie in seinem Kopf. Nach Maurenart sollte heimgeritten werden, in Form der Reitergruppe, und im Stil der schnellen Razzia. Nie wieder Handelskarawane! schwor er sich. Seine Kameraden dachten ebenso. Und wenn sich Aida wund reiten sollte, hätte das in seinen Augen zwei prächtige Folgen. Er durfte nun diesen zarten Po rechtmäßig eigenhändig behandeln, und im Bett musste sich der schmerzende Zustand jener Region förderlich auf ihr „Entgegenkommen“ auswirken. Wie sich dann auf dem Ritt herausstellte, war das gar nicht nötig. Aida, rettungslos und kätzchenhaft verliebt, erfüllte im Bett weit mehr Wünsche, als ihr Herr sich je erhofft.
Die offizielle Abschiedsaudienz für Abdallah verlief kurz und bündig, eingebettet in die Verabschiedung vieler Herren des fränkischen Hochadels. Der König versicherte ihm nochmals, dass er im kommenden Sommer garantiert mit der Ankunft eines „beachtenswerten“ fränkischen Hilfskorps in Zaragoza rechnen dürfe. Er gab Order für eine kleine, gut berittene Eskorte, und gewährte der Gesandtschaft dadurch die sichere und schnelle Heimreise. Was er nicht aufdeckte, war deren anderer Auftrag: Abdallah und seine Truppe intensiv zu überwachen, deren unverzügliches Verschwinden aus dem Frankenreich sicherzustellen, und möglichst viel Spionage-Informationen bei den Mauren einzuholen.
Es gab noch eine wilde Nacht der Abschiede. Ein letztes Mal wurde den Mauren die Höchstleistung abverlangt. Abdallah traf es am schlimmsten. Prinzessin Lioba kannte Tricks, von denen er noch nie erfahren. Ein ums andere Mal richtete sie den Streikenden wieder auf. Der Morgen graute schon. Zu guter Letzt setzte sie ihr entzückendes Mäulchen ein. Ihre schlangenhafte Zunge rang ihm den achten, und zum Schluss, nach einem längeren Richtverfahren, noch einen neunten Durchgang ab, ehe sie ihm tränenden Auges ebenfalls die Abreise gestattete.
Des Königs Eskorte stand in der frühen Morgensonne abmarschbereit. Die Murabitun der Mauren saßen auf ihren Maultieren, und hielten die gesattelten edlen Rösser ihrer Chassas für diese bereit. Nacheinander fanden auch die sich ein. Als letzter schließlich Abdallah. Auf schwachen Beinen wankte er zum Pferd. Mühsam erklomm er seinen rassigen Araberhengst. Mehr hing er im Sattel, den er schwerfällig erobert, als er ritt. Er dankte Allah aus voller Brust dafür, dass er dem Königshof mit den gierigen fränkischen Sexhyänen entkommen war. Seine Kumpane nicht minder. Mit den Zelten, dem Reiseproviant und dem Gepäck auf einigen Tragtieren trabten sie in Doppelreihe nach Süden. Sie schafften es nicht weit. Gegen Mittag, gleich bei der ersten Rast, einige Kilometer hinter den Salzkotten im Wald war Schluss. Zwei der Chassas lagen im Tiefschlafkoma. Abdallah ließ sich hintenüber fallen und schloss sich ihnen an. Bald schnarchten die Mauren unter den schattigen Baumkronen im Gras. Zum ersten Male bewies die Eskorte ihren Nutzen. Sie wachten und versorgten die Tiere.
König Karl hatte sich die Eskorte ausgedacht, Roland und Angilbert sie aus des Königs Leibwache zusammengestellt. Das Ergebnis durfte bewundert werden! Sechs bewährte Krieger hatten sie ausgesucht. Die sechs stammten aus den verschiedenen südlichen Regionen des Reiches. Drei waren Franken, drei Westgoten. Stets hatte einer von ihnen Ortskenntnisse. Immer sprach einer den lokalen Dialekt oder zumindest die örtliche Umgangssprache. Durch die germanischen Murabitun konnten auch Abdallah und die anderen Mauren mit ihnen kommunizieren. Die Gesandtschaft hätte nicht in besseren Händen sein können.
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