Wenn ein kranker Mann zum Arzt geht, um von einem Fieber geheilt zu werden, gibt sein Arzt ihm vielleicht den Rat, kein Fleisch zu essen. Kommt derselbe Mann später wieder zu seinem Arzt, weil er an Blutarmut leidet, rät ihm der Arzt vielleicht dieses Mal, Fleisch zu essen. Wenn der Mann den Rat seines Arztes ignoriert, weil dieser widersprüchliche Heilmethoden verschrieben hat, wird er nicht gesund. Ein Arzt verordnet verschiedene Heilmittel für verschiedene Krankheiten. In der gleichen Weise gab Buddha verschiedene Unterweisungen für verschiedene Leiden. Kein einziges Mittel ist überflüssig oder unnötig. Zu unserem eigenen Wohl müssen wir jede einzelne der unterschiedlichen Unterweisungen zu verschiedenen Zeiten anwenden. Und wenn wir anderen helfen wollen, deren Situation und Erfahrungen sich von unseren eigenen unterscheiden, müssen wir alle Methoden kennen und wissen, wann und wie sie anzuwenden sind.
Wenn wir wissen, wie der gesamte Lamrim geübt wird, werden wir wissen, wie alle anderen Schriften zu praktizieren sind. Wann immer wir eine andere Unterweisung erhalten, werden wir wissen, an welche Stelle des Lamrim sie gehört. Auf diese Weise wird jede neue Unterweisung, die wir erhalten, diejenigen unterstützen und verstärken, die wir bereits gelernt haben. Stellen wir uns vor, jemand bekommt eine Handvoll Reis, die er oder sie nicht sofort gebrauchen kann. Wenn er keinen Platz hat, um den Reis zu lagern, wird er keine Verwendung dafür haben und ihn wegwerfen müssen. Wenn er aber einen Lagerraum gebaut hat, um Säcke mit verschiedenen Getreidesorten aufzubewahren, wird er den Reis in den entsprechenden Sack geben und seinen Vorrat vergrößern können. Zu gegebener Zeit wird er den Reis gut gebrauchen können. Lamrim gleicht einem solchen Lagerraum. Zum Beispiel können Hinayana Lehren in den Stufen des Pfades einer Person mittlerer Ausrichtung aufbewahrt werden, Mahayana Lehren können in den Stufen des Pfades einer Person großer Ausrichtung aufbewahrt werden, Vajrayana Lehren können in den Stufen des Geheimen Mantra innerhalb des Lamrim aufbewahrt werden, Unterweisungen über abhängige Beziehung und den mittleren Weg können in den Stufen des höheren Sehens aufbewahrt werden und so weiter. Wenn wir nicht den gesamten Lamrim studieren, kann es sein, dass wir viele verschiedene Unterweisungen erhalten und uns noch immer fragen, was zu tun ist, wie jemand, der mit einer Handvoll Reis dasteht und sich fragt, was er damit anfangen soll. Wenn wir uns auf diese Weise verhalten, werden wir die meisten Unterweisungen verschwenden, die wir erhalten.
Als der große tibetische Meister Kyabje Phabongkha in Kham in Osttibet lebte, kam ein Geshe von einem der großen Gelug Klöster in diese Gegend, um praktische Unterweisungen von einem Nyingma Lama zu erhalten. Die Leute in der Umgebung schlossen daraus, dass die Gelugpas keine Praxis hätten, da ein solch großer Geshe nach einer Praxis suchen musste. Als Kyabje Phabongkha davon hörte, sagte er, es sei jammerschade, dass dieser Geshe so viele Studienjahre verschwendet hätte, indem er nicht erkannt habe, dass alle seine früheren Studien in die Praxis umzusetzen sind. Der Geshe konnte nur deshalb so viel Zeit verlieren, weil er den Lagerraum des Lamrim in seinem eigenen Geist nicht errichtet hatte.
WIR WERDEN ALLE LEHREN BUDDHAS ALS PERSÖNLICHEN RATSCHLAG BETRACHTEN UND IN DIE PRAXIS UMSETZEN
Indem wir den gesamten Lamrim studieren, werden wir erkennen, dass es keine Widersprüche zwischen den Lehren Buddhas gibt und dass alle in die Praxis umgesetzt werden sollten. Dessen bewusst, werden wir jede Unterweisung als persönlichen Ratschlag betrachten und selbst Erfahrungen gewinnen und dadurch entdecken, dass jede Unterweisung vollkommen und verlässlich ist.
Wenn wir Buddhas Lehren praktizieren, sollten wir weder etwas auslassen noch etwas hinzufügen. In Erhabenes Kontinuum des Großen Fahrzeuges sagt Maitreya:
In dieser Welt gibt es niemanden, der geschickter als Buddha ist.
Sein allwissender Geist nimmt alle Objekte des Wissens ohne Ausnahme direkt wahr.
Deshalb sollten wir alles praktizieren, was Buddha lehrte.
Wenn wir unsere eigenen Interpretationen vornehmen oder etwas auslassen, zerstören wir den Buddhadharma.
Reine buddhistische Unterweisungen sind nur diejenigen, die über eine reine, ununterbrochene Linie direkt auf Buddha Shakyamuni zurückgehen. Lamrim enthält all diese Unterweisungen und ist die eigentliche Methode, sie in die Praxis umzusetzen.
WIR WERDEN BUDDHAS ENDGÜLTIGE ABSICHT LEICHT VERWIRKLICHEN
Buddhas endgültige Absicht ist, dass alle fühlenden Wesen volle Erleuchtung erlangen, indem sie alle Verwirklichungen der Stufen des Pfades erreichen. Diese sind in folgenden fünf enthalten: den Verwirklichungen der drei Hauptaspekte des Pfades – Entsagung, Bodhichitta und der richtigen Sicht der Leerheit – und den Verwirklichungen der Erzeugungs- und Vollendungsstufe des Geheimen Mantra. Buddhas endgültige Absicht zu verwirklichen bedeutet, alle diese Verwirklichungen zu erlangen und somit den größten Wunsch zu erfüllen, den er für uns hat.
Die drei bisher erklärten herausragenden Merkmale können am besten voneinander unterschieden werden, wenn wir das Beispiel eines Malers betrachten. So wie ein Maler weiß, dass alle seine Arbeitsutensilien nötig sind, um ein Bild zu malen, und so wie er die besondere Funktion eines jeden kennt, so verstehen Praktizierende des Lamrim, dass sie alle Lehren Buddhas benötigen, wenn sie Erleuchtung erlangen wollen, und dass es keine Widersprüche zwischen den Unterweisungen gibt. So wie ein Maler beim Malen des Bildes alle seine Hilfsmittel benutzt, so verstehen Praktizierende des Lamrim, dass jede einzelne Unterweisung Buddhas als persönlicher Ratschlag betrachtet und in ihrem Leben angewandt werden muss. So wie ein Maler durch das Benutzen seiner Arbeitsutensilien schließlich seine Arbeit vollendet und den Wunsch seines Auftraggebers oder Gönners erfüllt, genauso werden Praktizierende des Lamrim Erleuchtung erlangen und dadurch Buddhas endgültige Absicht erfüllen.
In Zusammengefasste Darlegung der Stufen des Pfades sagt Je Tsongkhapa, dass wir nur schon durch einmaliges Hören oder Lehren des Lamrim die Vorteile erhalten, die das Hören oder Lehren des gesamten Buddhadharma mit sich bringt. Gleichermaßen werden wir direkt oder indirekt alle Lehren Buddhas praktizieren, wenn wir den gesamten Lamrim praktizieren. Deshalb müssen wir uns mit Lamrim nicht unzufrieden fühlen oder nach Unterweisungen für eine andere Praxis suchen.
WIR WERDEN GANZ NATÜRLICH FREI VOM GROSSEN FEHLER UND ALLEN ANDEREN FEHLERN WERDEN
Der große Fehler ist, den Dharma infolge falscher Unterscheidung zwischen den Schriften Buddhas zurückzuweisen. Wenn wir denken, dass manche Schriften gut und andere schlecht sind, oder wenn wir denken, dass manche vernünftig sind und andere nicht, begehen wir den großen Fehler, Dharma zurückzuweisen. Wir weisen den Dharma auch zurück, wenn wir aufgrund von Sektierertum die Theorie vertreten, dass einige Schriften für höhere Praktizierende unnötig sind, indem wir beispielsweise denken, dass einige Schriften für Bodhisattvas und andere nur für diejenigen mit begrenzterem Bestreben sind. Durch das Studium und die Praxis des gesamten Lamrim werden wir davor bewahrt, diesen Fehler zu begehen. Wenn wir den eigentlichen Zweck jeder Unterweisung verstehen und erkennen, dass keine von ihnen widersprüchlich ist, und wenn wir die Unterweisungen selbst praktizieren und durch unsere Erfahrung beweisen, dass jede einzelne richtig und verlässlich ist, werden wir niemals auch nur eine einzige dieser Unterweisungen zurückweisen oder herabsetzen.
Durch das Studium und die Praxis des gesamten Lamrim werden wir auch jeden anderen Fehler überwinden, weil jede Unterweisung ein vollkommenes Gegenmittel ist und alle Fehler ihre Gegenmittel innerhalb des Lamrim finden. Beispielsweise zerstört die Stufe, die uns lehrt, unseren Geist in Vertrauen und Respekt gegenüber unserem spirituellen Meister zu schulen, falsche Geisteshaltungen der Wut oder Respektlosigkeit gegenüber unserem Lehrer und befreit uns davon, ihn als gewöhnliche Person anzusehen. Alle anderen Stufen der Geistesschulung wirken auf die gleiche Weise und beseitigen fehlerhafte Geisteszustände und die durch sie hervorgerufenen Handlungen.
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