Jede Modewelle ruft zahlreiche Nachahmer auf den Plan, das ist in allen Branchen so, der Buchmarkt bildet keine Ausnahme. Von einem Roman, noch dazu einem Jugendroman, über Vampire würden die meisten Ihnen im Jahr 2011 abraten. Zu viele Autoren tummeln sich, zum Teil schon seit Jahren, in diesem Feld. Doch womöglich bleiben die Blutsauger ähnliche Dauerbrenner wie Regionalkrimis, die so etwa Anfang der nuller Jahre über uns hereinbrachen und einfach nicht mehr weggehen.
Misstrauen Sie allen Experten, die Ihnen weismachen wollen, sie wüssten, was morgen ist. Wenn die Zukunft bekannt wäre, dann hieße sie Gegenwart, und schon dort streitet man sich über das, was gerade in ist.
Sollten Sie jedoch partout auf den Modezug springen wollen, beachten Sie Folgendes: Je später Sie eine Mode aufgreifen, desto neuer und einzigartiger sollte Ihr Ansatz sein. Kann man zu Anfang der Mode noch eine billige Kopie auf dem Markt unterbringen, fordern die Leser zunehmend ausgefallenere Ideen.
Allerdings – und womöglich gut für Sie – hat jedes Genre auch seine Fans, die immer nur das eine wollen: more of the same. Dabei müssen die Ideen so ausgefallen gar nicht sein. Oft genügt es schon, Bekanntes miteinander zu verbinden, um etwas Neues zu schaffen. Oder kennen Sie einen Regionalkrimi mit Vampiren?
Ein Indikator dafür, welche Moden ihren Zenit schon überschritten haben, sind Parodien: Wenn bereits mehrere Parodien zu den die Moden begründeten Romanen in den Buchläden liegen, ist die beste Zeit für einen Me-Too-Roman bereits vorbei. Recherchieren Sie doch mal, wie viele Parodien allein zu Harry Potter und Stephenie Meyers Twilight-Romanen erschienen sind.
Ein weiterer Indikator für den Höhepunkt des Booms und oft auch für sein Ende sind Kinofilme. Zu der Hysterie über die Filme der » Twilight «-Saga gab es bis dahin nichts Vergleichbares.
Noch ein Indikator sind Spin-Offs, auch in anderen Medien, wenn also Videogames mit Harry Potter oder neue Romane erscheinen, in denen Charaktere, Schauplätze oder Motive aus dem ursprünglichen Erfolgsroman die Hauptrolle spielen.
Spätestens, wenn Sie sich mit Ihrem Manuskript an einen Agenten oder einen Verlag wenden, sollten Sie die aktuellen Modeströmungen kennen. Das gilt insbesondere dann, wenn Sie einen Genre-Roman geschrieben haben. Die » Twilight «-Romane etwa haben ein eigenes Genre begründet: Teenagervampire.
Wenn Sie einem Verlag in den Jahren nach dem großen Erfolg einen Jugendroman über Vampire anbieten, wird Ihr Roman mit » Twilight « verglichen, ob Sie das wollen oder nicht. Sie können sich vorstellen, dass ein Vergleich Ihres Erstlings mit einem weltweiten Megaseller eher ungerecht und wenig hoffnungsvoll für Sie ausfallen wird.
Sehen Sie die Seite des Verlags: Ihre Lektorin wird sich von ihrer Chefin, vom Marketing, von der Presseabteilung, vom Vertrieb, von den Vertretern und von den Buchhändlern fragen lassen müssen, wie in Dreiteufelsnamen man denn noch einen weiteren Vampir-Roman positionieren und verkaufen solle.
Wenn Ihr Roman hingegen etwas (tatsächlich) Einzigartiges hätte, sähe die Sache womöglich anders aus. Dann rennen Sie womöglich offene Türen ein. Schließlich hat die Buchhändlerin ein ganzes Regal und einen großen Tisch speziell für Vampirbücher eingerichtet. Und die wollen gefüllt und beladen werden.
Grassiert die Mode noch eine Weile, mögen Sie mit Ihrer Vampirromanze sogar einen kleinen Erfolg haben. Womöglich ist mancher Verlag dankbar, nach dem Motto: Da weiß man, was man hat. Dann mag es sogar weniger risikoreich sein, auf das Bewährte zu setzen. Die Chance, groß abzuräumen, haben Sie jedoch eher nicht. Leider kann Ihnen niemand sagen, wann die Modewelle bricht. Das Risiko tragen Sie.
Denken Sie daran, wenn Sie mit Konzipieren und Schreiben Ihres Romans beginnen, dass zwischen dem ersten Satz, den Sie schreiben und der Veröffentlichung des Buchs mindestens zwei, eher aber drei oder noch mehr Jahre liegen werden. (Lediglich bei Kinder- und Jugendbüchern und Auftragsarbeiten geht es schneller.) Wenn der Markt heute schon gesättigt ist, was wird dann erst in drei Jahren sein?
Eine zumindest ungefähre Kenntnis von Markt und Moden ist außerdem unverzichtbar für Ihre Glaubwürdigkeit als professionell auftretender Autor. Und Sie sollten wissen, worauf Sie sich einlassen, wenn Sie Ihren Beitrag zur Mode leisten.
Und jetzt ran an die Tasten, schreiben Sie etwas Bahnbrechendes. Schlechte Kopien gibt es schon genug.
Was ist eine Prämisse und welche ist die richtige für Sie?
Drum prüfe, wer sich einen Roman lang bindet
Eine Leserin meines Blogs schriftzeit.de, dreieinhalb Fragen:
Was mache ich, wenn mir zu meiner Idee mehrere Prämissen einfallen?
Wie viele davon verfolge ich? Wohl doch nur eine?
Wie finde ich heraus, welches die richtige ist?
Zunächst einmal: Was ist eine Prämisse?
Wikipedia erklärt den uneinheitlich gebrauchten Begriff wie folgt:
Die Prämisse (v. lat.: praemissum = das Vorausgeschickte) fasst in knapper Form die Verwandlung zusammen, die eine Romanfigur im Laufe der Handlung durchmacht. Sie enthält Ausgangspunkt, Konflikt und Lösung der Figur in einem kurzen Satz.
Sie dient dem Schriftsteller als Werkzeug, um die Handlung der Geschichte auf das Wesentliche zu beschränken, indem sie der Entwicklung einer Figur ein klares Ziel gibt. Darüber hinaus lässt sich bei der Überarbeitung des Textes anhand der Prämisse überprüfen, ob die jeweilige Szene diesem Ziel dienlich und somit unverzichtbar ist.
Klar abgrenzen sollte man die Prämisse zur Moral von der Geschicht’ und zum Thema eines Romans. Letzteres bezeichnet, worum es in einem Roman wirklich geht.
Beispiel:
In Stephen Kings Roman » Es « wäre ein zentrales Thema lebenslange Freundschaft. Das Thema an der Oberfläche aber ist der Kampf einer Gruppe von Männern und Frauen gegen ein Monster, das unter anderem in der genialen Verkleidung des Clowns Pennywise auftritt.
Die Prämisse von » Es « könnte lauten:
Echte Freundschaft führt zum Triumph über ein Monster.«
Hier drin steckt, nach obiger Definition von Wikipedia
* als Ausgangspunkt: die Freundschaft;
* als Konflikt: der Kampf gegen das Monster; und
* als Lösung: der Triumph über das Monster.
Man kann noch tiefer gehen und fragen, wofür das Monster steht. King macht es uns einfach, indem er das Monster sich von Furcht ernähren lässt. Eine tiefergehende Prämisse lautet also:
»Echte Freundschaft führt zum Triumph über die schlimmsten Ängste.«
In vielen Schreibratgebern wird gerne behauptet, ein Roman müsse exakt eine Prämisse haben und diese könne und müsse der Autor von vornherein in einem Satz festmachen. Diese Aussage vereinfacht sehr stark.
In manchen Fällen ist diese Vorgehensweise nützlich, etwa in der oben geschilderten Aufgabe der Prämisse, eine Szene mittels der Prämisse auf ihre Verzichtbarkeit zu überprüfen. In vielen Fällen ist die starke Vereinfachung jedoch falsch.
Tatsächlich kann ein Roman eine ganze Reihe von Prämissen haben und beweisen. In Romanen, die mehrere Helden ins Rennen schicken oder die Handlung aus mehreren Perspektiven schildern, kann und sollte jeder Erzählstrang seine eigene Prämisse besitzen.
Doch selbst damit hat man noch nicht alle Prämissen erfasst.
Ein Roman kann die Geschichte mehrerer Helden mit eigener Prämisse erzählen – und bei jedem Helden mehrere Geschichten. Manche nennen das die Layer oder Erzählebenen. Jede Ebene kann wiederum eine eigene Prämisse haben.
Beispiel:
Der Roman von Mikael Niemi, » Populärmusik aus Vittula «, erzählt von zwei Hauptfiguren: vom Ich-Erzähler und von seinem Freund Niila.
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