An diesem milden Februartag des Jahres 2016 hatte sie es so eingerichtet, dass sie am späten Nachmittag vor Ort war, denn sie wollte die Ebbe nutzen, um mit einem Taxi anzureisen. Es bestand zwar auch die Möglichkeit, bei mittlerem Hochwasser von etwa drei Metern den Fährdienst mittels eines hochbeinigen Gefährts zu nutzen, das als besondere Attraktion galt. Vom Aussehen her an einen Omnibus auf Stelzen erinnernd, befanden sich die Räder unter Wasser auf dem Damm, während Passagiere und Fahrer auf einer Plattform vor dem Meer und der starken Strömung geschützt waren. Für den Antrieb sorgte der Motor einer ehemaligen Landwirtschaftsmaschine. Die Vorgänger des musealen Amphibienfahrzeugs, das über dreißig Fahrgästen Platz bot, waren in den 20er und 30er Jahren Kettenfahrzeuge gewesen. Doch Annabel mochte nicht in luftiger Höhe wie auf einem Karussell sitzen, sondern zog den Komfort eines Taxis vor.
Auf der Insel wurde ihre Ankunft bereits bemerkt, und ein Page eilte ihr entgegen, um das Gepäck in Empfang zu nehmen. Annabel nahm sich Zeit, die Stufen der steil ansteigenden Treppe zu erklimmen. Die alte Holzkonstruktion, die man zu Internatszeiten hermetisch verriegelt und mit Stacheldraht versehen hatte, war längst durch eine moderne Version aus Stahl und Stein ersetzt worden.
Oben angekommen, stellte Annabel fest, dass der Weg zum Hotel in dichtem Nebel lag. Die seitlich in lockerem Abstand aufgestellten niedrigen Leuchten erinnerten mit ihrem gelben Licht an die Augen von großen Fabelwesen. Ein Umstand, der leicht unheimlich wirkte, sie aber nicht ängstigte. War sie doch gewiss, kurz darauf von der warmen Atmosphäre des Entrees empfangen zu werden. Auch stellte sie sich vor, wie die angrenzenden Wiesen ab Mai mit üppig blühenden Grasnelken und den Blüten des Frauenschuhs übersät sein würden. Die Luft würde erfüllt von Blumenduft, Vogelgezwitscher und Möwengekreische sein, und vereinzelt würde man Eier in den Nestern der Möwen oder unbeholfen herumtapsende kleine Möwen erblicken können.
Etwas atemlos erreichte Annabel den prächtigen Empfangstresen, wo sie lächelnd von einem Mann mittleren Alters begrüßt wurde.
»Wie schön, Milady, sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen«, sagte er formvollendet.
»Danke, ich freue mich, hier zu sein. Nur fürchte ich, der Nebel hat meine Frisur ruiniert. Wahrscheinlich sehe ich wie eine nasse Katze aus.«
»Ich darf Milady versichern, dass alles in bester Ordnung ist. Kommen Sie zum Ausspannen oder steht wieder eine Recherche an, wenn ich fragen darf?«
»Ausspannen kann ich eigentlich zu Hause. Ich habe ja nicht wirklich etwas zu tun. Nein, nein, Sie vermuten richtig. Ich recherchiere für einen neuen Roman. Das Thema möchte ich allerdings noch nicht verraten.«
»Wie schade! Dann freuen wir uns auf das Erscheinen des Buches. Es wird garantiert einen Platz in unserer Bibliothek finden.«
»Äußerst liebenswürdig. Aber vielleicht missfällt Ihnen das Thema?«
»Das liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ihr Gepäck ist schon aufs Zimmer gebracht worden. Kann ich sonst noch zu Diensten sein?«
»Im Moment nicht, danke. Später werde ich meinen Tee in Ihrem bezaubernden Salon nehmen, doch zunächst packe ich erst einmal aus, damit meine Sachen nicht völlig zerknittern.«
»Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.«
»Danke.«
Die im reinsten Art-deco-Stil gestalteten und mit Originalmöbeln aus den 1930er Jahren versehenen Zimmer waren zum Teil nach den berühmten Hotelgästen benannt, die sie früher bewohnt hatten. So gab es zum Beispiel eine Noël-Coward-Suite, ein George-Gershwin-Zimmer, ein Kirk-Douglas-Zimmer und eine Beatles-Suite. Annabel wohnte natürlich im Agatha-Christie-Zimmer, was ihr jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Ihre Freundinnen Edina, Moibeal und Rhona würden sie für hoffnungslos überspannt halten, wenn sie davon erführen, deshalb behielt Annabel dieses Geheimnis wie so manch anderes für sich.
Das elegante Zimmer wurde ganz von den Farben Grau und Rosé dominiert. Zwei der für jene Zeit typischen Clubsessel mit abgerundeten Kanten in Rosé und erdbeerfarbener Borte und ein passendes Sofa luden zum Verweilen ein. Der kleine runde Glastisch mit Chromgestell stand auf einem flauschigen Teppich mit grafischem Muster. Ein Fernsehgerät oder einen Internetanschluss suchte man vergeblich in den Zimmern. Es stand nur ein niedliches Kofferradio neben dem Sofa, das vom Stil her eher in die fünfziger Jahre passte, dachte Annabel, aber wer wollte es schon so genau nehmen? Sie freute sich schon auf das gemütliche, ausladende Bett, das von einem Baldachin aus grauer Seide gekrönt wurde. An den zartgrauen Wänden hingen mehrere Spiegel, zum Teil sogar in einer Dreierformation. Die Flure hingegen schmückten originalgetreue Gemälde, Bleistiftzeichnungen und Fotos, die an die Blütezeit des Hotels in der Vergangenheit erinnerten.
Nachdem Annabel ihre Sachen in den schlichten Schrank aus Kirschholz gehängt hatte, räumte sie im halbhoch schwarz gekachelten Bad mit durchgehend rosa Keramik ihren kleinen Kosmetikkoffer aus und überprüfte bei dieser Gelegenheit ihr dezentes Make-up und ihre Frisur, die gegen alle Erwartung den feuchten Nebel recht gut überstanden hatte. Sich ein letztes Mal im Spiegel betrachtend, stellte sie fest, dass sie durchaus passend gekleidet war und sich unter den Hotelgästen sehen lassen konnte.
Im Tearoom mit Kamin, in dem ein wärmendes Feuer prasselte, sah sie sich kurz um, stellte aber fest, dass sie niemanden kannte. Sie wählte einen Tisch, neben dem eine Art Ohrensessel stand, und bestellte den berühmten cream tea : frisch gebackene scones, ein kleines Gebäck aus Mehl, Eiern und Rosinen mit Schlagsahne oder aromatische Erdbeerkonfitüre als Krönung, und Earl Grey, Ceylon Blend oder Assamtee, der in einer Silberkanne gereicht wurde. Hier servierte man ihr die scones mit vanillegelber Haube und Ceylon Blend in hauchfeinem Bone China Porzellan.
Schon nach der ersten Tasse betrat eine Lady den Raum, die ein wenig auffällig gekleidet und reichlich mit Schmuck behangen war und zielstrebig auf Annabel zusteuerte.
»Wie schön, meine Liebe, Sie hier zu treffen!«, rief sie aus und setzte sich in einen Sessel mit weniger hoher Lehne. »Man könnte glatt meinen, wir hätten uns verabredet. Bei meinem letzten Aufenthalt habe ich Sie schmerzlich vermisst.«
»Wie nett, dass Sie das sagen«, machte Annabel freundlich Konversation. Sie hätte nicht auf Anhieb sagen können, ob sie sich wirklich freute, Mrs. Rose Mitchell wiederzusehen. Die Lady, etwas älter als Annabel, war ziemlich gesprächig und neigte dazu, andere zu vereinnahmen. Mitunter musste man tief in die Trickkiste greifen, um sie wenigstens eine Zeitlang loszuwerden. »Sind Sie auch gerade erst angekommen?«, fragte Annabel und hoffte, die Lady würde verneinen und schon dem Ende ihres Aufenthaltes entgegensehen.
»Nein, bereits vor drei Tagen. Aber da mich zu Hause niemand vermisst, werden wir noch eine längere Zeit gemeinsam haben. Oder wollten Sie nur für das Weekend bleiben?«
»Nein, nein, schon etwas länger. Wie lange genau wird vom Ergebnis meiner Recherchen abhängen.«
»Wie aufregend. Welchem Verbrechen sind Sie denn diesmal auf der Spur?«
»Ach, keinem bestimmten«, wich Annabel aus. »Ich würde nur sehr gerne etwas mehr über die Geschichte dieses Hauses erfahren.«
Ihr Gespräch wurde kurz unterbrochen, als auch Mrs. Mitchell ihr cream tea serviert wurde. Nachdem die gesprächige Dame einen Schluck Tee und einen Keks genossen hatte, nahm sie den Faden wieder auf.
»Bei Ihren Recherchen kann Ihnen bestimmt die Hausdame, Mrs. Graham, behilflich sein. Eine ganz reizende Person, finden Sie nicht? Mitunter ist sie etwas kurz angebunden, doch wer will ihr das verdenken bei der vielen Arbeit?«
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