Mika M. Krüger - Sieben Raben

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Ihr Leben lang wird Frana von sieben Raben begleitet. Doch ob sie Freund oder Feind sind, vermag Frana nicht zu sagen. An einem nebeligen Herbstmorgen dringt einer der Vögel in Franas Haus ein, zerrt an der Schublade einer Kommode und offenbart so ein düsteres Geheimnis: Frana ist nicht die Tochter ihrer Eltern. Auf der Suche nach ihrer tschechischen Herkunft wird sie Opfer eines alten Streits und muss sich diesem mit Mut stellen, die Raben immer an ihrer Seite. –Sieben Raben wurde mit dem Qindie Siegel ausgezeichnet. Nur was ist eigentlich Qindie?
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Als hinge der Regen auf der Landstraße nach Deutschland fest, nahm er in Richtung Bynovec ab. Die Sicht wurde besser.

Die Landschaft war von Hügeln geprägt. Den Straßenrand säumten Nadelbäume. Im Hintergrund war das Elbsandsteingebirge mit seinen zahlreichen Gebirgsformen zu sehen. Ein nebeliger Streifen zog sich über die Bergspitzen. Es sah aus wie ein seidenes Band, das in schwebender Geduld über die Szenerie glitt. Ein bisschen kam sich Frana vor, wie der Wanderer über dem Nebelmeer, den schon Caspar David Friedrich gemalt hatte.

Nur ab und an kam Frana ein Auto entgegen, von Häusern oder menschlicher Zivilisation gab es kaum eine Spur, bis sie das Ortseingangsschild von Bynovec passierte und die ersten Häuser hinter den Nadelbäumen auftauchten.

Sie hielt an einer Dorfkirche aus dunklem Stein und wanderte kurz darauf ziellos durch die Straßen des verschlafenen Ortes. Dabei wollte ihr ein Kinderlied nicht mehr aus dem Kopf gehen, das sie seit dem Verlassen ihrer eigentlichen Route im Kopf hatte.

An einem Supermarkt machte sie Halt, kaufte sich Oblaten, weil sie glaubte, das wäre typisch Tschechisch und aß sie auf einer Bank. Während sie aß, entdeckte sie eine Wanderkarte und dachte, es könne ja nicht schaden, mal einen Blick darauf zu werfen. Sie las die unterschiedlichen Namen von den Ortschaften und fuhr mit dem Finger darüber. Lauter unbekannte Wörter, nichts als gleichgültige Fremde und dann hatte sie eine Eingebung. Ihre Fingerspitze verharrte auf einem Tal inmitten der bergigen Landschaft. Es war nur ein kleiner Fleck, der in das Gebirge eingelassen schien. Dort war keine Ortschaft verzeichnet, nur eine schmale Linie, womöglich ein Forstweg, ließ erahnen, dass man auch mit dem Auto in das Tal gelangen konnte.

Urplötzlich hatte sie das Verlangen dorthin zu fahren. Es war so stark, dass ihre Hände zu zittern begannen und sie die Zähne aufeinander pressen musste. Hinter sich glaubte sie einen Raben schreien zu hören und wandte sich erschrocken um. Doch weder in den Bäumen noch am Wegesrand entdeckte sie die ihr so vertrauten Gesellen.

Sie sind hinter der Grenze , dachte sie und bekam eine Gänsehaut.

Kapitel 8: Rückkehr

Tschechoslowakei, Dezember 20 Jahre zuvor

Auf dem Weg zurück zum Bauernhaus zitterte Krystof noch immer. Der süße Geschmack auf seinen Lippen war längst verflogen. Immer wieder knetete er unruhig seine Hände und versuchte, seine Fassung wiederzuerlangen. Sie hatten nur eine vage Gestalt gesehen. Nur einen Schatten oder etwas, was aussah, als verfolgte es sie, doch es hatte gereicht, um das Blut in seinen Adern gefrieren zu lassen.

Der Motor röhrte bedrohlich, denn Onkel Nemec fuhr schneller als bei der Hinfahrt. Der Geschwindigkeitszeiger pendelte zwischen Hundert und Hundertzwanzig Kilometern pro Stunde. Die Schlaglöcher in der schlecht ausgebauten Straße fühlten sich nun an wie metertiefe Gräben. Die Kurven nahmen sie schnell. Krystof wagte es nicht, Einsprüche zu erheben.

So fuhren sie durch die Winterlandschaft, bis Onkel Nemec plötzlich anhielt. Für einen Augenblick starrte er in die Ferne und dann schluchzte er. Tränen rannen ihm über die Wangen. Mit dem Handrücken wischte er sie aus dem Gesicht.

»Lass es nicht sie gewesen sein«, murmelte er und legte den Kopf aufs Lenkrad. »Bitte, nur dieses eine Mal.« Dabei schluchzte er immer wieder.

Krystof saß wie versteinert neben seinem Onkel und wusste nicht, was er tun sollte. Ihm war selbst zum Heulen zu Mute, doch die Kälte hielt ihn ab.

Nach einer Weile, als Onkel Nemecs Schluchzen leiser geworden war und die Stille zurückkehrte, meinte Krystof: »Wir müssen nach Hause.«

Onkel Nemec sah auf, seine Augen waren verquollen und dunkel gerändert. »Es tut mir so leid Krystof«, sagte er und blickte ihn stumm an. Womöglich wartete er auf eine Reaktion, doch Krystof fielen nicht die richtigen Worte ein. Er wollte nur zurück in die Geborgenheit des Bauernhauses.

Und irgendwann startete Onkel Nemec den Wagen. Sie legten in ruhigerem Tempo den restlichen Weg zurück.

Als das Bauernhaus in Sichtweite kam, war Krystof unendlich erleichtert. Das Haus war umgeben von einem Wald. Im schwachen Licht des abendlichen Winterhimmels war es nur undeutlich zu erkennen, doch durch die Fenster drang Kerzenschein und Qualm stieg aus dem Schornstein auf. Es war so unwahrscheinlich ruhig an diesem vergessenen Ort.

Schon aus einiger Entfernung sahen sie am Straßenrand eine Silhouette stehen. Es war Tante Nemec. Sie entdeckte den Wagen sofort und lief ihnen entgegen. Ihr Gesicht war von Sorge gezeichnet.

»Ist alles gut gegangen?«, fragte sie, als Onkel Nemec auf dem Hof geparkt hatte.

»Wir konnten keine Medikamente kaufen, weil wir etwas spät dran waren, aber sonst war alles in Ordnung.« Onkel Nemec rang sich ein Lächeln ab. Nur Krystof erkannte die Bitterkeit darin. Auch wenn ihn das Lügen störte, war ihm klar, dass jede Erwähnung der echten Vorfälle die Tante in Angst und Schrecken versetzt hätte. Manche Wahrheiten blieben besser hinter Schloss und Riegel, das hatte er früh gelernt.

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