„Nein, aber, du liebe Zeit“, antwortete er und schnaufte tief durch, „ich glaube, ich bin noch nie in meinem ganzen Leben, so erschrocken! Der Kerl hat mich tatsächlich geschlagen“, japste er ungläubig und hielt sich eine Hand an die brennende Wange. Amanoue blickte mit weit geöffneten Augen auf ihn hinab und plötzlich hoben sich seine Mundwinkel zu einem verstohlenen Grinsen.
„Oh ja“, sagte er nickend und fuhr ihm zart über die gerötete Stelle. Beide sahen sich tief in die Augen, Henry strich ihm eine Haarsträhne hinters Ohr und wie von selbst fanden sich ihre Lippen zu einem sehr zärtlichen Kuss.
„Ich denke, dass bleibt besser unter uns, hm?“, meinte er dann und setzte sich auf. „Und, du liederliches Flittchen, kommst du mit einem verkommenen Strolch wie mir, zurück zum Lager?“, fragte er neckend und Amanoue nickte leicht.
„Ist wohl besser“, antwortete er mit schräg geneigtem Kopf und deutete auf das zerknüllte Hemd. „Das solltest du lieber wieder ansie`en, du Strolsch“, sagte er lächelnd und es klang so liebevoll, dass es Henry spontan die Tränen in die Augen trieb. Nickend wandte er sich ab und zog sich rasch das mit Grasflecken übersäte Hemd über den Kopf. Tief durchschnaufend, auch um sich wieder zu fassen, stand er auf und reichte ihm die rechte Hand.
„Komm“, raunte er noch etwas belegt, Amanoue dabei hochziehend und beide stopften sie sich ihre Hemden wieder in die Hosen. Schmunzelnd machten sie sich auf den Rückweg und dieses Mal ergriff Amanoue, ohne ihn anzusehen, Henrys Hand.
„Wieso denken die eigentlisch immer alle, dass isch eine Mädschen bin“, fragte er nach einer Weile. „Man sieht doch, dass isch eine Junge bin! Isch `abe doch gar keine Brüste, oder sind die alle blind?“, meinte er gereizt, woraufhin sich Henry amüsiert räusperte.
„Zum Glück, hast du keine Brüste“, betonte er und sah ihn schief an. „Und, naja, er hat dich nur von hinten gesehen und mit deinem langen Zopf und deiner zierlichen Figur, wirkst du schon sehr mädchenhaft“, sagte er und grinste achselzuckend. Beide blieben stehen und noch bevor Amanoue etwas erwidern konnte, zog Henry ihn wieder in eine zärtliche Umarmung. „Ich liebe dich, genauso, wie du bist“, flüsterte er ergriffen und Amanoue schluckte verlegen. Ohne zu antworten schälte er sich aus Henrys Arme und so setzten sie schweigend ihren Weg zurück ins Lager fort.
***
Falco marschierte ihnen bereits entgegen, als sie den Feldweg entlangkamen und salutierte schon von weitem. „Gott sei es gedankt!“, rief er erleichtert aus, „Eure Majestät! Wir haben uns schon die größten Sorgen gemacht!“
Henry sah ihn schief an und spazierte einfach an ihm vorbei. „Hauptmann, was könnte mir hier schon geschehen? Wir sind mitten in Austrien, also regt Euch ab“, meinte er nur, Falco machte auf dem Tritt kehrt und hatte ihn mit wenigen Schritten wieder eingeholt.
„Eure Majestät, verzeiht mir, sind zu leichtsinnig! Es könnten Strauchdiebe im Dickicht lauern und Euch überfallen! Und außerdem, war ein völlig außer sich geratener Mann hier, ein Forstaufseher dieser Grafschaft, und der hat sich über einen unserer Soldaten beschwert, der es angeblich mit irgend so einem Zigeunerflittchen am Waldrand getrieben haben soll! Na den, wenn ich erwische“, schimpfte er empört, „der wird seine Strafe bekommen, das garantiere ich Eurer Majestät! So etwas, dulde ich nicht, bei den königlichen Trup…pen“, ereiferte er sich weiter, doch dann sah er sie dermaßen entsetzt an, dass beide zwangsläufig verlegen grinsten. Noch immer hielten sie sich an den Händen und Falco ließ seinen Blick über sie schweifen. Über Henrys zerwühltes Haar, ihre mit Grasflecken übersäten Hemden und zuletzt über ihre verschwitzten Gesichter. „Eu- Eure, Majestät“, war alles, was er noch herausbekam, bevor er sich erschrocken eine Hand vor den Mund schlug.
„Hauptmann?“ Henry hob fragend die Augenbrauen, „ich weiß nicht, was Ihr meint, aber ich kann Euch beruhigen, was die Tugendhaftigkeit der Truppen angeht, es handelte sich ganz gewiss nicht um einen von Euren Soldaten“, meinte er, verlegen zu Boden sehend. Zwangsläufig stahl sich erneut ein Grinsen in sein Gesicht und irgendwie kam er sich so vor, wie ein Kind, das man beim Stehlen in Nachbars Garten erwischt hatte.
„Eure Majestät, ich, oh ich, bitte vergebt mir meinen harschen Tonfall, von vorhin“, stotterte Falco hilflos herum und verzweifelt die Hände hebend, bevor er sich tief verbeugte.
„Ist schon gut, Hauptmann“, beruhigte ihn Henry schmunzelnd. „Ihr konntet es ja nicht ahnen und ich finde es sehr lobenswert, dass Ihr bei meiner Garde für Zucht und Ordnung sorgt. Tja, welche Strafe hattet Ihr denn für so einen Strolch vorgesehen?“, fragte er höchst amüsiert, was Amanoue ein leises Kichern entlockte.
„Eure Majestät, ich bitte nochmals untertänigst um Vergebung, wenn ich gewusst hätte, dass Ihr… Oh Gott!“ Falco wandte sich kurz entsetzt ab und sah dann seinen König regelrecht flehend an. „Das ist es, was ich meinte, Eure Majestät, als ich Euch warnte, allein spazieren zu gehen. Was für ein Leichtsinn! Wenn man Euch nun, etwas angetan hätte!“, ereiferte er sich erneut.
„Seid unbesorgt, Hauptmann, der gute Mann, hat mir zwar eine geknallt, dass mir jetzt noch das Ohr dröhnt, aber ich hatte einen hervorragenden Leibwächter dabei“, grinste Henry ihn an und blickte zärtlich auf Amanoue hinab. „Mein Kätzchen war doch bei mir und hat sich auf den dreisten Kerl gestürzt, wie ein Löwe! Seid versichert, diese Begegnung wird der Arme sicher nicht so schnell vergessen“, meinte er achselzuckend und Falco entkam unwillkürlich ein Schnauben.
„Das war nicht zu übersehen, sein Gesicht war völlig zerkratzt“, raunte er, Amanoue einen vorwurfsvollen Blick zuwerfend, woraufhin der unschuldig die Schultern hob und sich leise räusperte. Doch als er sah, dass Falco sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, grinste er breit.
„Dem, `abe isch es geseigt!“, sagte er mit einem stolzen Nicken und Henry lachte kurz auf.
„Oh ja, mein Kätzchen! Und ehrlich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich nun doch fassungslos“, sagte er dazu und wirkte wirklich so. „Du hast den Kerl tatsächlich umgerissen! Und ich bin mir fast sicher, dass er nicht die geringste Chance gehabt hätte, wenn du ein Messer gehabt hättest!“ Zwangsläufig schüttelte er sich bei dem Gedanken daran, auch weil er nun wieder das Bild vor Augen hatte, wie Amanoue sich einst auf Prinz Baijan gestürzt hatte, um dem die Kehle durchzuschneiden.
„Wisst Ihr nischd mehr, was isch Eusch versprochen `abe, `err?“, erwiderte der völlig ruhig und gelassen, „dass isch jeden töten würde, der Eusch etwas antun möschte?“, meinte er so ernstgemeint, dass sich Henry wieder unbehaglich schüttelte.
„Überlass das lieber meinen Wachen, ja? Du bist mir lieber, wenn du mein sanftes Kätzchen bist und kein wilder Löwe“, entgegnete er schluckend, doch dann strich er ihm sehr liebevoll über die Wange. „Danke, trotzdem“, raunte er zärtlich auf Amanoue hinab und der quittierte es mit seinem unwiderstehlich süßen Lächeln.
Falco unterbrach ihr Süßholzraspeln mit einem verhaltenen Räuspern. „Der Mann hat Eure Majestät tatsächlich geschlagen?“, fragte er, jetzt wieder voll der besorgte Hauptmann und sein König wandte sich ihm wieder nickend zu.
„Er stand auf einem Male wie aus dem Nichts vor uns und ehe ich mich versah, hatte er auch schon zugeschlagen! Aber sicher nur mit den besten Absichten, dieses arme Ding davor zu bewahren, der Sünde zu verfallen“, meinte er grinsend. Dabei strich er Amanoue erneut sehr zärtlich über die Wange, was Falco jedoch ignorierte.
„Soll ich einen Trupp Soldaten hinter ihm herschicken und ihn gefangen nehmen lassen, Eure Majestät?“, fragte er energisch.
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