Wäre die Ladung in Zappatonis Maschine nicht etwas zwiespältig gewesen, hätte auf den ersten Blick alles ziemlich paradiesisch gewirkt.
"Für was und wen sind eigentlich diese Elektronikmodule genau, Zäppi?" fragte Steve.
"Es geht um die Verbesserung der Infrastruktur von Indiens Hauptstädten. Beleuchtung, Verkehrsbetriebe, Ampelschaltungen, elektrische Garagentoröffner für die wachsende Mittelschicht... lauter so Zeugs. Ein rasant wachsender Markt, ebenso China und Brasilien. Da bin ich jetzt eingestiegen. Ein boomendes Geschäft. Europa kannst du vergessen. Da geht doch nur noch alles den Bach runter!"
"Wie Recht du hast, Emilio. Europa hangelt sich nur noch von Rettungsschirm zu Rettungsschirm. Wenn das mal zusammenbricht, dann seh ich schwarz!"
"Sicherheitshalber habe ich mir schon etwas Gold und Platin zur Seite gelegt. Bin ja nicht blöd. Wenn die Weltwirtschaft crashen sollte, dann hab ich wenigstens noch was! Edelmetalle sind eine sichere Anlage!"
"Nur daß man Gold und Platin nicht essen kann. Aber egal. - Mach doch mal das Radio an, wegen dem Flugwetterbericht."
"Flugwetter? Ist doch alles bestens. Strahlender Sonnenschein, fast kein Wölkchen am Himmel..."
"Ich besteh drauf. Bitte!"
"Si, Signore. Ich schalt's an."
Leicht aufgeregt ertönte die Stimme des Radiosenders bzw. Flugfunks für Piloten: "...In New Delhi gab es vor eineinhalb Stunden einen Bombenanschlag in der Nähe des Hauptflughafens, circa zwei Kilometer entfernt. Drei Riskhafahrer, fünf Passanten und ein indischer Polizist wurden getötet. Über die Motive des Attentats gibt es noch keine Erkenntnisse, auch keinen Bekennerbrief. Piloten Richtung New Delhi, die kein Risiko eingehen wollen, wird nach Möglichkeit empfohlen, eine andere benachbarte Destination anzufliegen. Für den Flughafen New Delhi direkt wurde jedoch keine Gefahrenmeldung herausgegeben. Die Destination kann weiterhin normal angeflogen werden, es gibt kein offizielles Landeverbot. - Und nun zum Flugwetter: Über ganz Nordindien, Rajasthan, Großraum Delhi bis nach Kalkutta liegt ein großes Hochdruckgebiet mit einer Ausdehnung von knapp tausend Kilometern, was ruhiges Flugwetter bringt. Turbulenzen durch angrenzenden Tiefdruckeinfluß nur ganz am Ostrand Indiens Richtung Bangladesh. Die Temperaturen am Boden liegen zwischen 24 und 45 Grad Celsius plus, der Luftdruck um die 1040hPa gemittelt, schwache bis mäßige Winde zwischen Stärke drei und vier aus Nord bis Nordost. (...) Wir haben heute den 18. Februar 2013, die genaue Zeit: 11 Uhr und vier Minuten. - Nissan Micra , das super Auto ohne Parkplatzprobleme! Familienfreundlich, ideal für den Stadtverkehr, wahlweise mit Benzin- oder Autogasantrieb. Ideal für den Mittelklasse-Aufsteiger in New Delhi, Mumbai oder Chennai. Jetzt zum supergünstigen Einführungspreis von nur..." Emilio schaltete das Radio wieder aus. Die Reklame nervte.
"Scheiße! Ein Terroranschlag, Mamma Mia! Das hat uns gerade noch gefehlt. Ich kann aber nicht umdisponieren. Na ja, was soll's, ähh, wir sind ja keine Weicheier, Steve?"
"Ähh, eigentlich fände ich es doch besser... - na gut, wie du meinst. Der ganze Zirkus war ja zwei Kilometer weit weg."
"Bömbchen hab ich auch schon mal geflogen, damals vor fünfzehn Jahren nach Pakistan. Das war was, sag ich dir! Um ein Haar hätten mich die Bullen erwischt, nachdem ich die Ladung an die Empfänger, islamistische Rebellen, übergeben hatte. In letzter Minute konnte ich den Motor starten und hab der Polizia den Rücken gekehrt!"
"Hast du auch schon mal Rauschgift geflogen?"
"Warum fragst du das? Steve, ganz schön neugierig!"
"Nur so nebenbei, die Frage."
"Betriebsgeheimnis. In Mexiko, da geht's ab, sag ich dir. Drei frisch geköpfte Leichen hab ich da gesehen, da wird einem schon ganz anders. Drei Querulanten, die ihrem Boß widersprochen haben, und dann: Kurzer Prozeß. - So möcht' ich nicht enden!"
"Voll krass, ey! Und die Köpfe, wo waren die?"
"Mann, du stellst Fragen. Weg, weiß ich, wo. Als Trophäen im Büro der Gangsterzentrale aufgespießt - oder im Meer versenkt - oder im Müllsack vor der nächsten Polizeistation. Was weiß ich, Steve. Frag mich nicht solche Sachen."
"Mexiko soll ja total korrupt sein."
"Ja! Gegen Geld geht so gut wie alles. Da geht ganz schön die Post ab. Ein El Dorado für Gangster aller Art..."
"...wie dich!"
"Genau, Signore Roogers. - Alles Roogers, ähh, alles roger?"
"Der Witz aus dem Zehner-Sparpack? Du hast wirklich schon bessere Scherze gemacht."
"Was ist der Unterschied zwischen Cosa Nostra, italienischen Regierungsbeamten und sizilianischem Wein?"
"Weiß nicht, Zäppi."
Die ersten sind knallhart, zweitere kannst du garantiert weichklopfen, und ein Gläschen Wein, so zärtlich wie das Meer vor Marsala, entlockt immer so manche Wahrheit. Drum lade deine Gäste immer ein. - Was sie aber alle gemeinsam haben: Kaufen kannst du sie alle drei! Haha!!"
"Hahaha!! Der ist gut. Werd ich mir merken, Zäppi!"
Gerade waren frühmorgens um zwanzig nach fünf Uhr vier Leichenträger auf dem Weg zum Manimarnika Ghat unterwegs. Es waren Aussätzige, doms , alle schwerkrank, aber noch arbeitsfähig. Ihre Haut war von schlimm aussehenden Ausschlägen übersät, und sie hatten nicht mehr lange zu leben. Behäbig trugen sie den in weißen Tüchern eingewickelten Leichnam zur Waschung in der Heiligen Ganga Richtung Ufer. Die Prozession wirkte sehr mystisch; in dem schwachem Dunst, der vom Ganges aufstieg und dem Dämmerlicht, das bald vom goldenen Licht der aufgehenden Sonne ersetzt werden würde, konnte man förmlich eine Verbindung vom Diesseits zum Jenseits spüren, eine Brücke von der physischen in die feinstoffliche Dimension.
Es waren noch keine Touristen da. Weiter weg auf der gegenüberliegenden Seite des Gangesufers hatte sich klammheimlich ein vorwitziger Photograph mit Teleobjektiv und Stativ positioniert, um einige Szenen der Prozession zu erhaschen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er verscheucht werden würde.
Einige Hindus hatten die Befürchtung, daß durch das Photographieren, was verboten war, die entweichenden Seelen der Verstorbenen in der erdnahen Zone festgehalten und am Weitergehen in ihre sphärischen Welten gehindert werden würden. Außerdem wurde es als pietätlos empfunden.
Plötzlich tauchte ein fünfter dunkelhäutiger Mann neben den vier Leichenträgern wie aus dem Nichts auf! Man hatte fast den Eindruck, er hätte sich materialisiert, aber das konnte man in dem Schummerlicht nicht so eindeutig erkennen. Er trug einen gelben Dhoti und ein traditionell indisches langes gelbes Hemd, und wirkte wie eine Lichtgestalt. Aufmerksam betrachtete er die ganze Prozession und ging zur Gangeswaschung des Kandidaten, der seinen Atman schon so gut wie ausgehaucht hatte, mit.
Es war der Magier von Varanasi .
Eine rätselhafte Erscheinung, die vielen Leuten in den Ghats schon öfters begegnet war, die sie aber nicht richtig einordnen konnten. Wie auf einen Fingerschnipps erschien und verschwand er, half manchmal beim Aufschichten des Holzes für die Scheiterhaufen, heilte Menschen, und gab den Toten den letzten Segen. Keiner wußte eigentlich genau, wer er war. Bis heute nicht. Einige dachten, es müßte wohl ein Brahmachari sein, jemand, der sich für das Mönchstum in Enthaltsamkeit entschieden hatte. Aber das waren alles nur rationale Erklärungen, die sich die Menschen zusammengebastelt hatten.
Der Magier von Varanasi ging zu dem einem der Leichenträger, der mitgeholfen hatte, den Leichnam in der Heiligen Ganga zu waschen. Jetzt waren sie mit der Waschung fertig. Langsam wurde es heller, und bald würde die Sonne aufgehen.
"Tuurgu Lallapalli, möchtest du wieder gesund werden? Dein negatives Karma ist nun getilgt. Hörst du mich, Tuurgu?"
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