"Brahmachari, ich bin unheilbar krank. Ich habe kein Geld, mir einen Arzt zu leisten, ich gehöre zur untersten Kaste, und ich sehe meinem Tod entgegen. - Du fragst mich, ob ich wieder gesund werden wollte? Das wäre ein Wunder. Ja, ein Wunder. Nur Shiva könnte das vollbringen!"
"Gut. Dann komm mit. Shiva wird dich wieder gesund machen." sagte der Magier sehr freundlich.
"Ist das jetzt ein Scherz, ein Lila Shivas? - Also gut, schaden wird es mir wohl nicht, wenn ich kurz mitgehe. Hast du keine Angst, dich anzustecken? Wenn du dich an mir ansteckst, bist du ebenfalls des Todes geweiht, es sei denn, du kannst dir den sündhaft teuren Krankenhausaufenthalt und einen guten Arzt leisten. - Warte, bis ich hier fertig bin. Bitte."
"Ich warte, Tuurgu Lallapalli."
"Woher kennst du meinen genauen Namen??"
"Frag nicht soviel, glaube einfach an ein Wunder. Dein negatives Karma ist getilgt."
Tuurgu schichtete jetzt Holzscheite zu einem Scheiterhaufen auf. Bald würde die erste Leichenverbrennung an diesem frühen Morgen stattfinden. Sorgfältig schichtete er, zusammen mit den anderen drei Männern, die Scheite kunstvoll zu einem meterhohen Turm auf, in dem später der Tote positioniert werden würde. Ein wenig erinnerte es optisch an die Hexenverbrennungen in Europa, aber die Energie war ganz anders. Hier ging es nicht um Strafe und Vergeltung, sondern um den Übergang in die andere Dimension, ins feinstoffliche jenseitige Reich.
Der Magier von Varanasi wartete geduldig, bis Tuurgu, er war früher Steinmetz und kam aus Mamallapuram in Tamil Nadu, fertig war.
Jetzt gab es plötzlich eine Art Paralleldimension. Eine neue Szene tat sich auf, die mit Tuurgu nichts zu tun hatte.
Wie aus dem Nichts tauchte der Geist eines US-amerikanischen Mannes vor dem Magier auf. Es war der Geist des Amerikaners, und er sah irgendwie militärisch aus.
"Was verschafft mir die Ehre, Kamerad?" fragte der Magier betont schnippisch, obwohl er die Antwort eigentlich schon genau wußte.
"Ich habe den Namen Anandamayi Mas und den Namen Shivas mißbraucht. Der Karmische Rat hat mich hierhergeschickt."
"Nun gut, dann werde ich dich deiner Illusionen berauben, deines Habgier-Samsaras. Warum warst du so habgierig, bevor du im August 2012 durch den elektrischen Stuhl wegen Hochverrats umgekommen bist? Warum hast du die ganzen Millionen illegal einkassiert?"
"Woher weißt du das?? Bist du Jesus, oder Gott?"
"Nein, weder noch. - Warum warst du so habgierig? Antworte!"
"Ein Dämon hat mich getrieben, und ein sehr reicher Mann aus den USA. Er hat gesagt, wenn ich nicht pariere, dann passiert was!"
"Ach du Armer! Ein Dämon! Besessen von einem Asura!" sagte der Magier gespielt ironisch. "Soviel, wie du auf dem Kerbholz hast... Schau dir diesen Baum an -" plötzlich erschien ein imaginärer Baum wie aus dem Nichts - "...wieviele Blätter sind an diesem Baum?"
"Es könnten an die zehntausend sein!"
"Es sind genau 23666. Soviele Inkarnationen hast du noch vor dir!"
"Ich bin christlich erzogen worden, da glaubte man nicht an Reinkarnation. - Aber wenn du das mit den 23666 Leben sagst, dann glaube ich dir. Noch soviele Leben? Warum soviele?"
"Siehst du, du begreifst noch nicht einmal, warum. - Entschuldige dich bei Anandamayi Ma und Shiva, daß du ihre Namen mißbraucht und sie entehrt hast."
"Verlangen das Ananda... ähh, Dingsbums, und Shiva von mir?"
"Nein, sie verlangen das nicht. Es geht um deine Illusionen. Entschuldige dich vor dir selbst!"
"Das begreife ich nicht!"
"Ein Gehirn wie ein Spatz und ein Herz aus Stein. Was passiert, wenn der Stein zu spröde wird?"
"Er zerbricht."
"Genau. Was passiert mir dir demnächst, wenn du dich nicht vor dir selbst entschuldigst?"
"Ich weiß es nicht, verdammt!! Laß mich jetzt gehen, sonst..."
"Was sonst?? Wirst du mich dann erschießen und töten? Mit einem astralen Maschinengewehr oder einer imaginären Granate?"
"Jawohl!"
Im Nu erschien eine astrale Granate und ein Astral-Maschinengewehr! Der Delinquent ballerte jetzt wie verrückt auf den Magier von Varanasi ein, und warf dazu noch die Granate, die astral, und nicht physisch, explodierte. Der Magier war vollkommen unbeeindruckt; die Kugeln gingen durch ihn hindurch wie durch Luft und die Explosion verpuffte, als ob nichts gewesen wäre.
"Verdammt! Bist du unsterblich? Warum stirbst du nicht, und du trägst keinen Schaden davon! Das gibt's doch nicht! Spinn ich jetzt?"
"Du kannst mich nicht töten! - Sieh da zu dem Scheiterhaufen hinüber! Was siehst du da?"
"Eine vor sich hin kokelnde Leiche, irgendso ein Assi aus Indien!"
"Wie hochnäsig! Ein Assi ! Und du, bist wohl was besseres?"
"Natürlich! Schließlich habe ich mit einem der elitären 300 zusammengearbeitet!"
"Mit den Asuras!"
"Wenn du es so nennen willst."
"Und warum?"
"Mein Auftrag war es, die USA militärisch zu kippen, in Zusammenarbeit mit sehr reichen korrupten Leuten."
"Ebenfalls Asuras, diese Korrupten!"
"Na und?? Ich habe immerhin 5,8 Millionen US-Dollar dafür gekriegt!"
"Und jetzt? Was machst du mit dem ganzen Geld?"
"Es ist weg, einfach weg!"
"Hahaha! Dein ganzes Geld, einfach weg! - Entschuldige dich bei Shiva, und du bekommst dein Geld wieder!"
"Ehrlich??"
"Ja, wenn ich es dir sage!" sagte der Magier theatralisch.
"Also, Shiva, ich entschuldige mich bei dir höflichst, daß ich deinen Namen mißbraucht habe! - Und jetzt will ich mein Geld wieder, und zwar sofort!!"
Plötzlich flatterten 5,8 Millionen $ in ganz vielen Scheinen wie wild um den Delinquenten herum! Wie ein Wirbelwind! Der Delinquent versuchte sie zu greifen, aber er erwischte keinen einzigen davon!
"Hahaha!" lachte der Magier höhnisch. "Du Versager! Noch nicht einmal in der Lage, auch nur einen einzigen lumpigen Schein zu erwischen! Versager !! Streng dich an!"
Wie durchgedreht griff der Delinquent nach den Scheinen! Das ganze ging fünf Minuten lang, bis er vollkommen außer Puste war. Schließlich erwischte er doch einen einzigen Hundert-Dollar-Schein, und dieser zerriß im auch noch mitten in der Luft, so daß er nur eine Hälfte in der Hand hatte.
"Du blödes Arschloch! Du hast mich angelogen! Jetzt hab ich nur eine einzige Hälfte in der Hand! Die Hälfte von hundert US-Dollar! Ich will alles, alles, alles !!!" brüllte der Delinquent wie verrückt. Die anderen am Manimarnika Ghat bekamen davon nichts mit, denn es war in einer Art Paralleldimension.
"Verdammt! Ich will das Geld, v e r d a m m t n o c h m a l !!!" Der Delinquent war vollkommen außer sich.
Erneut flatterten die 5,8 Millionen um ihn herum, diesmal noch näher, so daß man ihn vor lauter Scheinen gar nicht mehr sah. Ab und zu blitzten seine Hände aus dem Tumult auf.
"Fang sie doch, die Scheine! Fang sie doch!"
"Ich will mein Geld haben! Und zwar alles !!"
"Es ist doch da! Du mußt es nur noch fangen! Nur einige Zentimeter Abstand, so nah! Fang es doch!"
Eine Stunde lang ging dieses Spiel so weiter. Irgendwann war der Delinquent so erschöpft, daß er zusammenbrach und zu Boden fiel. War er jetzt etwa astral gestorben? Nein, nur einige Zeit in einer Art "Ruhephase".
Inzwischen war Tuurgu Lallapalli mit seiner Arbeit fertig und bereit, mit dem Magier von Varanasi mitzugehen.
Aber der Delinquent wachte wieder auf. Eine vorerst letzte Konfrontation mit dem Ex-Pentagon-Kotzbrocken, der durch 50000 Volt seinen Geist ausgehaucht hatte, bahnte sich an. Mr. 50000 Volt, klang doch nicht schlecht!
"Das Spielchen mit den Geldscheinen, oder von mir aus auch mit Goldmünzen oder Silberstücken, wird sich noch hunderte von Malen wiederholen, Mr. Schwerverbrecher!"
"Du kannst mich mal, blöder Indien-Fuzzi! Ich will hier weg, und zwar sofort !!" brüllte der Delinquent weiter.
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